HOME

stern-Gespräch mit Lady Gaga: "Ich bin keine Milchkuh"

Ein Popstar ist ins Grübeln gekommen: Lady Gaga über dunkle Jahre und die Frage, wie man im Showgeschäft ein Mensch bleibt.

Wirkt oft wie ein Wesen aus einer anderen Welt: Lady Gaga bei ihrer Ankunft am Flughafen in Athen

Wirkt oft wie ein Wesen aus einer anderen Welt: Lady Gaga bei ihrer Ankunft am Flughafen in Athen

Während man im Ritz Carlton in Berlin auf Lady Gaga wartet, trinkt man Latte Macchiato für sieben Euro das Stück und schaut sich den Teppich in der Lobby an. Der Teppich ist so dick und weich und golden und satt, man traute ihm zu, auf ihm davonfliegen zu können. Und während man sich gerade fragt, wohin eigentlich, kommt schon die Pressefrau von Universal und sagt, es gehe gleich los. Es dauert aber doch länger.

Lady Gaga gilt als einer der größten Popstars der Gegenwart. Ihr Album "Fame" verkaufte sich über 15 Millionen Mal. Songs wie "Paparazzi" und "Pokerface" machten sie berühmt. Fünfmal gewann sie einen Grammy. Zurzeit ist die amerikanische Sängerin mit ihrem Album "Artpop" auf Tour - da tritt sie noch gewohnt irre im Dalmatinerkrakenkostüm auf. Aber auf ihrer aktuellen Platte, die sie zusammen mit der 88-jährigen Jazzlegende Tony Bennett aufnahm, singt sie plötzlich Jazz statt Pop.

Mit fast zweistündiger Verspätung kommt Lady Gaga mit einer wahnsinnigen Lockenperücke und einem Weißweinglas in der Hand in einem bodenlangen Kleid in den Raum. Sie sieht aus wie eine Mischung aus Gospelsängerin, griechischer Göttin und der jungen Cher.

Lady Gaga, Sie sehen ganz anders aus. Gar nicht mehr so durchgeknallt. Irgendetwas muss mit Ihnen passiert sein.
Ich musste gegen mich selbst rebellieren, um wieder glücklich zu sein.

Waren Sie denn nicht glücklich?


Nein. Ich arbeite jetzt seit sieben Jahren in der Popmusik-Industrie und ich bereue nichts, was ich getan habe in den letzten Jahren. Ich stehe hinter allem, aber es gab irgendwas in mir, das traurig war und von Tag zu Tag trauriger wurde. Ich wusste nicht, was es war. Ich fragte mich ja selbst: Warum bist du so traurig?

Wissen Sie die Antwort heute?


Ja. Zum Schluss ging es viel zu viel um Geld und nicht mehr um Musik. Gaga war eine Geldmaschine geworden. Man hat mich wie eine Marketingmasche behandelt, wie eine Strategie. Die Musikindustrie hat mich aufgefressen und eingeengt. Sie hat mir meinen künstlerischen Geist genommen. Wenn etwas gut funktioniert, dann heißt es schnell: Das ist erfolgreich, das machen wir jetzt weiter so. Eine blonde Sängerin, aufwendige Kostüme, Popmusik und diese kleinen Monster (Lady Gaga nennt ihre Fans "little monsters", Anm. d. Red.) …

Genau dafür standen Sie ja auch.


Doch nicht nur! Ich war viel mehr als das, aber diese Freiheiten hatte ich zum Schluss nicht mehr. Kunst entsteht nicht aus Einengung, Kunst entsteht, wenn es keine Grenzen gibt. Ich liebe die Shows, die ich gemacht habe, dieses ganze Drumherum allerdings, die Shows, die Kostüme, das Marketing, wurden größer als ich selbst, deshalb musste ich das beenden. Vielleicht nicht für immer. Aber zurzeit.

Also ist Ihnen Ihr eigener Ruhm über den Kopf gewachsen?


