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Lydia Hearst: Nicht schön, aber super sexy

Von Geburt an reich, nun auch erfolgreich: Als Model macht die Urenkelin des Medien-Tycoons Hearst eine steile Karriere. Dem gängigen Klischee entspricht sie dabei nicht. Die 23-Jährige kann viel mehr, als nur elegant über den Catwalk zu stöckeln.

Von Ulrike von Bülow

Sie steht bei Evolution in Manhattan, einem Bioladen der besonderen Art. Es gibt hier tote Natur zu kaufen, Spinnen und Käfer und Schlangen, Halsketten mit Würmern daran und Portemonnaies aus Froschleder. Lydia Hearst, sauerkrautblond das Haar, palmengrün die Augen, hält einen kleinen Glaskasten in der Hand, darin ein Skorpion. "Guck mal", sagt sie, ihre Stimme ist tief, sie klingt verschnupft, "der ist schön, oder?" Es geht so.

"Den hätte ich gern", sagt sie. "Ich sammle Insekten, sie hängen rundherum in meinem Badezimmer an der Wand, und da ist noch eine Lücke." Das leblose Tierchen kostet 398 Dollar, und Lydia Hearst, 23, geht zur Kasse und bezahlt es mit einer eleganten schwarzen Kreditkarte, dem Geldausweis der VIPs.

Lydia Hearst gehört zu jener Spezies, die sie hier in New York "trustfund-babys" nennen, weil ihr Nachname ein Synonym ist für mächtig viel Geld: das Geld ihrer Familie. Lydias Urgroßvater war William Randolph Hearst, der ein monströses Verlagsimperium aufbaute und das Vorbild war für Orson Welles' "Citizen Kane". Ihre Mutter ist Patty Hearst, die einst von einer Gruppe namens "Symbionese Liberation Army" gekidnappt wurde und die dann, nachdem sie einer Gehirnwäsche unterzogen worden war, mit ihren Entführern Banken überfiel.

Anders als Miss Hilton

Trustfund-Babys tun eigentlich nichts, sie arbeiten wenig, lernen nichts, sie lesen auch nicht viel, die Partyspalte der "Vogue" erschöpft sie vermutlich schon. Sie sind berühmt fürs Berühmtsein, und das beste Beispiel dafür ist natürlich Paris Hilton. Doch anders als Miss Hilton schaut Lydia Hearst nicht dauergelangweilt drein, und sie redet druckreif in ganzen Sätzen. Sie ist eher wie Loriots Frau Hoppenstedt mit ihrem Jodeldiplom - sie will jetzt "etwas Eigenes". Und dafür tut sie eigentlich alles.

Frau Hearst schreibt eine Kolumne für die "New York Post", sie entwirft Taschen und Sportkleidung für Puma, vor allem aber arbeitet sie als Model. Sie war in Kampagnen von Prada und Louis Vuitton zu sehen, kürzlich wurde sie von Escada angeheuert als "das Gesicht" für einen neuen Duft, und demnächst wird ihr ein amerikanischer Preis verliehen, der sie als "Supermodel Of The Year" auszeichnet.

Lydia Hearst ist längst Dauergast in den Klatschspalten der New Yorker Zeitungen, aber stets ist da das Wort "heiress", Erbin, vor ihrem Namen zu lesen. Wenn man sie fragt, ob sie aufgrund ihres Namens Karriere macht, antwortet sie: "Um ehrlich zu sein: Anfangs hat es mir vermutlich geholfen, aus dieser Familie zu kommen. Aber letztlich wirst du als Model nicht wegen deines Nachnamens gebucht, sondern wegen deiner Fähigkeiten. Ich denke, ich habe inzwischen meinen Teil dazu beigetragen."

So groß wie Kate Moss

Für ein Model ist sie klein, 1,70 Meter vielleicht, aber da lacht sie und kontert: "Hey, ich bin so groß wie Kate Moss, und wenn die das kann ...!" Wie Kate Moss ist sie keine klassische Schönheit, ihre Lippen sind schmal und ihre Augen stehen weit auseinander; sie sieht interessant aus. Leute, die mit ihr arbeiten, loben, sie sei professionell und unkompliziert. "Lydia macht alles mit, sie ist total nett", sagt ein Fotograf. "She never loses her cool", das ist ein Satz, den man häufig über sie hört: Ihr kühles Selbstbewusstsein verliert sie nie.

