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Sonderzug zum Oktoberfest: Saufen auf Rädern

Von Köln nach München zur Wies'n und zurück: 26 Stunden braucht der Sonderzug. Bier ist die Grundnahrung, Baggern ist Programm, Kondition eine Grundvoraussetzung. stern.de ist mitgefahren.

Von Katharina Finke

Das Bier spritzt an die Scheiben. Der Boden klebt. In den Gängen liegen leere Flaschen, und jemand hat sich auf der Toilette übergeben. "Ein einmaliger Geruch", bemerkt Jens Beckert, Schaffner des Sonderzugs der Deutschen Bahn. "Ich könnte das jeden Tag machen, denn etwas möchte ich nicht missen", sagt er, als zwei Damen im Dirndl an ihm vorbeilaufen. In lila aufeinander abgestimmt: Von den Ballerinas, über das Dirndl bis hin zur dekorativen Blume um den Hals. Das Ziel des Zuges: das Münchner Oktoberfest.

"Dort wollten wir immer schon mal hin", sagen Irina und Daniela aus der Eifel, die beiden Damen in Lila. Für sie beginnt die Party um kurz vor 6 Uhr am Kölner Hauptbahnhof. Mit anderen Reisenden warten sie am Gleis 7, die statt Koffer schwere Tüten mit Alkohol tragen.

"Hölle, Hölle, Hölle", schallt es aus den Lautsprechern auf der Tanzfläche und in den Abteilen. Nach dem Halt in Frankfurt, kurz vor 9 Uhr, ist der Zug rammelvoll. Mittlerweile ist es hell. Die mitgebrachten Fässer, Bierkästen, Sektflaschen und Alko-Pops in den Abteilen sind aufgebraucht und die Lederhosen- und Dirndlträger strömen in den Diskowagen. Hinter dem Tresen steht "der Dieter" am Zapfhahn und reicht das Bier in Plastikbechern über den Tresen. "Hätte nicht gedacht, dass so viel los ist", sagt Irina. Denn bei der Abfahrt des Zuges war der Diskowagen noch leer, weil es sich die Fahrgäste in den Abteilen der vier Waggons gemütlich gemacht hatten. Dort genossen sie ein Sektfrühstück oder eine Brotzeit mit mitgebrachten Wurstkollektionen und Käsebällchen.

Im Sonderzug gelten andere Regeln

Irinas und Danielas erstes Bier gab's um 7 Uhr. Damit liegen sie im guten Mittelfeld. Zwischen den ersten, die schon um halb vier, bevor sie in den Zug gestiegen sind, ein Bier geköpft haben, und anderen, die um 10 Uhr angefangen haben. Zwei Stunden später um 12 Uhr stapeln sich die Bierfässer in den Gängen und der Alkoholpegel ist auf dem Höchststand.

"In dem Sonderzug gelten andere Regeln: Es darf getrunken und geraucht werden", erklärt Wolfgang Frankenberg, der zu einem engeren Kreis von 40 Bahnangestellten gehört, die regelmäßig an Sonderfahrten teilnehmen. Heute ist er Reiseleiter und DJ. In einem kleinen Kabuff spielt er Musik von einem Computer ab und guckt dabei durch die Plexiglasscheibe auf die Tanzfläche und die dahinter liegende Bar. Dort wird geflirtet und gebaggert. Die Männer schauen immer tiefer ins Glas und auf die Dekolltees der Frauen. Doch Daniela und Irina sind vergeben. Ihre Freunde stört es nicht, dass sie sich einen Mädel-Tag gönnen und verabschiedeten sie mit: "Sei brav. Viel Spaß und pass auf Dich auf!". Die Worte hat Daniela noch genau im Ohr, als ein Besoffener anfängt sie anzugrabschen und weist ihn energisch zurück.

Ganz anders die Fraktion der 40-Jährigen: Sie lässt ihren Gefühlen freien Lauf, auch wenn sich einige gerade erst kennengelernt haben. Ein Paar knutscht wie frisch verliebt im Gang. Ein anderes vergnügt sich ohne Hemmungen im Abteil.

Eine Erfahrung, die man nie vergisst

Um 13 Uhr erreicht der über dreißig Jahre alte Zug, der vor acht Stunden gestartet war, sein Ziel München. Die knapp 250 Fahrgäste steigen grölend aus und machen sich auf den Weg in die Innenstadt: Zum Weiterfeiern auf dem Oktoberfest oder zum Sightseeing. "Der Dieter" muss jetzt erstmal zwei Stunden putzen. "Auch wenn es dieses Jahr - wahrscheinlich wegen der Schweinegrippe - nur halb so viele Gäste sind." Danach schlafen und essen. "Sonst hält man das nicht durch", sagt er. Ihm gehört der Zug. Wie die meisten Sonderzüge ist auch der Oktoberfest-Express in Privatbesitz. Die Deutsche Bahn vermarktet als Schienenbetreiber die rollende Partymeile und stellt Schaffner und Zugführer.

Zehn Stunden später steht der Zug wieder abfahrbereit am Münchner Hauptbahnhof. Gegen Mitternacht haben sich fast alle Fahrgäste im Zug eingefunden. Das Grölen ist leiser geworden, viele liegen in den Abteilen und schlafen. "Es ist immer super anstrengend", sagt eine Versicherungsangestellte, die dieses Jahr zum vierten Mal mit dabei ist. Gründe für diese extreme Tagestour gibt es viele: Die meisten müssen Montag arbeiten, Übernachtungen in München sind zu teuer und "ein Tag ist zum Ausprobieren genau das Richtige". Außerdem sei der Preis von 69 Euro hin und zurück (ab Köln) unschlagbar.

Auch Irina und Daniela sind zurück. Allerdings haben Oktoberfest und Hofbräuhaus ihre Spuren hinterlassen: Die Haare sind verwuschelt, die Strumpfhosen haben Löcher, und die Schuhe haben sie vor Schmerzen ausgezogen. Bei der Abfahrt bestellen sie sich ein frisches Bier bei Dieter. Er hat die beste Kondition von allen, denn seit 30 Jahren fährt er jedes Wochenende mit seinem Partyzug los, dementsprechend tief sind die Furchen in seinem Gesicht. "Dafür muss man geboren sein", sagt er.

Zum fünften Mal schmettert "Hölle, Hölle, Hölle" aus den Boxen und schon stehen die Mädels und andere Hartgesonnene wieder auf der Tanzfläche. Doch die Pausen werden immer länger. Nach vier Stunden hält der Zug in Frankfurt. Nun sind auch die beiden Freundinnen müde und gehen ins Abteil zu den anderen Schlafenden, die nicht so lange durchgehalten haben. Um 8 Uhr morgens steigen Irina und Daniela in Köln aus. Für sie hat sich der 26-stündige Partymarathon gelohnt. Ihr Fazit: "Es ist eine Erfahrung, die man nie vergisst".