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Iris Berben und Senta Berger: "Frauen, wo seid ihr? Auf die Barrikaden!"

Sie sind die schönen, starken Frauen des deutschen Fernsehens, aber das hören Iris Berben und Senta Berger gar nicht so gern. Mit dem stern sprachen die Schauspielerinnen über ihr Image und die Last, die dies manchmal mit sich bringt. Und blickten zurück auf die Zeit, als sie 20 waren.

Von Ulrike von Bülow und Alexander Kühn

Sie sitzt in einem Fotostudio in München und hat das rechte Bein auf eine Kiste gelegt; Iris Berbens Knie schmerzt noch, Folge eines Kreuzbandrisses, den sie sich vor zwei Monaten bei Dreharbeiten in Kenia zugezogen hat. Sie steht auf, als Senta Berger den Raum betritt, herzliche Umarmung unter Kolleginnen. Freundinnen sind sie nicht, aber sie schätzen sich, sagen beide. Um sie herum scharwenzelt Paul, Berbens Jack Russell. Dann muss es losgehen, denn Berger hat nicht ewig Zeit.

Frau Berger, waren Sie neidisch, als das ZDF kürzlich sein Publikum aufrief, unsere besten Schauspieler zu küren, Frau Berben auf Platz vier gewählt wurde und Sie auf Platz elf?

Berger: Nein, gar nicht. Ich bin grundsätzlich gegen diese Art von Wettbewerb. Gerade, wenn es um künstlerische Berufe geht, die nicht in Zehntelsekunden gemessen werden können. Aber egal, mit Iris hat es die richtige getroffen, sie gehört zu unseren besten.
Berben: Ich kenne bei mir durchaus ein gesundes, neidisches Aufblitzen. Wenn ich eine Kollegin in einer Rolle sehe, wo ich einerseits denke: Wie wunderbar sie das spielt! Und andererseits: Das hätte ich auch gern gemacht! Bei Isabelle Huppert in der "Klavierspielerin" ging mir das so. Senta, stört's dich, wenn ich rauche?
Berger: Nein. Wenn ich ausnahmsweise eine schnorren darf.
Berben: Bitte.
Berger: Ich bin eher eine Sonntagsraucherin. Aber mir war es zum Beispiel wichtig, dass die Eva Prohacek ...

... die Kriminalrätin, die Sie in der Reihe "Unter Verdacht" spielen ...

Berger: ... dass die raucht, wenn sie gestresst ist. Ich wollte zeigen, dass sie auch schwache Seiten hat. Doch jetzt kommt Kritik von ganzen Schulklassen, die das als Aufforderung zum Rauchen missverstehen. Vielleicht haben sie recht. Ich glaube, die Prohacek wird sich das Rauchen abgewöhnen.

Ist das eine Last, wenn alles, was man tut, was man sagt, Gewicht hat?

Berben

: Ich merke das, wenn ich Lesungen zum Thema Holocaust mache, gegen das Vergessen. Hinterher kommen die Leute zu mir und sagen: "Mit welcher Kraft Sie das machen" oder: "Wir bewundern Sie dafür". Das bewegt mich natürlich, und ich setze meine Prominenz ja auch bewusst ein. Aber ich merke dann, was für eine Bedeutung ich für die Menschen habe und welche Verantwortung das ist. Damit muss man vorsichtig umgehen. Deswegen gibt es auch Momente, in denen ich mir genau überlege, sage ich das jetzt laut? Denn ich bin nicht 24 Stunden am Tag eine öffentliche Person.

Berger

: Man erfährt ja nicht nur Zustimmung, sondern auch Aversion und Hass. Wir leben in einem polarisierten Land. Als ich mich öffentlich für die Wahl von Willy Brandt eingesetzt habe, gab es böse Reaktionen der Gegenseite. Die Fensterscheiben haben sie mir eingeschlagen. Und bei einer Demonstration auf dem Marienplatz hier in München gegen die Stationierung der Pershing-Raketen haben sie mich beschimpft; auf Bayerisch klingt das so: "Du rote Hur'!"