Lydia Hearst macht einen ziemlich geerdeten Eindruck, wenn man eine Weile mit ihr durch Manhattan spaziert. Sie ist nicht quietschend laut wie so viele dieser Amerikanerinnen, die pausenlos "Oh my Gooood!" und "amaaiizing!" rufen. Sie steht da bei Evolution mit ihrem Skorpion und sagt einfach: schön.

Sie ist auf dem Land aufgewachsen, in Connecticut, in einer kleinen Stadt in den Wäldern. "Meine Kindheit war ganz normal", sagt sie abends im Lure, einem Restaurant, in das sie häufig geht, weil es hier köstliches Sushi gibt. Wann hat sie gemerkt, dass sie in eine besondere Familie hineingeboren worden ist? "Ich hatte eigentlich nie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein", sagt sie, klappert mit ihren Stäbchen und nimmt sich ein Stück Shrimp Tempura.

Carter begnadigte ihre Mutter Patty

Natürlich kenne sie die Geschichte ihrer Mutter, "aber in unserer Familie war das kein großes Thema", sagt Lydia. "Für mich ist sie einfach meine Mom!" Ihre Mom wurde von ihren Entführern 1974 in einem Schrank festgehalten und missbraucht, bevor sie mit ihren Peinigern in Banken einrückte, bewaffnet mit einem Maschinengewehr, und auf der Liste der "FBI's Ten Most Wanted" landete. Patty Hearst wurde nach ihrer Verhaftung 1975 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber nach zwei Jahren wieder frei, weil sich der damalige US-Präsident Jimmy Carter für sie einsetzte. Später heiratete sie ihren Bodyguard Bernard Shaw und bekam mit ihm zwei Töchter: Gillian und die drei Jahre jüngere Lydia. "Benimm dich gut, und die Menschen werden dich gut behandeln", das gab Patty ihren Mädchen mit auf den Weg.

Lydia und Gillian gingen zur Highschool, "ich bekam kein Taschengeld und schon gar keine Kreditkarte, also habe ich irgendwann in einem Sportgeschäft gejobbt", sagt Lydia, für acht Dollar die Stunde. Ihre Mutter spielte in fünf Filmen von John Waters mit, "ich war immer mit am Set, und sie lief bei Modenschauen für Thierry Mugler. Ich sah zu und dachte: All diese schönen Frauen - ich möchte eine von ihnen sein!"

Vor vier Jahren lernte sie Eileen Ford kennen, die Chefin der Modelagentur Ford. "Es war Zufall, sie saß bei einem Friseur, bei dem meine Mutter sich die Haare machen ließ. Zwei Monate später hatte ich mein erstes Shooting mit Steven Meisel." Der fotografierte Lydia Hearst für das Cover der italienischen "Vogue". "Er hat mich entdeckt, ihm verdanke ich alles", sagt sie.

Eine gute Ausbildung ist wichtig

Heute lebt Lydia in einem Apartment in Midtown-Manhattan, das sie sich kürzlich für 1,5 Millionen Dollar gekauft hat, mit Blick auf den Hudson und Downtown, und "das Erste, was ich morgens mache, ist: meine Mutter anrufen. Wir sind sehr eng miteinander". Und Patty Hearst passt auf, dass Lydia ihr Fernstudium in Kommunikation und Informatik nicht vernachlässigt, das sie nebenbei absolviert. In zwei Jahren möchte sie ihren Abschluss haben. "Eine gute Ausbildung ist extrem wichtig", sagt Miss Hearst. Und dann? Tritt sie dann ein in die "Hearst Corporation", in das große Verlagsgeschäft?

"Ich bin gern beschäftigt", sagt Lydia Hearst, "ich finde alle Seiten der Unterhaltungsindustrie spannend." Sie hat Schauspielunterricht genommen und spricht bei Castings vor. "Ich glaube", sagt sie und lacht heiser, "ich konzentriere mich darauf, mein eigenes Imperium zu gründen."

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