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Schlagersänger: Warum darf der das? Roland Kaiser wählt den Bundespräsidenten mit

Ein Schlagersänger in der Bundesversammlung: Roland Kaiser darf im kommenden Jahr den Bundespräsidenten mitwählen. Was viele nicht wissen: Kaiser engagiert sich politisch - und stellt sich vor allem gegen Pegida.

Roland Kaiser und Frank-Walter Steinmeier

Roland Kaiser und Frank-Walter Steinmeier, der zur Wahl des Bundespräsidenten antritt.

Er hat Hits wie "Santa Maria" oder "Lieb’ mich ein letztes Mal" gesungen: Roland Kaiser ist nicht nur Schlagersänger, sondern auch politisch aktiv. Als SPD-Mitglied darf er im kommenden Jahr den Bundespräsidenten mitwählen.

Das gab die SPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern bekannt. Kaiser soll im kommenden Jahr Mitglied der Bundesversammlung werden und am 12. Februar den Nachfolger von Amtsinhaber Joachim Gauck mitwählen.

Zu den 1260 Delegierten der Bundesversammlung berufen die Parteien traditionell auch Prominente aus Kultur, Sport und Gesellschaft. Sie sind zwar von den Parteien nominiert worden, unterliegen aber weniger der Parteidisziplin. Unter anderen waren bereits Konstantin Wecker, Otto Rehhagel oder Senta Berger bei der Wahl eines Bundespräsidenten dabei.

Roland Kaiser stellte sich gegen Pegida

Kaiser ist seit Jahren SPD-Mitglied. Vor gut einem Jahr machte er Schlagzeilen, als er sich bei einem Auftritt in Dresden gegen Pegida ausgesprochen hatte. Seitdem wird er auf seiner Facebook-Seite als "Volksverräter" beschimpft und als "Heuchler" und "Hofnarr" verspottet.

Im Gespräch mit dem stern äußerte sich Kaiser im September zu seinem politischen Engagement. Lesen Sie hier ein Auszug aus dem Interview:

Herr Kaiser, man kennt Sie seit Jahrzehnten als einen Sänger, bei dem es um Liebesdinge geht. Und dann blickt man heute auf Ihre Facebookseite und dort ist: Hass. 

Da toben sich, seitdem ich vor gut einem Jahr bei einer Anti-Pegida-Veranstaltung in Dresden gesprochen habe und um Verständnis für die Flüchtlinge warb, immer wieder Heckenschützen aus. 

Als "Volksverräter" werden Sie dort beschimpft, als "Heuchler", Hofnarr" verspottet, als… 

Es ist mir wirklich wurscht, wenn da Leute meinen, Sie müssten gegen mich pöbeln! Mich interessiert das nicht, das lässt mich kalt. Ich habe, was für mich selbstverständlich ist, bei diesem Auftritt in Dresden für Toleranz und Dialog geworben, mich gegen eine inhumane Flüchtlingspolitik ausgesprochen. Diesen Auftritt war ich der Stadt Dresden, die ich sehr mag, schuldig. Denn Dresden ist viel mehr als Pegida.

Vielleicht regen sich auch deswegen so viele auf, weil Sie als Schlagerfuzzy sich plötzlich politisch äußerten.

Schlagerfuzzy? Sagten Sie Schlagerfuzzy? 

Okay, Schnulzensänger.

Warum sagen Sie das? Sie würden niemals von einem Rockfuzzy sprechen. Ich verstehe auch den Zungenschlag mit "Schnulze" nicht. In Frankreich heißt das, was ich ich mache Chanson. Die Themen, die ich in meinen Liedern anspreche, das sind Themen der Weltliteratur. In 90 Prozent der Literatur, bei Shakespeare, Goethe, der Kunst im allgemeinen, geht es doch darum, wie es zwischen Mann und Frau klappt – und ob es klappt.

Glauben Sie, dass Ihre Rede etwas bewirkt hat?

Ich habe zumindest einige verunsichert. Und manche haben sich so aufgeregt, dass sie hämisch reagierten. Sie mussten sich also plötzlich mit mir und meinen Gedanken auseinandersetzen. Ist doch gut.

Bei Ihren Auftritten in Dresden, vor fast 50.000 Menschen in diesem Sommer, haben Sie nichts gegen Pegida gesagt. Aus Angst, Ihre Fans doch zu sehr zu verschrecken?

Quatsch. Wenn ich auf der Bühne als Sänger auftrete, habe ich mit meinem Publikum eine Vereinbarung: Ich werde jetzt zweieinhalb Stunden Unterhaltung abliefern, ich werde so gut wie möglich sein, und ich werde euch helfen, euch mal zu entspannen. Für die Dauer eines Konzerts spielt die Welt draußen keine Rolle. Alles Kalte ist verbannt, jetzt tanzt, singt, lacht! Ich will, dass die Leute beglückt und zufrieden weggehen und sagen: Es war ein schöner Abend. Punkt. 

Sie hätten mit Ihrer schönen Stimme ein Barde für den Aufstand, die Revolution werden können – so einer wie Degenhardt, Wader, Wecker.

Wieso denn?

Sie sind ja in den 50ern, 60ern aufgewachsen in Berlin-Wedding, wirklich arm waren Sie, ein echter Proletarier.

Ja. Ich hätte einen anderen Weg nehmen können, habe ich aber nicht. Ich mach das, was ich mache sehr gerne, und ich bin das, was ich mache.

Man könnte Ihr Leben so zusammen fassen: Das Findelkind hat es vom Außenklo zum Innenklo, vom Hinterhof zum mehrfachen Hausbesitzer, vom Underdog zum millionenschweren Sänger gebracht.

Das ist ein bisschen sehr verkürzt. Aber Außenklo stimmt. Ich weiß schon, woher ich komme, aber diese Zeit ist weit weg. Nur jetzt, wenn Sie mich direkt darauf ansprechen, kommen Erinnerungen zurück: Im Winter war es kalt, es gab kein Warmwasser. Einmal in der Woche hat man mich gebadet, in einer Wanne, in der vorher Wäsche gewaschen wurde. Einmal in der Woche, am Freitag, gab es statt Brot ein Brötchen – das war Luxus.

mai