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Paul McCartney: Let it be

Von der großen Liebe zum peinlichen Desaster: Die Trennung von Ex-Beatle Paul McCartney und Ex-Model Heather Mills wird zur öffentlichen Schlammschlacht. Wie konnte das passieren?

Von Cornelia Fuchs

Paul McCartney geht es richtig gut. Heute ist sein Abend. Die Uraufführung seines Choralwerkes "Ecce Cor Meum", ein Stück über die Kraft der Liebe, wird zum grandiosen Erfolg. Der Mann badet geradezu im Applaus. Betont jugendlich springt er die Treppen zur Bühne hinauf. Frauen kreischen, sie rufen seinen Namen. Tausende sind an diesem Tag nur seinetwegen in die Royal Albert Hall gekommen, und Paul McCartney, 64, kann endlich - einen Abend lang - wieder der Größte sein. Der Großvater des Pop bedankt sich bei seiner Familie und besonders bei seiner Tochter Stella McCartney für ihre Unterstützung. Und vielleicht denkt er einen Moment lang nicht an Heather Mills, seine Noch-Ehefrau, die ihn öffentlich blamiert hat. Die in ihren Scheidungspapieren angab, dass er sie terrorisiert, gewürgt und gedemütigt habe.

Es ist schon eine verdammt lange Zeit her, dass Paul noch stolz von sich behaupten durfte, er hätte einfach mehr Glück in der Liebe als andere. Er, der ach so "liebe Beatle" mit den ach so großen Augen. Während Freund und Erzrivale John Lennon seine erste Frau Cynthia hatte heiraten müssen, als diese schwanger wurde - sehr unpassend, da gerade die Beatlemania richtig losging -, amüsierte sich McCartney mit Jane Asher, einer rotblonden Schauspielerin. Cynthia Lennon schreibt in ihrer Autobiografie, dass Paul "stolz wie ein Pfau" gewesen sei, so eine hübsche Freundin zu haben.

Marianne Faithfull, damaliges Hip-Girl des Swinging London, erinnert sich allerdings, dass es zwischen beiden häufiger gekracht habe und Jane und Paul "niemals wirklich miteinander ausgekommen sind". An einem Abend habe es einen Streit um ein offenes Fenster gegeben. Paul, erzählt Faithfull, stand auf, um es zu öffnen, dann kam Jane und schloss es wieder. Das ging den ganzen Abend so, und niemand sprach dabei ein Wort.

Die Beziehung hielt erstaunlicherweise bis ins Jahr 1968, als Jane ihren Paul mit einer anderen Frau im Bett erwischte. Seinem Glück in der Liebe schadete das wenig, im folgenden Jahr heiratete er die Fotografin Linda; und in den nun folgenden ganzen 29 Ehejahren, so betonte Paul gern, waren sie nur zehn Tage getrennt, nämlich als er wegen Marihuana-Besitzes in Japan im Gefängnis saß.

Linda starb 1998 an Brustkrebs, und Paul war erschüttert. Völlig aus der Bahn geworfen. War es die labile Seelenlage? Oder der ungebrochene Glaube an sein ganz spezielles Glück in der Liebe? Jedenfalls traf er, ziemlich bald: Heather Mills. Jene burschikose, beredte, 25 Jahre jüngere, behinderte Blondine, die auf einer Wohltätigkeitsgala im Mai 1999 eine leidenschaftliche Rede hielt. McCartney war fasziniert, besorgte sich ihre Telefon-nummer. Und es begann ein Drama, das wohl erst im kommenden Jahr mit dem Abschluss der gerichtlichen Scheidungsverhandlung enden wird.

Heather Mills war immer schon der blonde Boulevard-Engel, ein schönes, leicht verruchtes Gelegenheitsmodel, das nach dem Zusammenstoß mit einem Polizeimotorrad seinen linken Unterschenkel verloren hatte. Noch aus dem Krankenbett heraus verkaufte sie, geschäftstüchtig, ihre Geschichte an den Meistbietenden. Was blieb ihr auch übrig? Ihre bisherige Überlebensstrategie war es gewesen, möglichst viel Bein - und anderes - zu zeigen und so wohlhabende Männer auf sich aufmerksam zu machen. Erst ein Jahr zuvor war sie von Geschäftsmann Alfie Karmal geschieden worden, den sie mit einem Skilehrer betrogen haben soll.