Ich wollte so nicht weitermachen. Also, ich bin in erster Linie Musikerin, kein Twitter-Star. Mir war es immer wichtig, dass meine Existenz auf etwas begründet ist. Ich wollte nie berühmt sein um des Berühmtseins willen. Lady Gaga, das ist keine Marke, das ist ein Mensch. Das ist eine Künstlerin. Und wissen Sie, wenn ich jetzt immer so weitergemacht hätte, wäre ich doch eine miese Künstlerin.

Warum?


Weil ich stehen geblieben wäre und weil ich mich vergiftet hätte. Ein Maler malt doch auch nicht sein ganzes Leben lang dasselbe Motiv. Ich musste mich aus meinem eigenen Käfig befreien.

Haben Sie sich deshalb 2013 von Ihrem Manager Troy Carter getrennt?


Ich möchte keine Namen nennen, aber ich wurde nicht gut beraten, und es gab einfach unterschiedliche Auffassungen darüber, wer ich bin.

Als es Ihnen so schlecht ging, woran genau litten Sie da?


Ich hatte unfassbare Angst. Vor allem Angstzustände und tiefe Traurigkeit bestimmten mein Wesen in der letzten Zeit, ich war depressiv, auch wenn das keiner ahnte. Ich nahm Medikamente ...

Was für Medikamente?


Antidepressiva. Zudem kämpfe ich bestimmt seit über zehn Jahren mit Bulimie und Anorexie. Ich war dick und dünn, haltlos. Ich habe gegessen, ich habe gebrochen.

Wann war diese dunkle Zeit, von der Sie sprechen?


Die letzten paar Jahre waren schon dunkel. Richtig schlimm wurde es am Ende meiner "Born This Way"-Tour, Anfang 2013. Ich war überarbeitet und bin hinter der Bühne schon vor Erschöpfung zusammengebrochen. Dazu kam noch die Verletzung, die ich mir an der Hüfte zugezogen hatte. Meine Hüfte war gebrochen. Ich musste operiert werden, meine letzten 21 Konzerte wurden abgesagt. Ich habe mich sehr einsam gefühlt. Aus meinem engsten Team war niemand für mich da - während meiner Operationen, während meiner gesamten Genesung. Ich lag in meinem Krankenhausbett und fühlte mich wie eine Kuh. Ich hatte die ganze Zeit Milch gegeben und war gemolken worden, aber als ich krank wurde und keine Milch mehr geben konnte, da sagten sie nur: "Ruft uns an, wenn die Kuh wieder gesund ist!"

Wie kann so etwas passieren? Da sind so viele Leute um Sie herum, die Sie sogar bezahlen, und keinem fällt das auf?


Ja. Es hat mich fürchterlich getroffen, und es hat lange gedauert, bis ich diese Enttäuschung verkraftet hatte. Das Gute war, dass ich, während ich gesund wurde, viel Zeit zum Nachdenken hatte.

Was ist die Musikindustrie für Sie?


Ich sage immer: ein Haifischbecken.

Es gibt den sogenannten Club 27. Er besteht aus Musikerkollegen wie Jimi Hendrix, Kurt Cobain und Amy Winehouse. Alle schafften es nicht, älter als 27 zu werden. Sie wurden in diesem Jahr 28. Sind Sie stolz darauf, nicht Mitglied dieses Clubs zu sein?


Ja, weil es eben nicht selbstverständlich war. Mein 28. Geburtstag war ein Tag voll von Dankbarkeit.

Gab es wirklich Zeiten, in denen Sie hätten sterben können?


Ich war kurz davor. Ich habe kein Licht mehr gesehen. Nirgendwo mehr. Es fiel mir schwer, aus dem Bett aufzustehen. Ich habe das Träumen verloren. Ich wollte nicht mehr leben.

War der Druck einfach zu groß?


