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Paul Newman: Der gute Mensch von Hollywood

Paul Newman war mehr als ein Filmstar und Frauenschwarm. Der am Wochenende gestorbene Hollywoodschauspieler hat ein ganzes Imperium der guten Taten aufgebaut. "Der Pate all der George Clooneys von heute" spendete insgesamt mehr als 250 Millionen Dollar.

Von Christine Kruttschnitt

Viele Schauspieler werden von sich behaupten können, dass sie in den Herzen der Menschen weiterleben. Aber in deren Mägen? In deren Hunden? In deren Kindern gar? Als Paul Newman am vergangenen Wochenende in seinem Haus in Connecticut starb, erinnerte seine Tochter Nell daran, dass das Vermächtnis ihres "Pops" keineswegs in Kino-Klassikern aus 50 Jahren Hollywood-Geschichte zu sehen sei: "Was er der Welt wirklich hinterlassen möchte, sind seine Camps." Damit meinte sie die elf Ferienlager für schwerkranke Kinder, die Newmans "Hole in the Wall Gang"-Stiftung in den USA, Israel und einigen nordeuropäischen Staaten betreibt.

Bislang mehr als 135.000 junge Patienten aus aller Welt haben dort während einiger Sommerwochen so etwas wie eine Kindheit ohne Krankenhausgeruch erfahren. Der Gründer selbst schaute jedes Jahr vorbei im Original-Camp in Connecticut, spielte den Clown und las Geistergeschichten vor. Finanziert wird die Kinder-Hilfe von den Einnahmen aus Newmans kulinarischen Unternehmungen, die bekanntlich vor mehr als 25 Jahren mit Salatsoßen begannen und sich heute auf rund 150 Produkte erstrecken - von Pfefferminzdrops über einen süffigen Chardonnay bis zu Hundefutter, das offenkundig so lecker schmeckt, dass Newman selbst es einmal in einer Talkshow aus der Dose löffelte.

Richard Nixons "Feind"

"Newman war der Pate all der George Clooneys von heute", hieß es überschwänglich in einem Nachruf auf den 83-Jährigen, der insgesamt mehr als 250 Millionen Dollar gespendet hat - von der Aids-Organisationen in Afrika bis zur lokalen Feuerwehr, die einen neuen Löschwagen brauchte.

Tatsächlich zählte Newman zu den ersten Schauspielern, die sich aktiv in die Politik einmischten. Das war in den Sechzigern, als seine Kollegen unter "Engagement" noch eine Saison Hamlet am Stadttheater verstanden. Er unterstützte einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten, der den Vietnam-Krieg beenden wollte. Auf einer Wahlkampfveranstaltung sagte er - damals Amerikas populärster Star: "Ich bin kein Redner. Ich bin kein Politiker. Ich bin nicht hier als Schauspieler. Ich bin hier als Vater von sechs Kindern. Ich will nicht, dass auf meinem Grabstein steht: Er hatte nichts zu tun mit der Welt, in der er lebte." Sein Favorit jedoch unterlag Richard Nixon, und der, kaum Präsident, bezeichnete Paul Newman als seinen "Feind". Newman bemerkte damals stolz, das hätte ihn in den Augen seiner Kinder aufgewertet: "Nur ein Mann ohne Charakter hat keine Feinde."

"Er hat die Latte für uns alle ziemlich hoch gehängt", sagte am Wochenende George Clooney über den Verstorbenen, der es als Erster in der Filmwelt fertig brachte, über fast fünf Jahrzehnte als Sexsymbol zu gelten und sich dabei gleichzeitig zur moralischen Instanz zu entwickeln. "Ich bin kein Heiliger", wehrte Newman oft ab, er sei einfach der Meinung, man sollte "beim Betreten und beim Verlassen dieses Planeten so wenig Müll wie möglich machen". Und er, Sohn eines erfolgreichen Unternehmers in Ohio und einer künstlerisch veranlagten Mutter, sähe es nun mal als seine Pflicht, Mitmenschen zu helfen, "denen es nicht so gut geht wie mir".

Was für ein schöner Mann!

Er debütierte auf der Leinwand mit einem Kostümfilm, für den er sich, als er später eine Woche lang im Kabelfernsehen lief, in Zeitungsannoncen entschuldigte, "und zwar für jeden Abend". Hollywood liebte ihn: Seine Kollegen schlugen ihn nicht weniger als acht Mal für den Oscar vor. Kritiker rühmten die seltsam unwiderstehliche Großspurigkeit seiner frühen Rollen und die Lässigkeit seines Alterswerks. Das Publikum war dem Zauber seiner blauen Augen erlegen - von Anfang an.

Herrgottnochmal, was war Paul Newman für ein schöner Mann! Ihn selbst erfüllte Argwohn gegen Komplimente, er arbeitete regelrecht gegen seine Attraktivität an, spielte zwielichtige Typen, einmal sogar einen richtigen Fiesling. Das Publikum merkte es gar nicht. Newman schlug in seinen Filmen bemerkenswert oft die Augen nieder, weil die blaue Strahlkraft seiner Blinklichter nicht von der Handlung ablenken sollte. "Er bat nie", erinnert sich der Drehbuchautor William Goldman, "um eine Großaufnahme". In seinem letzten Fernsehinterview vor einem Jahr wurde Newman gefragt, ob er sich attraktiv fände. "Hat man mir früher so gesagt", brummelte er. – "Und heute?" – "Heute bin ich uralt", wehrt er ab. Darauf die Reporterin, aufgebracht: "Sie sind schön, Mr. Newman!"

Das Leben schätzen lernen

Newman liebte Hollywood nicht unbedingt zurück. Mit seiner zweiten Frau Joanne Woodward zog er 1960 an die Ostküste, und als er, beinahe 50-jährig, seine Liebe zu Autorennen auslebte, verkündete er, der Sport "schaffe den nötigen Abstand zu all dem Quatsch in Hollywood". Mit der Schauspielerei, sagte er vor wenigen Jahren, sei er nun fertig, er könne sich einfach keinen Text mehr merken. Er wollte in diesem Oktober jedoch ein Theaterstück an der Bühne in seinem Wohnort Westport inszenieren, allein seine Krebskrankheit ließ es nicht mehr zu.

Viele Schauspieler werden über den Tod hinaus für ihre Arbeit gerühmt. Wenige dafür, dass man dank ihrer "lernt, selbstgezogene Tomaten zu schätzen und Badminton-Meisterschaften und Kammermusik", wie Susan Sarandon am Wochenende mit einem Lächeln über ihren Kollegen sagte. Paul Newman hatte viel zu tun mit der Welt, in der er lebte. Er hat sie besser gemacht.