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Gastbeitrag

"Adam sucht Eva": Darum droht Gina-Lisa nun eine Haftstrafe

In der RTL-Show "Adam sucht Eva" hat Gina-Lisa Lohfink von einer Sex-Nacht 2012 erzählt - obwohl sie bereits wegen Falschbeschuldigung verurteilt wurde. Rechtsanwalt Dr. Alexander Stevens darüber, was ihr nun droht.

"Adam sucht Eva"

Gina-Lisa Lohfink bei "Adam sucht Eva"

MG RTL D

Derzeit ist Gina-Lisa Lohfink splitternackt in der Fernsehsendung "Adam sucht Eva" zu sehen. In der dritten Folge sprach sie über eine Angelegenheit, über die sie eigentlich öffentlich nicht mehr reden sollte: Sie war 2016 wegen Falschbeschuldigung angeklagt, denn sie hatte behauptet, von zwei Männern vergewaltigt worden zu sein. 

Dass ausgerechnet sie als Opfer auf der Anklagebank saß, ein riesiger Skandal, die Solidarisierung mit Gina-Lisa schier überwältigend. Unter dem Hashtag #TeamGinaLisa solidarisierte sich sogar die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig mit ihr sowie viele Prominente, darunter Alice Schwarzer, die ja schon im Kachelmann-Prozess fachlich Exzeptionelles beizutragen wusste. 

Als dann Gina-Lisa wegen falscher Verdächtigung verurteilt wurde, war Deutschland dennoch in heller Aufruhr, dieses Urteil natürlich ein Skandal. Für viele galt Lohfink dennoch ungebrochen als Gallionsfigur und neues Symbol der Feministinnen. Daran änderte auch nichts, dass der Richter Lohfink zu einer Geldstrafe in Höhe von 20.000 Euro verurteilte und deutliche Worte an sie richtete: "Sie haben sich öffentlich als Verteidigerin der Frauenrechte geriert. Aber allen wirklichen Vergewaltigungsopfern haben Sie einen Bärendienst erwiesen." 

Gina-Lisa Lohfink plaudert bei "Adam sucht Eva"

Jetzt könnte man meinen, der Gerechtigkeit sei doch jetzt Genüge getan. Schließlich sind die Männer nicht wegen Vergewaltigung in den Knast gewandert und Gina-Lisa hat doch auch ihre gerechte Strafe bekommen.

Alexander Stevens

Dr. Alexander Stevens ist nicht nur spezialisierter Anwalt für Sexualstrafrecht (weit über 200 Sexualstrafverfahren pro Jahr), auch weiß der ehemalige TV-Anwalt (u.a. "Richter Alexander Hold"), wie es hinter den Kulissen von Filmproduktionen zugeht.

Aber: Das Kapitel ist noch nicht zu Ende. Denn angesprochen auf ihr Gerichtsverfahren wegen falscher Verdächtigung, verkündete die splitternackte Gina-Lisa bei "Adam sucht Eva" vor einem Millionenpublikum, dass das alles eine geplante Sache gewesen sei: "Das Letzte, was ich weiß: Ich war am Trinken und dann bin ich wieder wach geworden und war auf einmal in irgendeiner Wohnung." Angeblich sei sie vorher gewarnt worden: "Gina, die tun das mit Mädels. Die sind dafür bekannt. Die tun immer Sachen ins Getränk und füllen die ab und f***** die - meistens zu zweit." 

Wieder könnte man meinen, dass das alles doch halb so wild sei. Und wer weiß, vielleicht ist sie ja wirklich unschuldig und tatsächlich ein Vergewaltigungsopfer?

Strafbare Handlung

Doch genau an dieser Stelle wird es kriminell: Denn wer wider besseres Wissen eine unwahre Tatsache über jemanden behauptet, die diesen verächtlich oder in der öffentlichen Meinung herabwürdigt, macht sich wegen Verleumdung strafbar. Geschieht das Ganze auch noch öffentlich zum Beispiel in einer RTL-Show, liegt die Strafe dafür bei bis zu fünf Jahren Gefängnis.

Völlig zu Recht. Nicht nur, dass Frau Lohfink den Instanzenzug in ihrem Strafverfahren ausgeschöpft und ihre Verurteilung zuletzt sogar vom Revisionsgericht bestätigt wurde. Der öffentliche Vorwurf an sich, von jemandem vergewaltigt worden zu sein, ohne dass dies rechtskräftig feststehen würde, ist existenziell vernichtend.

Dabei ist es schon regelrecht müßig Namen wie Kachelmann oder Türck gebetsmühlenartig zu bemühen, nur weil es die prominenten Beispiele unter so vielen anderen sind, deren Unschuld positiv erwiesen ist, die aber dennoch ihre gesellschaftliche Existenz verloren haben.

Was ist mit der "Unschuldsvermutung"?

Wir bewegen uns in Zeiten, in denen mittlerweile die bloße Behauptung, Opfer zu sein, vollkommen ausreicht, um glaubhaft zu sein – sogar vor Gericht und trotz Aussage gegen Aussage. Auch dazu muss man nicht erst prominente Fälle der #metoo Bewegung, wie etwa Kevin Spacey oder zuletzt Morgan Freeman bemühen, um festzustellen, dass nichts festgestellt ist. Ganz im Gegenteil: Bei Spacey wurde das Verfahren eingestellt, bei Freeman erst gar keines eingeleitet.