Wenn Sie erfolgreich werden, dann kommt das ja alles von allein. Es war auf einmal da und dann gleich sehr groß, aber das Schwierige besteht darin, zu erkennen, dass etwas schiefläuft. Das habe ich letztes Jahr erkannt. Ich bin keine Milchkuh.

Was war Ihre Rettung?


Dass ich die Jazzikone Tony Bennett persönlich kennenlernte. Nach einem meiner Konzerte kam er zu mir und sagte, meine Stimme sei eine Jazzstimme. Wir fingen an, miteinander zu arbeiten. Er ist ein Gentleman, seine Werke haben Tiefe. Und er akzeptierte mich so, wie ich bin. Er hat mich als Sängerin und Musikerin wieder ernst genommen, mich zu meinen Wurzeln zurückgeführt, dem Jazz. Als ich das erste Mal diese Musik hörte, war ich 13, und es hat mein Leben verändert. Meine Mutter spielte Billie Holiday in der Küche, während sie Tee kochte, und ich fragte sie: Mama, wer ist das? Ich entdeckte Holiday für mich, Ella Fitzgerald, Tony Bennett.

Was sagte Ihre Familie zu dieser Wandlung?


Ich habe eine tolle Familie. Als ich sagte: Mama, Papa, Natali, wenn ich nur noch in kleinen Clubs in Downtown spiele, wenn ich Jazz statt Popmusik mache, ist das auch okay? Und sie sagten, alles, was dich glücklich macht, ist für uns okay. Kennen Sie meine Schwester Natali?

Nein.


Sie ist einfach brillant. Sie studiert Modedesign. Aber egal. Meine ganze Familie ist und war natürlich immer für mich da. Wenn die Presse Müll über mich schreibt, kann ich das noch ertragen, aber meine Familie, die sollen sie nicht meinetwegen durch den Dreck ziehen. Es nervt mich, wenn ständig falsche Behauptungen über die Charity meiner Mutter kursieren oder gemeine Schlagzeilen über das Restaurant meines Vaters (Lady Gagas Vater Joe hat eine Trattoria in der Nähe des Central Parks, New York; Anm. d. Red.). Oder meine kleine Schwester, ständig schreiben sie: Haha, die kleine Gaga, eifert der großen nach, dabei sei Lady Gaga doch der Star in der Familie, und einer reiche doch. Das ist respektlos. Es wäre fair, meine Schwester in Ruhe erwachsen werden zu lassen.

Aber auch über Sie gibt es immer wieder Schlagzeilen: über Ihr Gewicht, Ihre französische Bulldogge Asia oder darüber, was für Tabletten und Gesichtsmasken Sie in einer Drogerie kauften ...


Ich weiß nicht, wie das in Deutschland ist, aber ganz Amerika ist eine gigantische Boulevardzeitung geworden, was auch mit der Entwicklung der Internetbranche zu tun hat. Diese Websites brauchen Klicks, ohne Klicks bekommen sie keine Werbung. Da wären wir wieder beim Geld, beim Kapitalismus.

Vieles, was Sie über sich und Ihr Leben sagten, klingt schrecklich traurig. Ist es das überhaupt wert?


Was?

Lady Gaga zu sein.


Natürlich. Wenn man das ganze Böse vergisst, bleibt immer noch so viel Gutes übrig. Die Energie während der Show. Die Begegnung mit meinen Fans. Das sind sehr reine Momente. Nach meinen Konzerten lade ich immer Fans hinter die Bühne ein und höre mir ihre Geschichten an. Manche haben einen Autounfall überlebt oder einen Menschen, den sie liebten, durch Krebs verloren. Andere leiden darunter, als Abnormitäten, als Freaks, abgestempelt zu werden, ob wegen ihrer Sexualität oder wegen ihres Aussehens, völlig egal. Sie sagen, sie hätten Trost in mir und meinen Liedern gefunden. Solange es diese Begegnungen gibt, ist der Preis dafür, berühmt zu sein, angemessen. Solange ich Liebe aus Leidenschaft verbreite und keinen Müll aus Geldgier. Aber Liebe kann ich nur verbreiten, wenn ich selbst gesund bin. Wenn es mir gut geht. Das habe ich gelernt.

