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Michael Jackson: Dramatischer Abgang einer Legende

Michael Jacksons Tod schockt die ganze Welt. Nicht nur Los Angeles ist im Ausnahmezustand, trauert und diskutiert: Waren Jacksons Ärzte schuld an seinem Gesundheitszustand und letztlich an seinem Tod? "This is it", "Das war's" - der Titel der geplanten Abschiedskonzerte wurde zur finalen Schlagzeile von Jacksons dramatischem Leben.

Von Christine Kruttschnitt, Los Angeles

Ab zwei Uhr nachmittags kreisten Hubschrauber am strahlend blauen Himmel über dem Universitätskrankenhaus von Los Angeles, LAPD-Uniformierte holten dicke Rollen ihrer gelben "Do not cross!"-Absperrbänder aus den rings um das Unigelände geparkten Polizeiautos, und Übertragungswagen der lokalen Fernsehsender rollten vor den Rasen am Hospitaleingang. Etwas Ungewöhnliches ging vor sich, etwas Dramatisches lag in der Luft. Kurz darauf waren die "breaking news" bestätigt: Michael Jackson - als Popstar längst Legende, als Mensch ein Rätsel - war im Alter von nur 50 Jahren an Herzstillstand gestorben.

Der Notarzt, kurz nach zwölf Uhr mittags, Ortszeit, in die Villa von Amerikas geheimnisumwitterten Entertainer gerufen, fand Michael Jackson schon in tiefem Koma vor. Nachbarn im Reichenviertel Holmby Hills, wo die derzeit teuerste Villa der Welt für 150 Millionen Dollar zum Verkauf steht und Jackson seit Anfang des Jahres für 100.000 Dollar im Monat zur Miete wohnte, berichteten von ungewohnter Hektik in ihren stillen Straßen, als die Sanitäter den bewusstlosen Star abtransportierten. Seine Bodyguards schirmten am Eingang zur Notaufnahme die Trage mit ihren schwarzen Jacketts ab, doch vergebens: Paparazzi hatten die Fährte schon aufgenommen, Kameras klickten, das Internet begann zu brummen. Die Meldungen überschlugen sich, Fernsehsender unterbrachen ihre Nachmittagsprogramme, Studenten auf dem Unigelände und aus der ganzen Stadt herbeigeeilte Fans versammelten sich auf dem UCLA-Campus. Kurzzeitig brachen Twitter- und Facebook-Dienste zusammen - aus Überlastung wie zuletzt nur bei der Inauguration von Barack Obama. Eine Stunde lang, gab mit Tränen erstickter Stimme Jermaine Jackson auf einer Pressekonferenz bekannt, hätten die Ärzte in der Klinik versucht, seinen jüngeren Bruder wiederzubeleben. Um 14.26 Uhr Ortszeit mussten sie ihn jedoch für tot erklären.

Nachbarn im Carolwood Drive in Holmby Hills liefen zusammen, Touristen - aufgescheucht von der Todesnachricht - purzelten aus "Star-Tour"-Bussen, die regelmäßig in diesen hügeligen, von viel Prominenz bewohnten Straßen unterwegs sind. Polizeimotorräder blockierten weiträumig die Einfahrt zu Jacksons Villa. Zwei große Kränze zieren dieses Tor - die Eigentümergemeinschaft von Holmby Hills hatte an dieser weihnachtlichen Deko schon mehrmals Anstoß genommen, aber der geheimnisvolle Hausherr, so meldete ein Nachbar kürzlich in seinem Blog, bestand darauf, dass auch im Sommer das Gebinde hängen bleibt: "Seine Kinder lieben Weihnachten."

Am frühen Abend herrschte im Westen von Los Angeles, wo sich die Uni-Klinik befindet, Verkehrschaos. Menschenschlangen wanden sich ums UCLA-Gelände, im nördlich gelegenen Stadtteil Encino, wo das "Hayvenhurst Mansion" genannte Heim der Jackson-Eltern steht, bildeten sich Gruppen von verstörten Fans, Journalisten, neugierigen Passanten. Michael Jackson hatte in diesem Anwesen seine Jugend verbracht, damals, als er mit den "Jackson Five" in zartestem Alter zu Weltruhm katapultiert wurde und nie wieder in seine Kindheit zurückfand. Der "King of Pop", der in Wahrheit ewig der kleine Prinz bleiben wollte, führte ein zunehmend bizarres, von der Öffentlichkeit abgeschirmtes Leben, das in den vergangenen Jahren weniger von künstlerischen Erfolgen als von Gerüchten und Skandalen geprägt worden war.

Im Frühjahr 2005 musste sich Michael Jackson in einem weltweit Aufsehen erregenden Prozess vor einem Gericht im kalifornischen Santa Maria wegen Kindesmissbrauchs verantworten; er wurde freigesprochen. Doch niemand, der ihn während dieser Wochen gesehen hatte, vergaß seine zerbrechliche Erscheinung, sein befremdliches Gebaren, seine vorgetragene oder tatsächliche Verschrobenheit. Aus dem Weltstar war ein Wunderling geworden, ein mittelalter Herr Seltsam mit grandioser Vergangenheit, vor dem Amerikas Mütter ihre Kinder schützen wollten.

