Mode Ferré ist tot, seine Kleider leben weiter


Am Sonntag verstarb Gianfranco Ferré, einer der größten Couturiers unserer Zeit, im Alter von 62 Jahren. Ein Nachruf auf ein italienisches Ausnahmetalent, das Mode wie Bauwerke konstruieren konnte.
Von Cathrin Dobelmann

Sobald das letzte Model hinter dem Vorhang verschwunden war, gehörte der Laufsteg ihm. Die Gäste im Saal klatschten, ihre Augen richteten sich auf den schwarzen Molton, durch den Gianfranco Ferré in den nächsten Sekunden hervortreten würde. Und dann kam er. Wie immer im dreiteiligen Anzug, dazu die Hornbrille und der Vollbart. Der Designer bewegte sich langsam, sein fülliger Körper erlaubte ihm keine Eile. Er nickte der Menge freundlich zu, wiederholte die Bewegung, um auch dem Gast in der hintersten Ecke für seinen Applaus zu danken. Die letzten Meter seiner Ehrenrunde säumten seine Models, die inzwischen den Laufsteg wieder betreten hatten. Sie trugen glänzende Metallkleider, die sich wie Kostbarkeiten im Boden spiegelten. Als Ferré darüber tritt, ist sein Körper von Glanz umgeben. Er dreht sich noch einmal um, bevor er wieder im Dunkeln verschwindet.

Im Februar erlebte die Modewelt den letzten Showlauf des 62-jähirgen Designer, der am Sonntag an den Folgen seiner Diabetes-Erkrankung gestorben ist. Ferré galt als einer der größten italienischen Couturiers, der seit den 80er Jahren die internationale Modeszene prägte. "Er war ein Gentleman aus einer anderen Zeit, ein Erfinder von Formen, der eine grandiose und tadellose Mode kreierte", sagt Donatella Versace gestern der italienischen Presse.

Ferré, der über Umwege zur Mode gekommen war, machte sich vor allem durch seinen Umgang mit geometrischen Formen einen Namen. Jedes Kleidungsstück basierte auf einem Kegel, einer Pyramide oder einem Zylinder. Als promovierter Architekt, der nie in seinem erlernten Beruf gearbeitet hatte, errichtete er seine Entwürfe als Bauwerk. Der Schnitt, seine Statik, war immer akkurat, die verwendeten Materialien, oft schwere Stoffe, glichen einem Fundament.

Sein Ruf, ein Konstruktionsmeister der Mode zu sein, eilte dem 1944 in Mailand geborenem Designer bis nach Frankreich voraus. Vor allem das Couturehaus Christian Dior, dass nach der Übernahme durch den Luxuskonzern LVMH einen neuen Kreativchef für die Damenmode suchte, war von der Kunst Ferrés begeistert. Seine Experimentierfreude mit Formen, Farben und ungewöhnlichen Materialien wie beispielsweise Metall machten ihn für das Unternehmen zur perfekten Besetzung. Die Franzosen sahen der Wahl mit gemischten Gefühlen entgegen. Während einige Ferré als Reinkarnation Diors feierten, betrachteten andere seine Ernennung als Skandal. Schließlich hatte bislang noch kein Italiener für das französische Modehaus entworfen. Die Kritiker verstummten, als Ferré für seine Arbeit bei Dior mit Auszeichnungen wie dem "Goldenen Fingerhut", einer Art Oscar der Mode, geehrt wurde.

"Es war acht Jahre lang eine außergewöhnliche Erfahrung, und ich bereue nichts", sagte Ferré einst über die Zusammenarbeit mit dem Couturehaus. Böse Worte rutschten nicht über seine Zunge, auch wenn man ihn 1996 gegen den britischen Jungdesigner John Galliano austauschte. Nach seinem Rauswurf kümmerte sich Gianfranco Ferré vor allem um sein eigenes Modeunternehmen, das er bereits 1978 gegründet hatte. Bis heute sind 21 Kollektionslinien entstanden, die allesamt das Logo GFF tragen.

"Die Menschen, die wir verlieren, blieben bei uns", erklärte Ferré vor einigen Jahren einem Freund. Viele Modeinteressierte werden sich an seine Worte erinnern, wenn die Designer im Herbst die neue Frühjahrskollektion in Mailand präsentieren. Sie werden nach der Ferré-Show wieder aufstehen, begeistert klatschen, und doch wissen, dass sich der schwere Vorhang nicht bewegen wird.


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