Wie haben Sie es dann letztendlich geschafft, aus Ihrem eigenen Hype auszusteigen?


Ich habe Entscheidungen getroffen und mich von Leuten, von denen ich glaubte, dass sie es nicht gut mit mir meinen, getrennt. Mein neuer Manager heißt Bobby Campbell, ihm vertraue ich. Genau wie Tony.

Sie sagten, dass Sie an Tony Bennett schätzen, dass er ein Gentleman ist, dass seine Musiker und er elegante Kleider tragen, dass seine Musik Tiefe hat. Alles sehr konservative Werte. Sehnten Sie sich vielleicht einfach nach etwas mehr Normalität, nach Spießigkeit?


Vielleicht. Tony gab mir die Sicherheit, die ich vorher vermisst hatte. Und er sagt auch, wenn ich so dastehe, im langen Kleid und mit der Zigarette im Mund, zwischen all den klassischen Instrumenten, dann habe ich etwas sehr Altmodisches.

Haben Sie Angst, dass Ihre Fans über Ihren musikalischen Wechsel enttäuscht sein werden?


Meine kleinen Monster werden mich verstehen. Sie sind clever.

Sind Sie psychisch wieder gesund?


Ich hab mit Meditation angefangen, mich viel mit mir selbst beschäftigt. In mich hineingehört. Ich habe medizinische Ayurveda- Therapien gemacht und meine Depressionen und Angstzustände unter Kontrolle bekommen. Ich brauche zwar noch Medikamente, aber die Traurigkeit bestimmt nicht mehr mein Leben. Ich kann sagen, ich bin zu alter Größe zurückgekehrt, vielleicht sogar mehr noch als das. Ich bin stärker geworden, weil ich durch die Hölle gegangen bin. Jetzt, in diesem Moment, in dem ich hier sitze, ist es unvorstellbar für mich, dass ich aufgeben wollte. Ich habe mich selbst überlebt. Jetzt bin ich Teflon-Gaga. An mir prallt alles ab.

Warum erzählen Sie mir das eigentlich alles?


Es gibt viele Menschen, vor allem junge, die unter starken Ängsten und Depressionen leiden. Die sollen alle wissen, dass sie ihr Leben nicht wegwerfen sollen. Und für noch etwas möchte ich eine Inspiration sein.

Wofür?


Dafür, dass die Leute, wenn ihnen irgendwas in ihrem Leben nicht mehr gefällt, es ändern. Und stattdessen tun, was sie glücklich macht.

Möchten Sie alt werden?


Ja. Ich möchte gerne als eine alte Frau sterben.

Die Interviewzeit ist jetzt vorbei. Lady Gaga sagt, dass sie einem gern einen Kuss geben möchte. Und noch ehe man etwas entgegnen kann, steht sie auf, drückt einen an sich, spitzt die Lippen und tut es. Ihre Locken kitzeln, und sie riecht wie eine teure Seife. Und wäre dies jetzt nicht die Wirklichkeit gewesen, sondern ein orientalisches Märchen, hätte sich der Teppich im Ritz Carlton erhoben, und zwei 28-jährige Frauen wären gemeinsam gen Orient geflogen. Aber dies ist die Realität, hier ist Berlin, und so stolpert man raus aus dem Hotel, steht zwischen Hunderten kreischenden Gaga-Fans, entflieht dem Getöse und erwischt einen Taxifahrer mit mieser Laune, weil ausgerechnet die Warschauer Straße einspurig läuft. Dabei, das hat man heute doch gelernt, lebt man viel länger, wenn man mal im ersten Gang fährt. Besser als immer mit 300 Sachen auf der Überholspur und dann ins Schleudern kommen.

Von Nora Gantenbrink / print