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Karlsbader Wochenende: Hier groovt der Graf

Walzer, Handkuss, blaues Blut: Beim Karlsbader Wochenende feiern alljährlich sehr feine Leute ein großes Fest - und vor allem sich selbst. Dass so mancher Hochwohlgeborene auch nicht mehr auf der Kante hat als unsereiner - egal. Auf die richtige Haltung kommt es an.

Von Alexander Kühn

Und dann bricht an diesem nasskalten Samstag doch noch der Frühling aus; ein blässliches Fräulein aus der Schweiz führt ihn auf dem Kopf spazieren, es hat sich Rosen auf den Strohhut gepflanzt, Tulpen und Forsythien, man möchte augenblicklich zur Biene werden, dabei ist der Blütentraum nur aus Plastik; hinter Synthetik-Efeu lugen ein plüschiges Äffchen, eine Robbe und ein Schneetiger hervor. Und das alles auf einem zierlichen Fräuleinkopf.

Frau Gräfin, auf dem Haupthaar eine Klaviertastatur aus Filz, gesellt sich hinzu. Und Frau Doktor, auf deren sattgrünem Hut sich Mensch-ärger-dich-nicht-Figuren um zwei Fußballtore scharen; bloß ist die Doktorin klein von Wuchs - und zu breit die Hutkrempe, sodass die Bedauernswerte ständig den Kopf in den Nacken werfen muss, um einem in die Augen zu schauen. Bei der Hutprämierung am Rande des Galopprennens wird sie mit einem zweiten Platz belohnt, Platz eins macht ein Federnest.

Hier wird Etikette nicht mit Preisschildern verwechselt

Es ist der zweite Tag des Karlsbader Wochenendes, wo feine Leute ihresgleichen treffen. 600 Gäste sind angereist, um sich für drei Tage dem Gefühl hinzugeben, etwas Besonderes zu sein. Eine Prinzessin von Libyen, eine von Persien und ein Kronprinz von Burma. Familie von Hinüber, Herr von Zitzewitz, Graf und Gräfin Schlik zu Bassano und Weißkirchen. Angenehm, sehr erfreut.

Die Hälfte der Gäste ist bürgerlich, doch von tadellosem Benimm. Juristen, Unternehmer, Apotheker, Wissenschaftler. Herrschaften, die Etikette nicht mit Preisschildern verwechseln. Die wissen, dass Schuhe anständig poliert gehören und dass man beim Handkuss nicht die Lippen aufdrückt. Selbst ihre pubertierenden Kinder wünschen einem artig noch einen schönen Abend, wenn sie sich vom Tisch erheben, und man möchte zurückwünschen: Macht euch locker, Jungs! Im Glanze derer von edlem Geschlecht darf die Bourgeoisie sich selbst ein wenig aristokratisch fühlen - und wer weiß, vielleicht wird mancher dereinst gar durch Heirat geadelt.

Walzer und Foxtrott gehören zur Grundausbildung

Nikolaus von Plettenberg, 47, hat Industrial Design studiert, fertigt in seiner Tischlerei im Sauerland Möbel nach Maß und macht hier in Karlsbad den DJ. Legt Johann Strauß auf, Sinatra und Barry White. Walzer und Foxtrott müsse man beherrschen, sagt der Graf, "das gehört zur Grundausbildung jedes Menschen wie Essen mit Messer und Gabel".

Und wie sie tanzen hier in Karlsbad. Linksherum, rechtsherum, das Blaublut pulsiert im Dreivierteltakt. Zum Amüsement gereichen auch die mittelalterlichen Schreittänze, bei denen Dame und Herr den auf Französisch vorgetragenen Anweisungen des Discjockeys folgen. Knicks. Ringelreihen. Hände in die Hüften und seitwärts gehüpft, den Partner getauscht und in die Hände geklatscht, welch anmutige Albernheit.

Oron-Michael Kalkert ist, nun ja, vielleicht kein schöner Mann. Jedoch ungemein charmant, herzlich, unaufdringlich. Ein perfekter Gastgeber. Es war 1992, als der Münchner Kaufmann bei einem Besuch in Karlsbad beschloss, hier müsse man ein großes Fest rauschen lassen. Schon seine Eltern hatten mit Genuss Einladungen ausgesprochen und Bälle besucht; das Karlsbader Wochenende, zu dem Kalkert seit 1997 einlädt, sollte den Prunk und Protz seiner Kindheitserinnerungen weit übertreffen.

Karlsbad ist die Perle Böhmens

Den Höchstadel, etwa die Windsors, sucht man hier vergebens, die festeln unter ihresgleichen, auch fehlen Helden des "Goldenen Blatts" wie etwa Fürstin Gloria. Und dass im vergangenen Jahr Xenia von Sachsen geladen war, die aus der Reality-Soap "Die Burg", ist einem Einfall von Pro Sieben geschuldet; bauchfrei stolzierte sie herum, was Herrn Kalkert arg peinlich war und ihn von einer erneuten Einladung absehen ließ. Üblicherweise bitten er und seine Mit-Gastgeberin Johanna von Papen nur Freunde und deren Freunde nach Karlsbad. Jeder zahlt 280 Euro, Übernachtung und Getränke gehen extra, und am Ende, sagt Kalkert, komme er mit etwas Fortune null auf null raus, habe aber Menschen zusammengeführt.

Karlsbad ist eine prachtvolle Stadt. Perle Böhmens, Tschechiens berühmtester Kurort. Heiße Quellen, Barock, Jugendstil, Oblaten und hochprozentiger Becherovka. Russische Investoren sorgen dafür, dass die in sozialistischen Jahren vernachlässigten Häuser wieder Farbe bekommen; russische Kurgäste in Jogginganzügen bestimmen das Stadtbild, noch mehr als die busweise angekarrten Senioren aus Deutschland. An diesem Wochenende aber gehört die Stadt den Grafen, Prinzen und Freifrauen.

