Karl Dall "Ich habe alles gemacht, was ich nicht konnte"


Und nun hat er auch noch seine Memoiren geschrieben: Karl Dall über sein Leben als Dieb, Trinker, Familienmensch - und Feind von Götz George.

"Es ist leichter, ein Buch zu schreiben, als eines von einem Kollegen zu lesen", bekennen Sie im Vorwort zu Ihren Memoiren "Auge zu und durch". Wollen Sie gleich mit einer Beleidigung anfangen und Namen nennen?

Nein, noch nicht. Ich wollte nur sagen, dass es nicht jedem Kollegen zusteht, ein Buch über sein Leben zu schreiben, vor allem, wenn es verlogene Kacke ist.

Sind Sie ehrlich geblieben?

Ja. Ich hatte zwar den Ehrgeiz, nicht wie ein totaler Loser dazustehen, aber das Buch ist keinesfalls eine Abrechnung mit den Kollegen. Und auch keine Aufzählung, wie viele Frauen ich in die Kiste gezogen habe oder wie oft ich in den Puff gegangen bin - was heutzutage ja offensichtlich dazugehört.

Wer oder was hat Sie inspiriert?

Meine beiden Mädels: meine Frau und meine Tochter. Ob sie mich nur animiert haben, weil sie die Tantiemen noch über meinen Tod hinaus kassieren können, bleibt dahingestellt.

Empfanden Sie das Schreiben als Therapie?

Nun, es kamen ein paar Erinnerungen hoch, von denen ich hoffte, ich hätte sie mir weggesoffen. Zum Beispiel Erlebnisse in der Schule: Heute liest sich das unterhaltsam, aber man muss überlegen, was man damals durchgemacht hat. Wie ich einmal den blauen Brief abfing, in dem meinen Eltern mitgeteilt wurde, dass ich sitzen blieb - solche Lügengeschichten, die unwiderruflich im Desaster endeten, führten dazu, dass ich permanent mit schlechtem Gewissen rumlief. Ich komme aus einer kleinen Stadt in Ostfriesland, wo die Nachbarn schon komisch guckten, wenn man nicht wie alle anderen am Samstag seine Ligusterhecke beschnitt. Das war eine kleine, enge Welt, die mich als Kind fast erstickte.

Und in der jeder Sie kannte?

Aber nur als den letzten Sohn von Rektor Dall, der halt nicht so funktionierte wie die anderen drei Kinder. Meine ältere Schwester hat letztens in einem Fernsehinterview gesagt, ich sei nicht erziehbar gewesen. Ja, was ist erziehen? Menschen verbiegen. Und es stimmt: Ich halte mich ans Grundgesetz - die Würde des Menschen ist unfassbar oder wie das heißt -, aber ich bin nicht erziehbar.

Haben Sie Ihre Kindheit als glücklich empfunden?

Natürlich gab es unangenehme Zeiten. Aber im Großen und Ganzen hab ich mich im Auffanglager der Familie Dall sehr wohl gefühlt. Ich bin kein Elternhasser. Ich hab keine Psychomacke, weil ich als Kind mal geschlagen wurde. Wenn ich bleibende Schäden habe, dann sind die heute positiv für mich. Also vielleicht ist mein Sarkasmus die Rache an der Gesellschaft, die mich ungerecht behandelt hat.

Sie schreiben: "Alle Vorgesetzten, in der Schule, im Beruf, bei der Bundeswehr, hatten einen Riesenspaß daran, mich zur Sau zu machen. Letztendlich hat mich das stark gemacht."

Dann stimmt das auch.

Sie beschreiben Ihren Vater als rechtschaffenen Beamten, der manchmal wochenlang seiner Familie und seinen Verpflichtungen entfloh.

Er kam immer total abgemagert und sonnenverbrannt nach Hause, erzählte nie was von seinen Reisen. Er hatte wohl eine Zigeunergroßmutter. Ein bisschen hab ich auch was davon.

Den Fluchttrieb?

Ja, den Wunsch, mich total auszuklinken. Wenn andere denken, ich langweile mich zu Tode, dann regeneriere ich mich am besten. Wir verbringen immer den Sommer in unserem Haus in Kanada. Da kann ich stundenlang einfach nur blöd aufs Wasser gucken, an nichts denken, keine Termine im Nacken, für niemanden den Affen machen müssen - das ist meine Form von Glück.

Wann schalten Sie den Dall wieder an?