Aber mit dem Image der starken, couragierten Frau leben Sie beide bis heute trotzdem ganz gut, oder?

Berben: Das sind Etiketten, die dich ein Leben lang begleiten.
Berger: Für Sie Journalisten ist das sehr praktisch, Sie schreiben unter ein Foto: "Iris Berben", in Klammern das Alter, und "die starke Frau des deutschen Films". Das geht schnell, und viel mehr Platz haben Sie nicht. Medien funktionieren so. Da wird die Tatsache, dass wir eine Meinung haben, dem Konto der starken Frau gutgeschrieben. Als hätten andere Frauen in unserem Alter keine Meinung. Nur werden die von Ihnen nicht an diesen Tisch eingeladen. Aber Sie haben natürlich Recht: Es gibt schlimmere Etiketten.
Berben: Eine Zeit lang habe ich es als schädigend empfunden, permanent als schöne Frau tituliert zu werden.

Andere wären froh darüber.

Berben

: Man wird reduziert.

Berger

: Das impliziert oft: Mit der Schauspielerei kann es nicht so weit her sein. Gerade in den 70er Jahren, als sich die jungen deutschen Filmemacher gegen das angepasste, "schöne" Bild des Stars und seiner glatten Filme wehrten und ein neuer Realismus in die Film- und Fernseharbeit eingeflossen ist, hatte ich es hier schwer. "Star" und "schön", das wirkte, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Und ab und zu habe ich in dieser Zeit gelesen: Wer hätte das gedacht, Senta Berger, eine schöne Frau, aber auch ein kluges Köpfchen! Das fand ich besonders diskriminierend, und ich dachte: Frauen, wo seid ihr? Auf die Barrikaden!

Berben

: Es wurde über die Jahre besser, aber jetzt ist man wieder die Ausnahme, weil man klug ist und immer noch schön.

Schlimm ist, wenn jemand sagt: "Sie sehen ja toll aus" und meint: "für Ihr Alter"?

Berben: Das finde ich ziemlich beleidigend. Als wäre es genormt, wie man in einem bestimmten Alter auszusehen hat. Und die Zeiten, in denen Frauen über 50 in der Kittelschürze rumgelaufen sind, haben wir doch wohl hinter uns. Es ist ermüdend, immer wieder darüber reden zu müssen.
Berger: Dieses Schubladendenken ist ein sehr deutsches Problem. Ich habe lange in Italien gelebt und gearbeitet. Da darf eine Sophia Loren schön sein - die Italiener sind viel souveräner als wir.

Aber als Sophia Loren im Sommer bekannt gab, sie werde sich für den Pirelli-Kalender erotisch fotografieren lassen, hat halb Italien aufgeschrien: Wie kann die nur, mit 70?

Berger

: Und, hat sie's gemacht?

Berben

: Hat sie.

Berger

: Nackt? Was wollte sie beweisen?

Berben

: Man sieht ihr Gesicht und ihr Dekolleté, und alles weitere verdeckt ein Laken. Wunderschön, sehr sinnlich.

Berger

: Gut. Wir sind abgeschweift. Was haben Sie denn da?

Wir haben Ihnen Fotos mitgebracht, die Sie jeweils als 20-Jährige zeigen. Was wollten diese jungen Damen damals vom Leben?

Berger: Das ist ja ganz süß! Das ist aus "Ramona", einem wirklich belanglosen Musikfilm, den ich 1961 gemacht habe. Das lief damals so: Der Produzent kaufte einen Schlager, um den herum eine Geschichte gestrickt wurde. Diese Geschichten waren immer sehr ähnlich, sie dienten der denkbar leichtesten Unterhaltung. Ich hieß immer Babsi oder Helga oder Trixi. Wenn ich mir das Foto ansehe, das war im November nach dem Mauerbau, dann denke ich auch daran, wie ausschließlich ich damals mit mir selbst beschäftigt war. Ich lebte in Berlin, in Charlottenburg, aber ich war niemals an der Mauer. Politik hat mich nicht interessiert, die Mauer mich nicht besonders berührt. Ich wollte glücklich sein, verliebt, weiterkommen als Schauspielerin - ich war ganz schön egoistisch. Iris, zeig, was hast du für ein Foto?
Berben: Da bin ich schwanger, das sehe ich an meinen enormen Brüsten! Und an dem Teddy, das war der erste Kauf für meinen Sohn. Ich war damals auf der Suche nach meinem Platz im Leben. Die 68er-Zeit, die ich in Hamburg miterlebt habe, hatte mir eine Richtung gegeben.

