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stern-Gespräch

Supermodel: Tatjana Patitz: "Für zwei Tage Arbeit bekam ich mal 350.000 Dollar"

Das Supermodel Tatjana Patitz hat wilde Jahre in der Modebranche erlebt. Ein Gespräch über Treue, Tränen und dicke Käsebrote.

Von Dirk van Versendaal

Tatjana Patitz

Frau Patitz, wie hoch war Ihre höchste Gage?

Für zwei Tage lang Haare schütteln habe ich mal 350.000 Dollar bekommen. Unglaublich, oder? Das kann man aber relativieren: Wenn Gisele Bündchen heute einen Vertrag in der Kosmetikbranche schließt, sind das gleich Millionen-Dollar-Deals. Die gab es damals nicht. Dafür hatten wir sehr hohe Tagesgagen.

Daher der Spruch Ihrer Kollegin Linda Evangelista, die "für weniger als 10.000 Dollar pro Tag" gar nicht erst aufwachen wollte?

Na ja. Die "Vogue" und die "Marie Claire" haben für ein Shoot nur 100 oder 200 Dollar gezahlt. Und auf dem Laufsteg kam es immer ganz auf den Designer an. Manchmal wurden bis zu 10.000 oder 15.000 Dollar gezahlt – pro Show. Heutzutage hat man Glück, wenn es 1000 Dollar gibt. Und viele Jungdesigner bezahlen mit ihren Kleidern.

2017 zierten Sie die Cover der französischen "Marie Claire" und der italienischen "Vogue". Ist das nun Ihre zweite oder dritte Karriere?

Das ist kein Comeback, das ging immer in Phasen. Aber klar, wenn ich mir die Werbung anschaue, fühle ich mich nicht angesprochen von den jungen Mädchen. So geht es allen Frauen meines Alters. Der Modemarkt will heute alle erreichen, von den Kindern bis zu den 80-Jährigen. Auch bei den Modeschauen laufen nur superdünne Mädchen in Größen, in die zu meiner Zeit kein einziges Model gepasst hätte. Da war Größe 36 normal, heute gibt es 32 und noch kleiner. Und einen Begriff wie "Size Zero" kannte man auch nicht. Sogar die "Victoria's Secret"-Mädchen sind dürr, selbst wenn sie Busen haben.

Sie haben mit den berühmtesten Modefotografen gearbeitet. Erzählen Sie doch mal.

Richard Avedon hat viel geredet, er war ein sehr lebhafter Typ. Helmut Newton war ein Witzbold, ein sehr offener Mensch. Bruce Weber hatte immer jede Menge Models und Helfer am Set, das liebt er, das ist seine Familie. In Irving Penns Studio war es immer sehr leise, fast ein bisschen steril. Das Klicken seiner Hasselblad-Kamera war alles, was man hörte, und am Nachmittag wurde ich immer schläfrig, weil es so still war. Bei ihm wurden nur ein oder zwei Bilder pro Tag gemacht, und bei Beauty-Fotos gab's ein Ganzkörper-Make-up für die Models und fingerdick Schminke aufs Gesicht. Heute wird stattdessen digital nachbearbeitet.

Ihre Lieblingsfotografen?

Peter Lindbergh, der ist immer fröhlich. Und Herb Ritts. Am Anfang war er ein Niemand, der im uralten Volvo herumfuhr. Damals hat er Fotos von mir im "Chateau Marmont" in Hollywood gemacht, ganz ohne Make-up, das wurde dann ein "Vogue"-Titel. Ritts ist ein sehr positiver Mensch, der hat nie schlecht über jemand anderen geredet.

Damals wurde noch viel Geld für Fotoproduktionen ausgegeben.

1987 waren Christy Turlington und ich mit ihm in Thailand und auf Bali wegen eines Shoots für Bloomingdale's. Drei Wochen lang! Ein anderes Mal war ich eine Woche lang in Miami und konnte mich zwei Tage lang vorbräunen. Heute hat man zwei Tage für eine ganze Produktion. Mit Peter Beard bin ich 1985 drei Wochen durch Afrika gereist, wir waren auf seiner Ranch, er hat uns mit Giraffen, Elefanten und Leoparden fotografiert – alles für eine einzige Modestrecke. Beard war ein ganz Wilder, der wollte das Leben essen.

Tatjana Patitz


Wann hatten Sie Ihre wilden Jahre?