Wenn ich nach Hamburg zurückkehre und den Gong der "Tagesschau" höre. Da weiß ich: Jetzt musst du wieder ran. Wo alle Oberlehrer sich schon mit 60 haben pensionieren lassen, stehe ich mit meinen 65 Jahren immer noch knöcheltief im Dreck und meine, die Nation unterhalten zu müssen. Was völliger Schwachsinn ist. Aber solange ich meine eigene Lücke ausfülle und kein Ersatz für mich da ist É Ich bin nun mal was Außergewöhnliches. Einer, der es aus dem sogenannten Nichts geschafft hat und was gebacken kriegt, der ist doch eigentlich ein Vorbild für alle.

"Ungeeignet, zu lang, grinst immer so blöd", lautet ein früher Kommentar über Ihre Person.

Ich bin natürlich sehr auffällig. Meine Anwesenheit alleine hat die Leute provoziert. Mitschüler machten Witze über mein Äußeres, und die Lehrer konnten sich mein Gesicht immer am besten merken, vor allem, wenn's ans Strafen ging. Da musste ich schon früh Humor entwickeln.

Über Ihre Mutter schreiben Sie wenig. Nur, dass sie Sie hat fallen lassen als Baby.

Alle haben mich fallen lassen, alle Lehrer, und meine Mutter schon als Erste É In so ein Buch gehört eben auch, dass man mal auf die Schnauze fällt. Und dass man Dinge getan hat, die nicht ganz sauber sind. Ich habe zum Beispiel geklaut. Und zwar die Gewürzmischung aus 40 Paketen Mirácoli, als dieses Nudelgericht vor über 40 Jahren auf den Markt kam. Noch heute stelle ich mir die armen Leute vor, die Mirácoli gekauft haben und einfach nur das Tomatenmark anrührten, das sollte also die große Neuheit sein. Diese Episode habe ich aber nicht im Buch beschrieben, sonst hätte ich womöglich die Staatsanwaltschaft auf dem Hals.

Sie haben als Kind auch Brot gestohlen. Haben Sie gehungert?

Wir hatten oft Kohldampf. Aber wissen Sie, ich bin heute dankbar, dass ich nicht in Watte gebettet war. Ich sehe das bei Freunden in wohlhabenden Kreisen, deren Kindern fehlt eine gewisse Lebenserfahrung. Einfach mal kein Geld in der Tasche haben, sich nix erlauben können. Die haben schon mit 17 ihre Mastercard und fliegen nicht etwa Schweineklasse, es muss mindestens Business sein. Tun mir eigentlich ein bisschen leid.

Sie haben sich als Teenager Visitenkarten drucken lassen, "Charles Bernad" stand drauf ...

... weil ich mir gedacht habe, wenn der Name mal nicht mehr gut ist, kann ich auf Karl Dall übergehen.

Sahen Sie sich als Showstar?

Nein. So weit habe ich nicht gedacht. Wir hatten kein Fernsehen, und das Wort Show gab es noch gar nicht. Meine Schulkameraden machten halt so ihre Sprüche, Karli Dalli wird noch mal beim Zirkus landen und so weiter.

Sie landeten in Berlin und wurden 1967 als Mitglied der Sanges- und Blödeltruppe "Insterburg & Co." berühmt. Kamen mit den Erfolgen auf der Bühne auch Erfolge bei den Mädchen?

Oh, ja. Ingo Insterburg hat dieses gnädige Zeitfenster "Nach der Pille, vor Aids" genannt. Ich war ja so verklemmt aufgewachsen, die 50er Jahre! Und auch noch in Ostfriesland. Wir lebten in beständiger Angst vor Schwangerschaften, allein schon durch Samenflug, wenn man mit dem Fahrrad auf der anderen Straßenseite fuhr!

Sie gingen viel tanzen.

Das war die einzige Möglichkeit, in einer vertikalen Begegnung ein horizontales Unterfangen vorzubereiten.

Erinnern Sie sich ans erste Mal?

Es war nicht besonders. Wir hatten ja immer Angst. Ich will das nicht minutiös beschreiben, nur so viel: Es fand in einer Parkanlage statt, mit jeder Menge Ameisen und Tannennadeln, und Spanner liefen rum. Meistens vertrugen sich die Fahrräder, die man ineinander verhakt hatte, am besten. Kamen ja keine kleinen Kinderräder bei raus.

Es gab Tage in Ihrem Leben, die begannen mit einer Flasche Wein. Hätten Sie sich damals als Alkoholiker bezeichnet?