Zwilinge, die als Mozartkugeln unterwegs sind

Erster Abend: Eintanzen im diskret schicken Hotel Imperial. Devise: Die Kleidung so wählen, dass in den folgenden Tagen Steigerung möglich ist. Gesichtet werden ein Dirndl und ein locker über die Schulter geworfenes Pelzchen. Ein Top, so golden, dass einem ganz weihnachtlich wird. Trachtenjanker, Tweedjackets und sehr viel Cord. Und ein babyblauer Schal zum schwarzen Anzug. Zweiter Abend: Frühjahrsball im Grandhotel Pupp, zwischen Putten, Lüstern und Leuchtern. Devise: Zeigen, dass man dazugehört zu den oberen Zigtausend. Herren im Smoking. Damen in Cerruti, im maßgeschneiderten Kleid oder, je nach Geschick, im selbstgenähten. Dritter Abend: Maskenball im wunderhübsch maroden Kaiserbad, wo sich einst Franz Joseph ertüchtigte. Devise: Auffallen. "Mozart und seine Zeit", das ist das Motto; näher liegt in diesem Jubeljahr nur Mozarts Sohn, welcher in Karlsbad begraben wurde. Es ist der Abend der Rüschenhemden und Pudergesichter, der Königinnen der Nacht, der Vogelfänger und der Zwillinge Rhett und Richard Kuper-Kattos, 15, die als Mozartkugeln unterwegs sind.

Gerüchte und Anekdoten machen die Runde

Max von Kienlin, 71, Schriftsteller, Forstwirt und Bergsteiger, erscheint zum Maskenball als alternder Casanova - noch nicht gezeichnet von der Syphilis, wie er anmerkt. Der alte Herr erzählt von den Schwierigkeiten, ein so großes Schloss zu unterhalten wie jenes im Allgäu, wo er aufwuchs. Der Park. Die Springbrunnen. Die Heizkosten. Der lange Weg von der Küche zum Esszimmer. Vom Personal gar nicht zu reden. Seinen Kindern, sagt er, wollte er diese Last nicht zumuten, weshalb er den Familiensitz irgendwann nach München verlegte.

Dr. Denise von Preysing-Lichtenegg-Moos, 27, Chemikerin bei BASF und Komponistin, ist beglückt. Das Orchester hat gerade bravourös den von ihr geschaffenen Karlsbader Walzer aufgeführt. Sie selbst hat als Pianistin jüngst ihre erste CD auf den Markt gebracht; 15 davon gibt es bei der Tombola zu gewinnen.

Der Herr in den tomatenroten Hosen, der so charmant Konversation betreibt, sei eigens aus Sibirien angereist, heißt es. Die Blonde in dem rosa Kimono, so wird getuschelt, kommt aus Norwegen, und auf dem Schloss ihrer Eltern habe Königin Sonja jüngst eine Sause gefeiert.

Und der da hinten, der was vom jungen Ustinov hat, das ist Chevalier Richard Vaughan Rowlands, Baron Serjeant of Cushnie Lumsden und Schauspieler obendrein; er hat schon mit Omar Sharif gedreht. Otto von Habsburg, 93, in der Einladung "Kaiserliche und Königliche Hoheit" genannt, hat für das Wochenende wieder die Schirmherrschaft übernommen; aus Altersgründen in Abwesenheit. Auch seine Tochter ist verhindert, und so verzichtet man in diesem Jahr schmerzlich auf das Geschlecht, das heute Österreich regieren würde, wäre nicht die Demokratie dazwischengekommen.

Zwischen den Designerhüten auch manches Stück von C&A

Der Schein bestimmt das Selbstbewusstsein, und so ist die Karlsbader Dekadenz mitunter nur Fassade. Nicht jeder Gast kann es sich leisten, im Grandhotel Pupp zu nächtigen. Und zwischen den Designerhüten findet sich auch manches Stück von C&A. Die Kunst liegt darin, trotzdem Haltung zu bewahren.

Des Schauspiels geistlicher Teil wird am Sonntag um elf aufgeführt, in der Kirche der Heiligen Maria Magdalena. Die Nase umschmeichelt vom Weihrauch, das Ohr von Mozarts Krönungsmesse. Gloria in excelsis Deo. Der Chor jubiliert von oben herab, und man möchte den Damen wünschen, dass die erhebenden Klänge den Weg in ihr Gehör finden, vorbei an den wagenradgroßen Hüten. Denn bei aller Demut, allem Frohlocken zählt auch hier zufürderst das Sichpräsentieren.

Die katholische Liturgie ein "theatrum sacrum"

Pater Daniel Blei sagt, er habe gelernt, die Menschen hinter dem Brimborium zu sehen. Deshalb sei es ihm eine Herzensangelegenheit, jährlich hier die Messe zu lesen. Die katholische Liturgie sei ja eine heilige Show, sagt er - "oder schreiben Sie besser: theatrum sacrum". Auch dem Ball und dem Menü vermag er Positives abzugewinnen, es gehöre zum Leben dazu, auch mal die Sau rauszulassen - "oder schreiben Sie besser: es krachen zu lassen".

Einmal trat beim Karlsbader Wochenende ein Adeliger an einen Bürgerlichen heran mit dem Ansinnen, ihn zu adoptieren. Aus Sympathie. Um den Namen zu erhalten. Und aus irgendwelchen wirtschaftlichen Gründen. Der Bürgerliche lehnte dankend ab. Einmal im Jahr wolle er sich gern für drei Tage adelig fühlen - aber bitte nicht ein Leben lang.

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