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Ikone des Iran-Protests: Das Geschäft mit Neda

Vor einem Monat wurde Neda Agha-Soltan während der Unruhen in den Straßen Teherans erschossen. Ihr Gesicht gilt seitdem als Ikone des Protests gegen die Regierung von Präsident Ahmadinedschad. Aber was ist von ihr geblieben? Unter anderem eine Modenschau.

Von Sophie Albers

Es ist das klassische Ende eines Defilées: Der Modedesigner kommt auf die Bühne, umrahmt von seinen Models, und lässt sich beklatschen. So geschehen auch vergangene Woche in Rom, als der kleine, kräftige Guillermo Mariotto neben langen, dünnen Frauen über den Laufsteg lief, nachdem er die kommende Herbst/Winter-Kollektion des Luxuslabels Gattinoni präsentiert hatte. Doch galt der Applaus nicht nur ihm, sondern diesmal vor allem seinem T-Shirt und den kleinen Stoffbändchen, die seinen Models um die Handgelenke baumelten.

In grüner Schrift auf schwarzem Grund stand auf Mariottos Brust zu lesen: "Neda alive", und die Farbe der Stoffbändchen war grün. Neda, wie der Name der am 20. Juni in Teheran erschossenen Studentin. Grün wie die Farbe der Widerstandsbewegung im Iran. Einen Monat nach ihrem gewaltsamen Tod am Rande der Proteste hat es Neda Agha-Soltan auf einen Laufsteg in Rom geschafft.

Von Twitter bis zu Paulo Coelhos Blog

Es war der Abend des 20. Juni 2009, ein Samstag, als die 26-Jährige von einer Kugel getroffen zusammensackte und innerhalb von Minuten vor laufender Handykamera eines Passanten verblutete. Nachdem das Video über Nacht weltweit Verbreitung fand, wurde der Name Neda zum politischen Ruf. Ihr Abbild - mal sterbend, mal lebend als hübsches Porträt - war fortan Teil der Ikonografie des Protests gegen die Regierung Ahmadinedschad. Und das schon bevor sicher war, dass es sich um echte Bilder handelte, die Twitter, Youtube und andere Multiplikatoren durchs Netz spülten.

Auch die "alten Medien" Zeitungen und Fernsehen nahmen sich Nedas Geschichte an. Im Netz wurde nun auf allen Kanälen gesendet: bei Twitter, in sozialen Netzwerken, auf News-Seiten, in offiziellen und privaten Blogs, aber auch in Nischen-Foren, zum Beispiel über Animes, war dieser öffentliche Tod Thema. Der Autor Paulo Coelho schrieb in seinem Blog über Neda, weil er mit dem Arzt, der in den letzten Minuten bei ihr war, befreundet ist. In voller Medienbreite kamen sekündlich neue Informationen über die Umstände von Soltanis Sterben, die von der iranischen Regierung behinderte Beerdigung, weitere Zeugenaussagen, die gesamte Politisierung des Todes.

Song zum Netzbeben

Die netzweite Ikonisierung wurde mittlerweile als "Netz-Beben" bezeichnet und Neda Agha-Soltan als "erste Netz-Märtyrerin". Es entstanden Gedenkseiten. Im Online-Lexikon Wikipedia steht Soltanis Schicksal in 20 Sprachen nachzulesen. Im sozialen Netzwerk Facebook gibt es mehrere Gruppen im Namen des Gedenkens und auch eine Kampagnen-Seite. Ebenso auf Myspace. Auf Youtube kuriseren die Originalbilder in verschiedenen Längen und Ausführungen. Mal sachlich, mal eingebettet in Gedenkbilder oder auch künstlerisch verfremdet. Es gibt Trauervideos und Songs, die Neda gewidmet sind. Der gefeierte Iran-Comic "Persepolis" von Marjane Satrapi über das Leben im Exil wurde von Zeichnern namens Payman und Sina ohne die Autorin weitergeführt. Ab dem 25. Juni war Neda in "Spreadpersepolis" zu sehen.

Und dann gibt es noch die kommerzielle Seite. Niemals zuvor ist die Konsummaschine so schnell angesprungen und hat eine politische Figur zur hippen Hülle gemacht. Was bei Che Guevara Jahrzehnte brauchte, schaffte Soltani innerhalb weniger Wochen: Autoaufkleber, Schlüsselanhänger, Anstecker, Kaffeetassen mit Neda-Aufdruck sind im Angebot - und eben auch T-Shirts, die italienische Modedesigner anziehen. Solche Neda-Leibchen kosten übrigens bis zu 30 Dollar. Geradezu günstige Werbekosten für die Haute Couture von Gattonini, wo kein Kleid unter 10.000 Euro zu haben ist. Ja, das hat einen bitteren Nachgeschmack, aber im Augenblick braucht die Jugend im Iran alle Aufmerksamkeit, die möglich ist.