Wir rechneten mehr in Bierwährung und als Beschleuniger den Schnaps dazu. Vor genau 40 Jahren, da war ich hart an der Grenze. Ich hing rum in einer Berliner Kneipe, der "Malkiste", hatte keine Arbeit, und irgendwo war mir auch gerade eine Trulla über den Deister gegangen. Da hab ich alles genommen, was mir angeboten wurde, getränkemäßig und was sonst so rumlief. Eine schlimme Zeit.

Wie haben Sie sich berappelt?

Ich fing an, meine Saufschulden abzukellnern. Da konnte ich nicht besoffen rumlaufen. Später habe ich gekocht und auf Weihnachtsfeiern den Unterhalter gegeben, meine Sprüche kamen bald besser an als mein Service. Es ging wieder aufwärts.

Gelernt haben Sie Schriftsetzer, aber Sie haben sich auch als Straßenverkäufer für Zeitungen und Haarshampoo verdingt oder als Moritatensänger für Joghurt.

Eigentlich habe ich alles gemacht, was ich nicht konnte. Das mache ich heute noch.

Ihr Kino-Debüt gaben Sie mit "Winnetou"?

Debüt ist gut. Ich war Komparse. Gedreht wurde erst in Jugoslawien, und dann suchten sie für die Studioaufnahmen in Deutschland so ähnliche Typen, denen sie die gleichen Hemden und Hosen anzogen. Der Höhepunkt war, dass ich einmal hinter Mario Adorf stehen durfte. Und privat neben Lex Barker an der Pinkelrinne in den Studiolatrinen.

Und Ihre erste Sprechrolle?

Das war in einem Fernsehfilm mit Werner Finck. In der letzten Minute ist kurz mein Kopf zu sehen, dann wird auf Werner Finck geschnitten, während ich nur im Off zu hören bin. Und dann war im Abspann auch noch mein Name falsch geschrieben. Das war also ein Tag, da hätte man wieder zum Alkoholiker werden können.

Wie fanden Sie Finck?

Er war ein Idol. Es ist entsetzlich, wenn man seine Helden trifft und dann merkt, was für Egomanen das sind. Und dass sie keine anderen Komiker neben sich dulden. Ich kann teilen.

Verfolgen Sie den Komikernachwuchs im Fernsehen?

Ach, die sind oft so schnell wieder weg, wie sie kommen. Meistens sind das ja Schauspieler, die Witze vom Teleprompter ablesen. Für mich muss ein Komiker einen ganz eigenen, unverwechselbaren Humor haben. Mich hat immer gestört, wenn sie einem in Fernsehshows Gags anbieten: Den kannst du sagen oder Kalle Pohl oder Jochen Busse, irgendeiner muss ihn halt rüberbringen. Das ist fast so schlimm wie diese Lachbänder, die sie seit zehn, fünfzehn Jahren in der Nachbearbeitung unter Pointen legen, die nicht zünden. Wo kein Lacher ist, da gehört auch keiner hin.

Vermissen Sie die Zeiten, wo Sie mit "Dall-As" noch jede Woche im Fernsehen waren?

Nein, ich bin ganz froh, dass der Druck weg ist. Ich habe gerade gelesen, dass Hans Meiser jetzt seine letzte "Notdurft" - nein, "Notruf" heißt die Sendung, also dass er jetzt seine letzte Sendung gemacht hat, und er ist total verbittert und schimpft aufs Fernsehen, obwohl er doch immer davon gelebt hat. Ich hingegen bin zufrieden mit mir und mit dem, was ich gemacht habe.

Bitte kommentieren Sie diesen Satz aus Ihren Memoiren: "Leider habe ich den großartigen deutschen Schauspieler Götz George mal persönlich kennengelernt."

Muss ich? Also, Thomas Gottschalk hatte mal 1983 in seiner Sendung Sascha Hehn aus der "Schwarzwaldklinik" und den Schimanski, also George, im Studio und machte eine fiktive Telefonumfrage: Wer von den dreien hat den meisten Sex-Appeal? Da guckte der Götz George schon ganz gequält. Gottschalk also lässt diese angebliche "Ted"-Umfrage laufen, und auf dem Bildschirm bleibt der Balken für Götz George stehen, er wird überholt von Sascha Hehn, und beim dritten Balken, wo eigentlich Gottschalk stehen sollte, wird Karl Dall eingeblendet. Ich komme ins Studio und sage: Hallo, Freunde, wie geht's? Und geh wieder ab, das war alles. Den Gag hatte sich der Redakteur der Sendung einfallen lassen, aber George dachte wohl, der ist von mir. Vier Wochen später treffe ich ihn auf dem Filmball. Ich sage: Hallo, Herr George, wie geht's? Er guckt an mir vorbei, ich kenne Sie nicht, wer sind Sie? Manchmal sehe ich ihn vermummt mit dem Fahrrad um die Alster fahren, und wenn ich sage: Hallo, Götz, du alte Socke!, merke ich an der Fahrradbewegung, dass er mich gehört hat. Und ich schaff's jetzt, dass er, wenn er in einer Hotelbar ist und seine Nickpuppen um sich rum hat, schnell zahlt und aufs Zimmer geht, wenn ich reinkomme. So konnte ich ihm leider nie sagen, wie großartig ich ihn finde.