Zu alledem war Heather stets zu Diensten, galt es, ihr sowieso schon dramatisches Leben für die Bedürfnisse der Klatschjournaille noch etwas auszuschmücken. Ihre Mutter, erzählte sie etwa, hätte ebenfalls ein Bein verloren; tatsächlich war die Mama nach einer verunglückten Operation lange auf Krücken angewiesen. Heather erzählte auch, sie hätte als Teenager im Londoner Bahnhof Waterloo schlafen müssen, woran sich Familienmitglieder nicht erinnern können. Und in ihrer ersten Autobiografie, für die sie im Alter von 25 Jahren die Zeit gekommen sah, beschrieb sie, wie sie mit einer Freundin von einem pädophilen Schwimmlehrer entführt wurde. Die Freundin verklagte daraufhin Heather, da nur sie allein Opfer gewesen war. Die Frauen einigten sich außergerichtlich auf Schadensersatz.

Hat Paul McCartney dies alles nicht gewusst? Oder hat es ihn nicht interessiert? Vielleicht sah er nur die andere Seite von Heather Mills. Denn die hat ihre Popularität - wie immer die auch zustande kam - ziemlich überzeugend in den Dienst einer guten Sache gestellt. Sie ist in Großbritannien bekannt für ihr mutiges Engagement für Landminenopfer und Amputierte. Sie hatte eigenhändig ganze Ladungen Prothesen nach Kroatien verschifft, ihr Durchsetzungsvermögen ist legendär. Sie zeigte, dass auch eine behinderte Frau sexy sein kann und sich nicht verstecken muss. Und als sie dann Paul kennenlernte, und er, der Popstar, der so viele hätte haben können, in Liebe zu ihr entflammte, war fast das ganze Königreich angetan von Miss Mills. Sogar Vergleiche mit Lady Diana wurden bemüht.

Am 11. Juni 2002 heirateten Heather und Paul in einer kleinen irischen Schlosskapelle. Die Braut weinte bei der Zeremonie und trug ein Bukett mit elf McCartney-Rosen, hellrosa mit intensivem Duft nach Zitronen. Und Paul McCartney ließ die ganze Feier von Sicherheitsleuten absperren, nur die 300 geladenen Gäste schauten zu. Das war für lange Zeit das letzte Mal, dass Paul allein das Bild bestimmte, das von ihm gezeigt wurde.

Nach der Heirat beobachtet die Öffentlichkeit irritiert die Wandlung ihres sehr privaten Sir Paul zur PR-Nudel. Das Neu-Ehepaar tritt in der Promi-Ausgabe von "Wer wird Millionär?" auf, sie interviewen sich gegenseitig in einer Talkshow im US-Fernsehen und werden im kanadischen Eis beim Betrachten von Robbenbabys fotografiert. Und immer sieht es aus, als ob seine junge Frau Paul an einer langen Leine hinter sich her ziehen würde.

McCartney wird darüber zusehends gnatziger, erscheint als zerknitterter alter Mann, der sich über die vielen Reisen und Partys beschwert und lieber in Ruhe auf seinem Landsitz abhängen will. Berichte über eine partnerschaftliche Krise weist er aber empört zurück. In einem sehr ungewöhnlichen persönlichen Anruf bei der Boulevardzeitung "The Sun" beschwert sich Paul 2004 darüber, wie er öffentlich in den Berichten über seine Ehe beleidigt würde: "Ich bin doch kein törichter Alter, der auf eine Blondine hereingefallen ist."

Doch der Klatschkolumnist Piers Morgan, der Paul an jenem Abend 1999 die Handynummer von Frau Mills gegeben hatte, will zu dieser Zeit bereits den Abgesang auf die Promi-Ehe vernommen haben. Auf dem Anrufbeantworter von Heather Mills, so behauptet er, habe er einen verzweifelten Sir Paul nach einem Streit "We Can Work It Out" singen gehört. Was wahrscheinlich nicht viel geholfen hat, denn Heather hasst Beatles-Songs. Die Liebe war anscheinend zwischen Talkshows, Arktiseis und Abhängen auf Pauls Landsitz zerstoben.

Finaler Trennungsgrund ist angeblich ein Streit über Muttertagsgeschenke, die Paul nicht selbst besorgte, sondern schnöderweise von Angestellten hatte kaufen lassen. Heather verlässt wutschnaubend das Haus. Und erwartet wohl, wie bei früheren Streitigkeiten, dass Paul sich entschuldigen würde. Tut er aber nicht. Funkstille. Eiszeit. Stattdessen beginnen die Boulevardblätter zu feuern. Im Juni blasen sie die "Entdeckung" eines eher harmlosen Erotik-Büchleins, in dem Heather als Sex-Häschen posierte, zum Porno-Skandal auf. Die eher albernen Bilder werden weltweit gedruckt.

Paul reicht entnervt die Scheidungspapiere ein, beschuldigt Heather des "unzumutbaren Betragens" und "emotionaler Kälte", lässt die Türschlösser auswechseln und schickt Anwaltspapiere hinterher, weil seine Bald-nicht-mehr-Ehefrau eine Flasche Haushaltsreiniger mitgenommen haben soll. Heather räumt die gemeinsamen Konten ab, die von Paul daraufhin gesperrt werden.

