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Jauch über Kanzler-Casting-Show: "Als Kuschelpädagoge tauge ich nicht"

In der Castingshow "Ich kann Kanzler!" sucht der Moderator Günther Jauch junge Menschen, die das Zeug zum Politiker haben. Ein Gespräch über Leidenschaft und Desinteresse von Jugendlichen, seine eigenen wilden Jahre und die Angst der Deutschen vor echten Reformen.

Herr Jauch, erst waren es Superstars, dann Models, und jetzt wollen Sie in der Castingshow "Ich kann Kanzler!" am 19. Juni im ZDF den politischen Nachwuchs vor einem Millionenpublikum zur Schau stellen. Ist das seriös?

Das ist doch ein spannendes Experiment. Das Konzept der Sendung beruht auf einem Format aus Kanada, das dort schon seit ein paar Jahren erfolgreich läuft. Junge Leute debattieren über ihre politischen Ideen. Eine Jury und das Fernsehpublikum wählen am Ende den überzeugendsten Kandidaten.

Ihr Heimatsender RTL, der Castingshows in Deutschland populär gemacht hat, lehnte das Format trotzdem ab...

... und ich glaube, dass das die richtige Entscheidung war. Diese Art von Sendung lässt sich beim ZDF intelligenter platzieren. Wenn ein Junge singt oder ein Mädchen über den Laufsteg läuft, werden natürlich andere Zuschauer angesprochen, als wenn er über die Gesundheitsreform redet. "Ich kann Kanzler!" wendet sich vor allem an junge, politisch interessierte Menschen.

2500 Bewerber zwischen 18 und 35 Jahren meldeten sich auf den Casting-Aufruf. Was ist Ihnen bei der Auslese aufgefallen?

Die ungeheure Leidenschaft der Kandidaten. Egal, ob die Positionen zukunftsweisend, politisch nicht umsetzbar oder schlicht realitätsfremd sind. Ich sitze mit Henning Scherf und Anke Engelke in der Jury. Scherf sagte nach dem Casting: "Nach solchen Leuten verzehren sich die Parteien." Wir waren uns einig: Mindestens zehn Prozent der Kandidaten werden wir später in politischen Spitzenpositionen wiedersehen.

Zum Prinzip einer Castingshow gehört das Kandidaten-Bashing. Sie werden den "Bad Guy" spielen.

Wer sagt denn so etwas?

Ihr Kollege Steffen Seibert, der die Sendung moderieren wird.

Ich werde Klartext sprechen. Für die Rolle des Kuschelpädagogen tauge ich nicht.

Mal angenommen, Sie wären mit 19 Jahren nicht Journalist geworden, sondern hätten eine Karriere als Berufspolitiker angestrebt. Sie wären doch niemals dem Aufruf einer Castingshow gefolgt.

Ganz im Gegenteil. Es ist doch eine einmalige Chance, sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Wir sehen immer die gleichen 15 Politiker im Fernsehen. Das ist doch unendlich öde und zudem ein echtes Problem. Wenn Wahlen anstehen, gucken uns plötzlich Menschen von den Plakaten an, deren Namen und deren Positionen uns fremd sind.

Wie schwer war es, einen Politiker für die Jury zu gewinnen?

Wir haben viele Politiker angefragt. Die Reaktion war meist die: Kennen wir nicht, mögen wir nicht, wollen wir nicht. Manche empörten sich auch öffentlich im Vorfeld, bar jeder Sachkenntnis über die Sendung. In Kanada sitzen dagegen ehemalige Premierminister in der Jury.

Wir hatten gedacht, dass Guido Westerwelle Ihnen sofort auf den Arm springt. Der Mann war doch schon 2000 als Gast im Big-Brother-Container.

Ja, aber der Westerwelle hat ja jetzt auch das Staatsmännische für sich entdeckt. Aber es ist auch so: Viele Politiker kamen nicht damit klar, dass in der Sendung Kandidaten auftreten werden, die unabhängig von einer Parteimitgliedschaft ihre politischen Vorstellungen kundtun. Dabei heißt es im Grundgesetz: "Die Parteien wirken an der Willensbildung des Volkes mit." Das "mit" haben die Parteien gestrichen. Sie glauben, sie allein seien zuständig für Politik. Das sehen viele junge Leute heutzutage jedoch ganz anders. Sie engagieren sich politisch, ohne in einer Partei zu sein. Manche Politiker scheinen sich dadurch in ihrem Absolutheitsanspruch bedroht zu fühlen.