Sie standen bei Demos in Reihe eins, waren mit Ulrike Meinhof bekannt, nahmen Drogen - das volle Programm.

Berben: Aber erst in dem Kind sah ich einen Sinn, eine Aufgabe. Ich habe mich durchgekämpft gegen alle Widrigkeiten. Mir wurde ja die Vormundschaft genommen, weil ich Olivers Vater nicht angegeben hatte, die übernahm die Stadt München. Ich hatte das Kind sozusagen nur leihweise. Es gab unangemeldete Besuche, bei denen kontrolliert wurde, ob und wie ich das Kind versorge. Das alles hat mich stark gemacht. Und dann ist der Lewy in mein Leben getreten.

Ihr Lebensgefährte Gabriel Lewy, von dem Sie sich im Juni getrennt haben.

Berben

: Mit dem ich aber nach wie vor freundschaftlich verbunden bin. Unsere Liebe hat mir damals viel gegeben, gesellschaftlich anerkannt war sie nicht: Als Olivers Lehrer einmal um ein Gespräch gebeten hatte, und ich war nicht da, ist der Lewy hingegangen. Er wurde mit den Worten abgewiesen: "Sie sind ja nicht verheiratet."

Berger

: Ich hatte nicht diese Widerstände zu überwinden wie du, aber als unser Sohn Simon in die Schule kam, bin ich des Öfteren dorthin zitiert worden. Wenn er mal in der ersten Stunde gähnte, wurde angenommen, niemand würde ihn rechtzeitig zu Bett bringen.

War das so? Lotterleben im Künstlerhaushalt?

Berger: Ach, Schmarrn. Das zielte ganz auf die Schauspielerin ab. Das hat mich natürlich gekränkt und trotzig gemacht. Und das Kind musste es letztendlich ausbaden. Es war aber stark genug.

Frau Berben, Ihr Sohn produziert inzwischen die meisten Ihrer Filme, so auch den neuen Dreiteiler "Afrika, mon amour". Sind Sie eifersüchtig, wenn Sie mal nicht mitspielen dürfen - wie in seinem Kinowerk "Elementarteilchen"?

Berben

: Weiß Gott nicht, nein. Ich möchte ja auch nicht auf die Arbeit mit anderen Produktionen verzichten. Aber Oliver kann sich eine gewisse Häme manchmal nicht verkneifen: Drehe ich ohne ihn, und er hört von mir auch nur die leiseste Kritik, dann lächelt er ebenso leise und sagt: "Arbeitest schon gern bei mir, oder?" Das hat natürlich Vorteile, weil die Wege kürzer und die Diskussionen effizienter sind und weil wir die Leute zusammenholen, mit denen wir gern etwas machen möchten, das wir dann quasi im Paket anbieten können.

Berger

: Ich finde das wunderbar, dass du mit deinem Sohn zusammenarbeiten kannst. Wir sind noch nicht so weit.

Würde sich aber anbieten: Simon ist Schauspieler und Regisseur, und auch Ihr jüngerer Sohn Luca stand schon vor der Kamera.

Berger: Der Simon hat ein großes Verlangen nach Unabhängigkeit. Er möchte sich selbst einen Namen machen, dann können wir auch zusammenarbeiten. Im nächsten Jahr wird er mit den Produzenten von "Das Leben der Anderen" einen Film drehen; er hat das Drehbuch geschrieben und wird Regie führen. Und der Luca, der hat gerade ganz was anderes gemacht: ein soziales Jahr in Vietnam.

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