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GNTM-Finale 2014 "Die Mädchen waren toll gewesen"


Stefanie ist die Gewinnerin der neunten Staffel – nun gut. Die Mehrheit wollte sie, da mochte die Jury nicht zurückstehen. Ihre Schuld war es jedenfalls nicht, dass das Finale eine zähe Kiste war.
Von Mark Stöhr, Köln

Was für eine Show. Nebel von unten, Feuerwerk von oben. Und Geschrei. Sehr viel Geschrei. Tausende Teenager im Ausnahmezustand. Es fehlte nicht viel und sie hätten sich ihre Zahnspangen aus den Mündern gerissen und auf die Bühne in der Köln-Arena geschleudert und ihre rosa Handys gleich hinterher. Direkt vor die Füße von Heidi Klum, die wieder einen trockenen Mund hatte. Sie hat immer einen trockenen Mund im Finale. Vielleicht sollte sie es mal mit einem Schluck Wasser probieren. Oder, besser noch: mit jemandem, der moderieren kann.

Doch die Klum will es ja partout alleine machen. Jahrein, jahraus quält sie sich mit null Spucke im Mund durch das Live-Spektakel. In ihrer Not produzierte sie gestern wieder Nullsätze der extra läppischen Sorte wie: "Seid ihr auch alle so gut drauf?", oder wurde kindisch: "Jetzt müsst ihr gleich noch mal Schminki-Schminki machen." Von ihren beiden Jurykollegen hatte sie nicht wirklich Hilfe zu erwarten. Von Thomas Hajo noch am ehesten, der kannte wenigstens den Ablaufplan auswendig. Aber von Wolfgang Joop? Was war mit dem eigentlich los?

Joop wirkt desorientiert

Der Modedesigner war in seiner eigener Welt. Vielleicht war das so ein Künstlerding von ihm. Vielleicht hatte er auch nur was Falsches gegessen. Wie ein Rechner im Ruhezustand dämmerte er große Teile der Show vor sich hin und richtete sich zwischendurch leicht irre die Haare. Wenn er doch irgendwie tätig werden musste, wirkte er desorientiert. Wo bin ich?, schien er sich zu fragen. In Paris? In Los Angeles? Köln war ein Gedanke, der ihm begreiflicherweise nicht gleich in den Sinn kommen wollte. In den Werbepausen wurde er von der Bühne geführt und kam jedes Mal in einem noch schrilleren Outfit zurück. Immerhin das: Er sah toll aus.

Und Joop hatte seine Geistesblitze. Sie trafen vornehmlich Jolina, die kühle Hamburgerin, die er zum Gähnen langweilig findet. Daraus hat er die ganze Staffel hindurch keinen Hehl gemacht. Als sie ihr selbstentworfenes Kleid präsentierte – eine der "Challenges" der Finalistinnen –, senkte der Modekaiser den Daumen und verspottete die Kreation als "Badeanzug mit Duschvorhang". Im weiteren Verlauf des Abends verschärfte er gegenüber der 17-Jährigen noch den Ton: "Lange Beine reichen nicht", blaffte er sie an, "die kann ich mir auch photoshoppen."

Joop war gereizt, weil er seine Favoritin Ivana nicht durchbrachte. Die gebürtige Bosnierin, von ihm als "Gesamtkunstwerk" gerühmt, schied als erste aus. Die Zwei-gegen-eins-Entscheidung zeigte, wie groß die Kluft zwischen Klum und ihrem Adlatus Hajo auf der einen und Joop auf der anderen Seite ist. Die Ungleichung lautet: McDonalds-Spots gegen die mondänen Laufstege in Paris und Mailand, auf denen Klum in ihrer aktiven Zeit nie landen konnte. Wenn schon nicht Ivana auf dem Topmodels-Thron, dachte sich Joop wohl, dann wenigstens Stefanie. "Sie ist über alle Erwartungen hinausgewachsen", lobte er sie fast überschwänglich und nannte sie – etwas überraschend und eigentlich auch ziemlich quatschmäßig – ein "Glamour-Girl" und eine "Diva". Sprach's und legte sich wieder hin.

Stefanie übertreibt es mit dem Nettsein

An den Kandidatinnen lag es nicht, dass dieser Abend so löchrig und verlatscht war. Sie gaben ihr Bestes – oder wie es Heidi Klum auf ihre ureigene Art formulierte: "Die Mädchen waren toll gewesen." Sie rollten in riesigen "Bubbles" durch die Halle und sahen in Joops Wunderkind-Kollektion – total fantastischen Kleidern mit Mustern und Farben wie von Kirchenfenstern – toll aus. Nur beim "Rock-Shooting" zeigten sie Schwächen, das war aber auch zu blöd. "Abfetzen, rockig sein, die Haare schmeißen", lautete die Ansage von Heidi Klum. Am Ende jedes Durchgangs mussten die jungen Frauen zudem einen brutal schlechten Spruch aufsagen. Reime der Preisklasse "Mit diesem Lack sind meine Haare auf Zack". Die Ergebnisse waren ernüchternd. Stefanie sah auf ihrem Bild aus wie Janis Joplin - in einem späteren Abschnitt ihrer Karriere.

Dass die Kaiserslauterin "Germany's next Topmodel" wurde – nun gut. Sie übertrieb es gestern ein wenig mit dem Nettsein und dem Winken und den Kusshänden ins Publikum. Sie wurde getragen von einer Welle der Begeisterung. Die 15.000 in der Köln-Arena standen fast geschlossen hinter ihr. Allein die Erwähnung ihres Namens führte zu Kreischorgien. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sich die Jury anders entschieden hätte. Dann wären vielleicht tatsächlich Zahnspangen und rosa Handys geflogen. Teenager können ja sehr böse werden.


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