Wie standen Sie zu Rudi Carrell?

Ich war über zehn Jahre richtig mit ihm befreundet, kenne auch sein wahres Leben, nicht nur das, was er jetzt hat aufschreiben lassen. Rudi war ein besessener Arbeiter, der jede Einzelheit planen wollte, und bei mir läuft's ja mehr so aus dem Ärmel. Es hat einmal fürchterlich gekracht zwischen uns.

Warum?

Ach, er ist doch noch nicht lange tot É Wir sind friedlich auseinandergegangen. Sein Leben war eine Show, sein Sterben leider auch. Die Show war das Nonplusultra, alles andere kam erst danach, seine Frauen, seine Kinder, seine Freunde. Ob das der Sinn des Lebens ist, darüber kann man diskutieren.

Sind Sie dieser Meinung?

Nä. Mir ist meine Person wichtiger als die Show, meine Familie sowieso.

Wie ist Ihr Verhältnis heute zu den alten Insterburg-Kollegen?

Gut. Mit dem Ingo - er ist jetzt 72 - gab's vor einem Jahr eine Revival-Tour. Aber das ist nicht mehr wie früher. Damals haben wir die Städte ausgesucht nach den besten Kneipen. Jetzt sind halt zwei alte Herren unterwegs, er lässt sich fahren, ich lasse mich fahren, und man trifft sich abends auf der Bühne. Wenn er nur 'nen Fingerhut voll Rotwein trinkt, ist er schon besoffen. Früher hat er geraucht wie ein Schlot, und heute schimpft er schon, wenn du zehn Meter von ihm entfernt 'ne Zigarette ansteckst.

Fühlen Sie sich wie ein alter Herr?

Na ja, jetzt kommen halt die ersten Seniorenwitze. Ich orientiere mich schon auf die Zielgerade. Es gehört zum Leben dazu, dass man sich da Gedanken macht. Was ist, wenn ich mal nicht mehr so gefragt bin - in 20, 30 Jahren? Schaff ich es bis Johannes Heesters? Den hab ich neulich wieder getroffen. Da er ja kaum noch gucken kann, sagt ihm seine Frau immer, wer sich nähert. Ist ganz gut, wenn man so 'ne junge Frau hat, die noch die Kollegen erkennt.

Wie fand Ihre Frau Barbara die Stelle im Buch, wo Sie über Ihren Entschluss zusammenzuziehen schreiben: "Das Problem mit der Putzfrau hatte sich von diesem Tag an für immer erledigt"?

In unserer WG brauchte ich alle sieben Wochen eine Putzfrau. Aus diesem Grund habe ich die Mädels beim Tanzen immer getestet: Waren die Hände zu weich und die Nägel lackiert, hakte ich sie sofort ab. Nur wenn sie so richtig harte, gnadenlose Kartoffelschälhände hatten, kamen sie infrage. Um auf meine Frau zurückzukommen: Putzfrau ist garantiert nicht die Rolle ihres Lebens. Aber ich brauche eben wirklich seitdem nicht mehr in eine Kneipe zu gehen und meinen Körper für eine Putzfrau zu verkaufen.

Sie sind seit 35 Jahren verheiratet. Können Sie das erklären?

So was kann man nicht erklären. Ich bin ein Freund der Ehe. In allen Insterburg-Ehen hat es gekriselt; die einzige, die gehalten hat, ist meine. Denn ich bin ein bodenständiger Typ, dem man vertrauen kann. Ein guter Familienvater.

Bremst es das Verhalten vor der Kamera, wenn man weiß, Frau und Kind gucken zu?

Natürlich arbeitet man darauf hin, dass sie nicht allzu sauer werden. Aber auf der anderen Seite darf man nicht zu viel Rücksicht nehmen. Nee, Pointe geht immer noch vor Familie, oder etwa nicht?

Interview: Christine Kruttschnitt print

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