Von der Ehe bleiben zwei kampfbereite Egos und eine Tochter, Beatrice Milly, geboren am 28. Oktober 2003, zurück. Der staunenden Öffentlichkeit verkünden allerdings beide Parteien, sich gütlich einigen zu wollen, als gute Eltern.

Dann kommt das Fax. Es ist nicht klar, wer den Entwurf von Heathers Scheidungspapieren an sämtliche Presseagenturen Großbritanniens geschickt hat. Aber es ist klar, dass hier versucht wird, eine Legende zu zerstören. Die Anschuldigungen lesen sich wie ein schlechter Roman über Gewalt in der Ehe. Paul soll Heather mehrmals misshandelt haben, einmal, so steht es in dem Papier, habe er sie schwanger in eine Badewanne geschubst, ein anderes Mal habe er sie gewürgt, weil sie ihn fragte, ob er wieder bekifft sei, und dann habe er sie noch mit einem abgebrochenen Weinglas verletzt, nachdem er ihr zunächst eine Flasche Rotwein übers Haar gegossen hatte. Außerdem soll er sturzbetrunken in der Nacht nach Hause zurückgekehrt sein, wo ihn seine Frau in der Badewanne von Erbrochenem befreien und ins gemeinsame Ehebett schleppen musste - obwohl sie sich in der Zeit von einer Operation an ihrem Beinstumpf erholen sollte. Er soll ihr verboten haben, die gemeinsame Tochter zu stillen, weil "deine Brüste mir gehören", und ihr untersagt haben, eine Bettpfanne zu benutzen, sodass sie nachts auf Händen und Knien zum Klo kriechen musste.

Über seine Anwälte lässt Paul McCartney die Anschuldigungen vehement zurückweisen. Und schweigt. Was die Zeitungen nicht davon abhält, aus "sicheren Quellen" zu berichten, dass Sir Paul von Heather mit Tomatenketchup-Flaschen beworfen wurde. Pauls Promi-Freunde werden mit aufmunternden Aussagen zitiert, die einen komischen Beigeschmack hinterlassen. So soll Kate Moss ihrer Freundin Stella, der Tochter Pauls, erzählt haben, dass sie Heather auf einem Bein habe hüpfen sehen wie eine Gazelle. Das sei sie auch bereit, vor Gericht auszusagen. Was immer das zur Wahrheitsfindung beitragen soll.

Eher hilflose Freundschaftsdienste, ein angeschlagenes Image zu retten. Immer mehr Berichte über den unglaublichen Egozentrismus des Über-Stars sickern nach draußen. Ein alter Weggefährte von Linda McCartney soll 15 Audiokassetten besitzen, auf denen sie in den 80er Jahren ihr Herz ausschüttet über die Probleme in ihrer angeblich so perfekten Ehe. Sie habe sich eingesperrt gefühlt, sagt Peter Cox, der mit Linda über Monate an einem Kochbuch arbeitete, wenn es McCartney erlaubte. Linda sei über den Despotismus ihres Mannes manchmal in Tränen ausgebrochen, habe aber ihre Familie nicht verlassen wollen. Paul soll Cox diese Kassetten nun bei einem Geheimtreffen für 200 000 Pfund abgekauft haben. Wie gut, dass zumindest Jane Asher, die Rotblonde aus den frühen Beatles-Tagen, bis heute dichthält und sich weigert, über ihre Zeit mit Paul zu sprechen.

Nach dem begeisterten Empfang im großen Rund der Royal Albert Hall gibt sich Paul nun versöhnlich: Er schaue optimistisch in die Zukunft, und es wäre gut, wenn "Privates demnächst privat bleibt".

Das wird nicht ganz einfach für den prominentesten und reichsten Musiker im Lande der Revolverblätter. Schon hat Heathers PR-Agent verlautbaren lassen, dass Paul immer noch kein einziges Angebot bezüglich der Abfindungssumme gemacht habe: "Wir hoffen, dass am Ende die Wahrheit herauskommen wird." Heather will alle ihre Anschuldigungen mit Video- und Audioaufnahmen beweisen, auch, dass Paul schon Linda schäbig behandelt habe. Kampflos zieht sich eine wie Heather nicht ins Private zurück. Und so wird es unvermeidlich kommen, wie es kommen muss, will der alte Beatle sein Image nicht restlos zerbröseln sehen: Er wird zahlen. Einen Ehevertrag hatte er kurz vor seiner Heirat noch als "unromantisch" abgelehnt. Er müsse sein 825-Millionen-Pfund-Vermögen nicht schützen. Aber vielleicht bald erheblich reduzieren.

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