Gibt es einen deutschen Politiker, dem Sie Entertainerqualitäten attestieren würden?

Wenn Willy Brandt sich im Bundestag mit Franz Josef Strauß stritt, saß ich oft gebannt vor dem Fernseher.

Ist das nicht eine nostalgische Verklärung vergangener Zeiten?

Nein, es war eine spannendere Zeit. Mein Vater, der auch Journalist war, nahm mich oft mit auf Anti-Vietnam-Demonstrationen oder 1.-Mai-Kundgebungen. Ich war sieben Jahre alt, als Kennedy erschossen wurde. Mein Vater weckte mich nachts. Wir fuhren zum Schöneberger Rathaus in Berlin, um an einer spontanen Trauerfeier teilzunehmen.

Fehlen der deutschen Politik heutzutage charismatische Persönlichkeiten, die Neues wagen und mit dem Alten brechen?

Ich fürchte, dass es Charismatiker in Deutschland grundsätzlich schwer haben. Wir alle rufen immer nach Reformen, aber wenn wir dann feststellen, dass es uns auch selbst betreffen könnte, kriegen wir kalte Füße. Es gab im vergangenen Wahlkampf einen Hauch von Obama. Da machte Paul Kirchhof einen Vorschlag für ein radikal vereinfachtes Steuersystem. Viele Politiker fordern dieses System noch heute, aber Merkel hätte die Wahl wohl verloren, wenn sie an Kirchhofs Plan festgehalten hätte. Dieser Schock, mit einer richtigen, nachhaltigen Reform im Wahlkampf zu scheitern, sitzt bei der CDU immer noch tief. Genau wie die SPD ihren Niedergang zu großen Teilen den Hartz-IV-Reformen zuschreibt, die Gerhard Schröder auf den Weg brachte. Deutschland schreit immer nach Reformen, aber wir wählen sie doch lieber nicht und gehen im vertrauten Trott.

Jeder zweite Deutsche wünscht sich laut einer Emnid-Umfrage Günther Jauch als Kanzler. Das muss Ihnen schmeicheln.

Nun ja, ich bin der Mann im Fernsehen, der den chronischen Wohltäter spielt und dessen Geldgeschenke eigentlich nie unter 500 Euro liegen und bis zu einer Million reichen. Dass so jemand höhere Sympathiewerte hat als der Finanzminister, ist logisch.

Sind Sie Mitglied in einer Partei?

Nein, nie gewesen.

Sie haben früher viel Werbung gemacht. Würden Sie Ihr Gesicht auch für eine Partei hergeben?

Bringen Sie mir die Partei, mit der ich mich identifizieren kann, und ich wäre dabei, aber diese Partei gibt es nicht. Mein Vater war da anders. Der war ein überzeugtes CDU-Mitglied, bis sie Heiner Geißler als Generalsekretär feuerten. Da ist er aus Protest ausgetreten.

Noch mehr als mit der CDU hat Ihr Vater mit Ihnen als Kind gehadert. Sie galten als schwer erziehbar.

Ja, schwer zu glauben, aber ich war auch einmal 15 Jahre alt. Es ging um typische Sachen wie Zu-spät-nach-Hause-Kommen, schlechte Schulnoten und Kettenrauchen. Ich rauchte Batavia ohne Filter, selbst gedreht, 30 Stück am Tag.

Wie reagierten Ihre Eltern?

Sie wollten mich nach St. Blasien schicken, ein Jesuiten-Internat im Schwarzwald, doch es fehlte ihnen das Geld. Mit 18 habe ich meinen Eltern gesagt: Entweder ich kann jetzt machen, was ich will, oder ich schmeiße die Schule hin. Das war fast schon ein Erpressungsversuch, aber er funktionierte. Ich bekam dann nach dem Abitur einen Platz auf der Journalistenschule in München und zog zu Hause aus. Danach waren alle zufrieden.

Sie sind Vater von vier Töchtern. Wie interessiert man Jugendliche für Politik und Geschichte?

Das ist ein ständiger Kampf. Bei der Bundespräsidentenwahl, als zum Jubiläum des Grundgesetzes dauernd vom Artikel 1 die Rede war, fragte ich eine Gruppe von 12- bis 15-Jährigen, wie denn der Artikel laute. Die hin- und herdiskutierte Antwort war schließlich: "Yes, we can." Die meinten das ernst. Das war ansonsten wirklich ein sympathisches Grüppchen, aber danach musste ich erst mal an die frische Luft.

Interview: Hannes Ross / print