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Joaquin Phoenix: "Mit einem Drink im Blut war die Welt in Ordnung"

Joaquin Phoenix, der im Film "Walk The Line" US-Legende Johnny Cash verkörpert, hat wie der Country-Sänger damals, Drogenprobleme. Im Interview plaudert der Oscar-Anwärter locker über seine Alkoholsucht.

Der Mann ist auf ungezähmte Typen abonniert! Kein Wunder, bei diesem leicht irren Zug um den Mund. Den verdankt Joaquin Phoenix, 31, der schmalen Narbe auf seiner Oberlippe und seinen südseegrünen Augen. Von denen sieht man leider nichts in seinem neuen Film "Walk The Line" (Start: 02.02.). Für die Musikerbiografie schlüpfte Joaquin in die Rolle von Countrystar Johnny Cash - und der war braunäugig. Und trotz Kontaktlinsen und Klamotten, so unsexy wie ein Kartoffelsack, erobert Joaquin Phoenix seine hübsche Filmpartnerin, gespielt von Reese Witherspoon. Beim Interview im Nobelhotel Four Seasons in Los Angeles plaudert der Schauspieler, der für seine Leistung den Golden Globe erhielt und Top-Favorit auf den Oscar ist, locker über seine Alkoholabhängigkeit, die Kunst, den richtigen Ton zu treffen und die Liebe auf den ersten Blick.

Countrymusiker Johnny Cash war jahrelang drogenabhängig. Sie haben seit einigen Monaten eine Alkoholentzugstherapie hinter sich. Müssen Künstler so exzessiv leben, um kreativ sein zu können?

Einige seiner besten Songs hat Johnny Cash geschrieben, als er trocken war und andere, bevor er überhaupt anfing, Drogen zu nehmen. Außerdem war das in der damaligen Zeit anders ...

Wie denn das? Drogen waren keine Drogen?

Doch, aber Aufputschmittel standen Anfang der 60er-Jahre in jedem Badezimmerschrank. Sie waren sozial akzeptiert, und man nahm sie, um lange Arbeitstage zu überstehen. Zu Johnny Cashs Zeiten gab es noch keine Roadies, die dir alles für dein Konzert aufgebaut haben. Cash und seine Band haben abends gespielt, dann die Instrumente abgebaut und sich anschließend selbst ins Auto gesetzt, um nachts noch in die nächste Stadt zu fahren. Dass er Aufputschmittel brauchte, kann ich verstehen. Der Unterschied zu anderen Menschen war nur, dass die zwei Pillen am Tag nahmen, während er 200 einwarf.

Und wie war das bei Ihnen?

Ich wollte mich mal wieder so fühlen, wie ich mich angetrunken fühlte - aber ohne Alkohol.

Was meinen Sie damit?

Wenn ich drehe, dann lebe ich drei Monate lang nach einem Stundenplan, wie in der Schule. Und im Drehbuch steht sogar noch, was ich den ganzen Tag lang zu sagen habe. Sind die Dreharbeiten fertig, frage ich mich: Verdammt, was fange ich jetzt mit mir an? Wenn ich dann einen Drink im Blut hatte, dann war die Welt wieder in Ordnung. Nur am nächsten Morgen war alles so trüb wie vorher. Ich hatte Freizeit und wusste nicht, was ich tun sollte. Da dachte ich: Probiere es doch mal ohne Alkohol.

Haben Sie keine Angst als Spaßbremse zu gelten?

Seit ich trocken bin, habe ich abends noch wesentlich mehr Fun als vorher. Und das Beste: Ich kann mich am nächsten Tag noch daran erinnern! Ich führe sinnvolle Gespräche statt schwachsinnigem Dampfgeplauder und fühle mich eher befreit als langweilig.

Selbst Musikkritiker loben Sie für Ihren Gesang als Johnny Cash. Haben Sie vorher schon gesungen?

Nur unter der Dusche - und das klang fürchterlich! (lacht) Ich versuchte immer zu singen wie John Lennon und traf die hohen Noten natürlich nicht. Auf die Idee, es mal tiefer zu versuchen, kam ich nicht. Erst T-Bone Burnett, der Soundtrackproduzent von "Walk The Line", übte mit mir Johnny Cashs tiefen Sprechgesang. Aber Cash rauchte auch zwei Schachteln am Tag. Also dauerte es einen Monat, bis ich seine Tonlage traf. Dann kam die nächste Hürde: Die Duette mit Reese, die hervorragend singt ...

... und im Film Ihre Frau June spielt. Die große Liebe auf den ersten Blick?

Auf der Leinwand vielleicht. Im richtigen Leben gibt es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick doch gar nicht.

Wie schade. Was lässt dann den Funken überspringen?

Lust auf den ersten Blick. Um einen Menschen wahrhaft lieben zu können, muss ich doch seine Persönlichkeit erst mal kennen lernen. Wie soll das beim ersten Treffen funktionieren? Ob ich jemanden begehre, weiß ich allerdings sofort. Dabei geht es ja schlicht um Chemie.

Das Interview führte Kerstin Borner, Teleschau / TELESCHAU