HOME

JEMIMA KHAN: Eine Lady zwischen den Welten

Ihr Vater: der britische Milliardär Sir James Goldsmith. Ihr Mann: der pakistanische Nationalheld und Politiker Imran Khan. Sie: Jemima Khan, ein früheres Societygirl, das sich um Flüchtlinge kümmert.

In ihrer ersten Heimat wird sie mit Lady Diana verglichen; in ihrer zweiten Heimat kann sie kaum auf die Straße gehen, ohne von Passanten umarmt und geküsst zu werden. »Shahazad« nennen sie die Menschen dort - »Prinzessin«. Eine Prinzessin zwischen den Welten: England und Pakistan. Jemima Khan, 27, Mutter, Modedesignerin und Menschenretterin und seit dem 11. September auch eine Frau zwischen den Fronten.

Jemima - schon vor den Anschlägen bot sie Hoffnung

für Zehntausende Menschen, die aus den Hunger- und Kriegsgebieten Afghanistans nach Pakistan flüchteten. Hunderten von pakistanischen Frauen gab sie Arbeit und damit eine Lebensperspektive. Jemima kennt das bitterarme Ende der Welt - aber auch die luxuriösen Zentren der feinen Gesellschaft. Weil sie vor sieben Jahren einem Mann begegnete, für den sie ihr Leben auf den Kopf stellte: Imran Khan. »Ich hätte in meinem Leben niemals so viel Sinn gefunden«, sagt sie heute, »wenn ich in Großbritannien geblieben wäre.«

Dass es so kam, verdankt sie ihrer Mutter: Lady Annabel Goldsmith, eine kluge und sensible Frau mit einem untrüglichen Gespür für starke Männer. Der eine war Sir James Goldsmith, Jemimas Vater. Im ganzen Land eine Legende, »ein richtiger Kreuzfahrer«, wie seine Lieblingstochter Jemima stolz sagt. Milliardär Goldsmith war das, was man in der Finanzwelt einen Raider nennt, einen Firmenjäger. Er kaufte unterbewertete Unternehmen, zerschlug sie und verkaufte die einzelnen Teile mit zum Teil astronomischem Gewinn.

Den anderen starken Mann

stellte Lady Goldsmith ihrer Tochter 1994 im »Annabel?s« vor, einem noblen Londoner Nachtclub. Imran Khan, 22 Jahre älter als Jemima. Geboren in Pakistan und Student der Wirtschaftswissenschaften in Oxford, früher ein ebenso attraktiver wie begehrter Playboy mit einem Faible für Frauen, Nachtclubs und schnelle Autos. Ein pakistanischer Volksheld, seit er 1992 als Kapitän der Cricket-Nationalmannschaft sein Land gegen die Engländer zur Weltmeisterschaft führte.

Als Jemima und Imran sich kennen lernten, war er bereits politisch aktiv, kämpfte gegen Korruption und setzte sich für die Armen Pakistans ein. Die junge Jemima war tief beeindruckt. Doch Imran nicht weniger: Nach ihrem zweiten Treffen sprach er von Heirat; im Juni 1995 war es so weit. Zu den Hochzeitsgästen zählten Henry Kissinger, Jerry Hall und Elle Macpherson.

Die westlich geprägte Jemima

trat zum Islam über und nahm den Namen Haiqa an. Die britische Presse lief Amok: »Jemima ist eine dumme kleine Kuh, die die Unterwerfung gewählt hat«, zürnte sie und verkündete, sie laufe »schlafwandelnd in die Sklaverei«. Die Verliebte konterte in einer Stellungnahme im »Sunday Telegraph«: »Für die Medien bin ich eine naive, verirrte 21-Jährige. Man tut so, als hänge das Glück einer modernen Frau vom Zugang zu Nachtclubs, Alkohol und offenherzigen Klamotten ab. Und man tut so, als bedeute die Abwesenheit dieser scheinbaren Freiheiten im Islam eine Verletzung meiner Grundrechte.« Das frühere Partygirl wollte ernst genommen werden: »Es ist nicht entscheidend, wie oder zu welchem Gott man betet, sondern was man leistet.«

Imran zuliebe brach Jemima ihr Literaturstudium in Bristol ab und zog nach der Hochzeit mit ihm ins bitterarme Lahore, nahe der Grenze zu Indien. Ein regelrechter Kulturschock: Imran Khan erwartete von ihr, mit ihm in drei engen Zimmern im Haus seines Vaters zu leben. Keine Dienstboten, kein Bodyguard für die Milliardärstochter. Nicht einmal eine Waschmaschine gab es. Jemimas Geld lehnte ihr Mann strikt ab: »Lieber sterbe ich!« Seiner Frau ging es schlecht, sie kränkelte und wurde immer dünner. Gerüchte besagten sogar, sie habe Magersucht.