Was aber nachhängt ist der zigfach gehörte Kommentar: "Da wird schon was dran gewesen sein." Und nicht nur das: Sofort geht ob des bloßen Verdachts die Zerstörung der beruflichen Existenz einher - im Fall von Spacey nicht nur für künftige Aufträge, man hat ihn vorsorglich auch gleich aus einem bereits abgedrehten Kinofilm rausgeschnitten - und Freunde hat man dann sowieso keine mehr. Auch die Familie wendet sich nicht selten von einem ab - wer will schon mit einem mutmaßlichen Sextäter in Zusammenhang gebracht werden und sei es nur weil "da was dran sein könnte".  

Wo sind eigentlich verfassungsrechtliche Werte wie "Unschuldsvermutung", "im Zweifel für den Angeklagten" oder einfach nur "faires Verfahren" geblieben? Vor Gina-Lisa galt im Falle von kontradiktorischen Aussagen, sprich wenn Aussage gegen Aussage stand, genauestens zu untersuchen, ob man bei dieser denkbar schlechtesten Beurteilungsgrundlage, wirklich zu einer objektiv nachvollziehbaren Überzeugung gelangen kann, wer von beiden nun die Wahrheit sagt. 

Eine saubere Sachaufklärung ist wichtiger denn je

In Zeiten maximaler medialer Aufregung erscheinen diese rechtsstaatlichen Grundfesten vergessen. Dabei wäre gerade in den Zeiten von #metoo eine saubere Sachaufklärung wichtiger denn je. Es lässt sich einfach nicht von der Hand weisen, dass es auch Menschen gibt, welche die öffentliche Solidarität mit Opfern sexueller Übergriffe für eigene, wenig rühmliche Zwecke missbrauchen. Im Zuge um die Vorwürfe gegen den umstrittenen US-Richter Kavanaugh hat erst kürzlich eine politische Aktivistin eingeräumt, einen anonymen Brief verfasst zu haben, in welchem sie den Kandidaten für das oberste Richteramt in den USA fälschlich einer brutalen Vergewaltigung beschuldigt hatte. Man könnte meinen, dass solche Ereignisse zur Vorsicht mahnen. Stattdessen haben die deutschen Medien noch nicht einmal darüber berichtet.

Als Angeklagter einer Sexualstraftat kann man heute nur noch durch Sachbeweise einigermaßen sicher einer Verurteilung entgehen, beispielsweise weil - wie im Fall Kachelmann – gerade keine DNA-Spuren an der vermeintlichen Tatwaffe gefunden werden oder weil man "zufällig" per Video mitgefilmt hat, so wie im Fall Gina-Lisa. 

Und genau das macht die aktuelle Debatte um Gina-Lisa so unfassbar: Trotz eindeutigem Videobeweis, toxikologischem Gutachten und einem obergerichtlichen Urteil, das Gina-Lisa zu einer Falschbeschuldigerin erklärt, behauptet Lohfinks Anwalt allen Ernstes: "Ich würde mich freuen, wenn man nicht ständig jedes Wort meiner Mandantin auf die Goldwaage legt. Sie ist ein emotionaler Mensch, und das ist auch gut so. Einen Maulkorb lässt sie sich zu Recht nicht verpassen."

80 Tagessätze Geldstrafe

Mit anderen Worten: Obwohl in einer Zeit, in der echten und vermeintlichen Opfern beinahe uneingeschränkter Glaube an den Wahrheitsgehalt ihrer Vorwürfe entgegengebracht wird, gerichtlich eindeutig feststeht, dass Gina-Lisa zwei Männer fälschlicherweise einer schweren Sexualstraftat bezichtigt hat, soll sie weiterhin sagen dürfen, dass diese Männer sie trotzdem sexuell missbraucht haben?

Diese Männer wären ohne den Videobeweis vermutlich zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden, warum sollte schließlich eine Frau einen unschuldigen Mann der Vergewaltigung bezichtigen, heißt es da gern in den Urteilsbegründungen. Für Sex gibt’s sechs, lautet die Regel für Vergewaltigung. Heutzutage sind es meist sogar mehr als nur sechs Jahre Knast. Und was hat Gina-Lisa für ihre nachweislich falsche Beschuldigung bekommen? 80 Tagessätze Geldstrafe! Das entspricht etwa 2,5 Monaten Knast - ohne natürlich in den Knast zu müssen.

Eigentlich sollte man meinen, dass man im "Dschungelcamp" oder bei "Adam sucht Eva" dank der totalen Videoüberwachung vor Falschbeschuldigungen sicher ist. Gina-Lisa hat uns erneut eines Besseren belehrt.

Der Inhalt dieses Gastkommentars gibt ausschließlich die Meinung des Autors wieder und muss von der Redaktion nicht geteilt werden.

Reaktionen auf Lohfink-Prozess: "Gina-Lisa-Urteil ist wichtig - für die Glaubwürdigkeit echter Vergewaltigungsopfer"