Dann die Berichte, dass er pleite war: Erst vor einigen Wochen sollte eine Versteigerung seines Hab und Guts in einem Hotel in Beverly Hills stattfinden, der König brauchte offenbar Cash. Die reiche Ernte seiner Karriere bot sich dort dem staunenden Auge: Glamourroben und Spieluhren, Mannequins und natürlich der Glitzerhandschuh, der berühmter noch wurde als der von O.J. Simpson. Zuvor hatte Jacko "Neverland" verlassen müssen, seine Märchen-Ranch im romantischen Santa-Ynez-Tal bei Santa Barbara, wo er Tiere und Firlefanz sammelte; das Traumziel seiner internationalen Fans, vollgestopft mit Kronleuchtern und Teddybären aus aller Welt, Kunst und Kitsch und sündhaft teurem Wein, den er gar nicht zu genießen vermochte. Ein Museum und zugleich Dokument seines kindlichen und verspielten Geistes, vielleicht auch Refugium der dunklen Seiten seines Wesens; aus dem Schatten des Prozesses und einer früheren Missbrauchsklage, die außergerichtlich geregelt wurde, hat Michael Jackson sich nie ganz gelöst.

Sein Tod ist ein Schock, und dennoch gibt es kaum jemanden, der sich den "Bad"- und "Thriller"-Star alt und grau und mit leichter Wampe im Schaukelstuhl vorstellen konnte. Zu bizarr war seine Biografie für einen gemütlichen Lebensabend, zu krass die Gegensätze in seinem Alltag: das berstende Talent und die verschreckte Seele, der Glanz seiner Weltkarriere und seine Sehnsucht nach Unschuld und dem Märchenland der Kindheit. Er war, wie alle Top-Größen ihres Fachs, besessen - ein unerreichter Performer und egozentrischer Künstler mit enormen Einflüssen auf die Popkultur. Und dabei ein unglücklicher Pleitier, dessen Reichtum verschlungen wurde von einem grotesk-neureichen Lebensstil und den Kosten einer mit Bodyguards und Zäunen und Villen und Privatjets erzwungenen Privatsphäre.

Er sei in guter körperlicher Verfassung gewesen, hieß es, entgegen dem Augenschein: Gespenstisch mager war er, auf seinen letzten Fotos sind seine Arme dünner als die seiner Kinder. Was mit Prince Michael, 10, Tochter Paris, 9, und dem fünfjährigen Prince Michael II, "Blanket" genannt, nun geschieht, ist noch nicht klar. Im Februar konnte man die drei erstmals ohne die Schleier und Masken erblicken, mit denen sie bis dahin der Öffentlichkeit präsentiert worden waren - hellhäutige Kinder am Arm von Nannies oder ihres (mittlerweile ebenso bleichen) Vaters, man sah sie auf Flughäfen und in Zoos und Geschäften außerhalb der Öffnungszeiten. Die Mütter, Jacksons erste Frau Debbie Rowe und eine unbekannte Leihmutter, werden in ihrem Leben künftig wohl keine Rolle spielen: Wie es heißt, nimmt sich Großmutter Katherine Jackson ihrer an. Laut Medienberichten befanden sich die Kinder in der Villa in Holmby Hills, als ihr Vater gestern Vormittag zusammenbrach.

Am Abend vor seinem Tod soll er im Staples-Center geprobt haben, einer Veranstaltungshalle in Downtown Los Angeles. Bekanntlich bereitete sich Jackson auf eine Tournee vor, die am 13. Juli in London beginnen sollte. Das endgültige Konzert, nannte er sein Vorhaben. Den finalen Auftritt. Entsprechend tönender Tournee-Titel: "This is it".

Der Auftakt wurde mehrmals verschoben, Gerüchte loderten, dass Jackson niemals wieder eine Bühne betreten würde. Zu viele finanzielle Probleme, künstlerische womöglich, gesundheitliche gar? Hatte er nicht öfter schon ein neues Album angekündigt, und kein Ton war zu hören? Der Verdacht, er sei an den Folgen von Stress in Kombination mit Medikamenten gestorben, wurde fast zeitgleich mit der Todesnachricht geäußert - begleitet von Vorwürfen an seine Ärzte und Berater. Bestätigt ist bislang nichts dergleichen, sein Leichnam wurde am frühen Donnerstagabend zur Obduktion ins Labor des Gerichtsmediziners geflogen. Die Mordkommission untersuchte am frühen Abend die Villa in Holmby Hills. Dies sei Routine in "high profile cases", wehrte der zuständige Beamte Fragen ab. Außergewöhnliche Berühmtheiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.

Das dachten sich auch die Programmgestalter der amerikanischen Fernsehsender und kippten kurzerhand ihr Seriengeflimmer aus dem Kanal. Querbeet liefen am vergangenen Abend Bilder aus Jacksons Leben - von dem kleinen, munteren, schwarzen Jungen, der auf der Bühne hüpfte wie das Häschen in der Batteriewerbung, bis hin zu dem hohlwangigen Wesen, das der Welt nicht mehr und nicht weniger zu sagen hatte als sein hingehauchtes "I love you all".

Die Nation trägt Trauerflor, Hollywood zumindest: Nur Stunden vor der Sensationsnachricht war bekannt geworden, dass die 62-jährige Farrah Fawcett in einem Krankenhaus in Santa Monica ihrem langen Krebsleiden erlegen war. Zwei tragische Todesfälle an einem Tag: die B-Listen-Schöne und der A-plus-Megastar. Die Strahlefrau und der Wunderling. Das Pin-up-Girl und der Kindmann mit dem Peter-Pan-Komplex. Amerikas blondester Engel und Amerikas so brillanter, so verlorener Sohn. Den ganzen Abend erinnerten Spezialberichte und Nachrufe an zwei Menschen im Rampenlicht, die unterschiedlicher nicht sein konnten und doch geeint wurden durch die letzte Schlagzeile: This is it.