Vergebens bat sie

wieder und wieder um bessere Lebensbedingungen. Aber »Kämpfen ist gut für dich«, sagte Imran, »wer aufhört zu kämpfen, der verfällt.« Besessen von der Idee, sein Land aus der Misswirtschaft zu führen, gründete er die Partei »Bewegung für Gerechtigkeit«. Eines Tages demokratisch gewählter Ministerpräsident von Pakistan zu werden, das ist sein Traum.

Vom Lebemann zum Missionar - für Imran Khan begann diese Wandlung mit dem Krebstod seiner Mutter 1985. »Leg einen Schleier über deine Sünde«, zitierte er damals eine Sure des Korans und besann sich auf seinen islamischen Glauben. Fortan steckte er jeden Penny in sein Lebenswerk: ein Krebskrankenhaus, in dem die ärmsten Menschen des Landes kostenlos behandelt werden. 1994 wurde das nach seiner Mutter benannte Shaukat-Khanum-Memorial-Hospital in Lahore eröffnet - im Beisein von Prinzessin Diana, mit der die Khans befreundet waren.

Der Kampf gegen die Armut einte Jemima und Imran. »Er gab ihr ein moralisches Bewusstsein«, sagt eine Freundin, »das kannte sie früher nicht.« Jemima, inzwischen Mutter des kleinen Sulaiman, sammelte Geld, kaufte Zelte, Decken, Nahrung und verteilte die Hilfsgüter in afghanischen Flüchtlingslagern. Die Bilder des Elends berühren sie bis heute sehr, auch »weil ich selbst Mutter bin. Viele Mütter waren so krank, dass sie keine Milch hatten, um ihre Säuglinge zu stillen. Können Sie sich die unermessliche Qual einer Mutter vorstellen, die erleben muss, wie das eigene Kind vor Hunger so lange schreit, bis es stirbt?«

Privat jedoch lebten sich Jemima und Imran auseinander

. Sie fühle sich unverstanden, ungeliebt und ungewollt, sagen Freude. Ihr Mann begegne ihr inzwischen meist mit Arroganz und grausamer Gleichgültigkeit. Jemimas Leben bestehe vor allem aus Warten: Entweder arbeitete Imran für das Krankenhaus oder für seine politische Karriere.

Schliesslich brach seine Frau aus. Packte Weihnachten 1997 die Sachen, fuhr zu ihrer Mutter nach England und ließ Imran schmoren. Der gab alsbald klein bei, und Jemima zog mit ihm von Lahore nach Islamabad, dem »Beverly Hills« Pakistans. Sie bekam noch einen Sohn, Kasim, doch das Verhältnis zu ihrem Mann blieb problematisch.

Neues Selbstbewusstsein bekam sie durch ihre immer erfolgreichere Modelinie: Aus einer Laune heraus hatte sie kurz nach ihrer Hochzeit angefangen, aus leichten, fließenden Seidenstoffen Gewänder zu schneidern. Zunächst für sich selbst, danach für ihr eigenes Label »Jemima Khan Designs«. Die Geschäfte gingen glänzend: 800 pakistanische Frauen nähten und bestickten die Kleider, die pro Stück wenigstens 500 Pfund kosten. Cherie Blair, Joan Collins, Rita Wilson, Ehefrau von Tom Hanks, oder Sharon Corr, Sängerin der Popgruppe »The Corrs«, schwören auf die exklusiven Einzelstücke. »Meine Mode ist ein Mix aus West und Ost, eine Mischung der verschiedenen Kulturen, die ich in mir trage«, erläuterte Jemima Khan. Sie reiste nach London zur Fashion Week und nahm dort, bescheiden auf einem Klappstuhl sitzend, persönlich die Aufträge ihrer Kunden entgegen.

Die Mode bot

mir eine Möglichkeit, Geld für soziale Projekte zu verdienen», sagt sie, «mit zwei kleinen Kindern konnte ich unmöglich durch die Welt reisen, um Spenden zu sammeln.» Der Gewinn des Unternehmens kam dem Krankenhaus ihres Mannes und den afghanischen Flüchtlingen zugute.

Doch seit dem 11. September sind pakistanische Gewänder nicht mehr gefragt; die Aufträge gingen so stark zurück, dass Jemima ihre Firma Anfang Dezember schließen und die Näherinnen entlassen musste. »Es brach mir das Herz«, klagte sie.

Wenigstens sie hat eine neue Aufgabe gefunden. Seit kurzem ist sie Unicef-Sonderbotschafterin für Kinder in Krisengebieten. Und so pendelt sie weiter zwischen den zwei Welten, die seit den Anschlägen noch weiter auseinander klaffen - auch für sie. Die Weihnachtszeit und die Ferien verbringt sie in ihrem Haus im Londoner Stadtteil Fulham, den Rest des Jahres in Islamabad. »Einmal hat mich Sulaiman gefragt, wo unser Zuhause ist«, sagt sie. »Sein Zuhause ist, wo ich bin.« Und ihr eigenes? »Vielleicht bei meiner Mutter.«

Bei Imran Khan offenbar nicht mehr.

Tobias Schmitz