Als ich nach Los Angeles kam, mit 19. Ich habe drei Monate lang im Hotel "Chateau Marmont" gewohnt und mir ein Pferd gekauft. Ich war auf zu vielen Partys, ich trank zu viel, aber dann habe ich mich verliebt und bin mit meinem Freund nach Malibu gezogen, das hat mich beruhigt. Wir lebten in einem kleinen Strandhaus, ein alter, wackliger Kasten auf Stelzen, der vom Meer geschaukelt wurde. Den habe ich damals für nur 2000 Dollar gemietet. Heute kann man die Mieten in Malibu vergessen.

Wie wichtig waren die Drogen?

Es war viel Kokain im Umlauf, so einige Mädchen haben das genommen. Kokain war nicht mein Ding, auch Heroin habe ich nie angerührt. Das war zu meinen Pariser Zeiten groß.

Und heute?

Viele Agenten beschweren sich: Die Models sind alle so was von langweilig. Damals war mehr Rock 'n' Roll, definitiv. Wenn man heute in den Backstage-Bereich geht, stehen da Erdbeeren mit Gemüse und ein paar Colas. Früher gab's dicke Käsebrote und Champagner und Kaffee, die Presseleute waren da, alle plapperten, es war schön chaotisch. Heute läuft das wie eine geölte Maschine.

Weil eine Show auf die nächste folgt?

Nein, das war früher eher noch schlimmer, fünf Catwalks pro Tag waren normal. Heute werden die Schauen nicht mehr von den Designern organisiert. Es werden Leute von außerhalb geholt, um sie zu produzieren. Da wird's unpersönlich.

Sind an der Flaute auch die Casting- und "Next Topmodel"-Shows schuld?

Wer ist durch diese Shows groß geworden? Kein einziges Mädchen. Ich werde öfter mal von Leuten gebeten, mit ihren Töchtern oder Nichten zu reden, weil die Model werden möchten. Wie sagt man denen, dass aus ihren Träumen nichts wird? Ich sehe sehr wenige interessante Gesichter auf den Laufstegen und in den Werbekampagnen. Deshalb konnten Schauspielerinnen als Models so wichtig werden. Die haben tolle Gesichter und Persönlichkeit.

Sie gehörten zu den "Big Five" der Supermodels – neben Cindy, Linda, Claudia, Naomi. Gab's da Zickenkriege?

Nein, aber dick befreundet war ich mit keiner. Wir hatten alle unser eigenes Leben. Mit Stephanie Seymour und Christy Turlington habe ich mich am besten verstanden. Auch Milla Jovovich mag ich, die ist lustig und hat so ihre Art. Sie wohnt in Malibu, keine Autostunde von mir entfernt. Wir haben unsere Telefonnummern, wir haben Kinder und reisen viel. Wir sausen so aneinander vorbei.

Welche Designer sind Ihnen ans Herz gewachsen?

Jean Paul Gaultier und Karl Lagerfeld, die beiden gehören zu den ganz tollen. Und Azzedine Alaïa. Er war der erste, der uns Magazin-Mädchen für den Laufsteg buchte. Helmut Lang war auch jemand, den ich geliebt habe. Weil der so anders war. Als Model blieb man denen damals treu. Heute zahlen Designer hohe Summen, damit bestimmte Mädchen nur für sie laufen.

Lang und Alaïa sind früh ausgestiegen aus dem Big Business.

Ja, der Helmut lebt in den Hamptons und macht Kunst. Er liebt seine Hühner und seinen Mann und das Strandleben, das verstehe ich. Der Beruf des Designers war zu viel für ihn, er ist sehr sensibel. Als er von Wien nach New York ging, änderte sich sein Leben. Auch Alaïa konnte den Zirkus nicht mehr mitmachen. Die Mode ist ein brutales Metier geworden, das von Luxusholdings und Banken bestimmt wird. Dafür muss man eine dicke Haut haben.

Mit Gianni Versace haben Sie auch oft gearbeitet.

Mehr für Kampagnen als für die Shows. Dafür war ich nie Puppe genug, so wie Claudia Schiffer oder Cindy Crawford. Den Laufsteg habe ich immer gehasst. Da wird an einem herumgezerrt, und alle sind hysterisch. Ich war nie so extrovertiert wie eine Naomi Campbell.

Was ist mit #MeToo und der Castingcouch für Models?

Mir ist in 30 Jahren nichts passiert. Natürlich habe ich auch Sachen erlebt, die sich nicht gehören. Aber haben sie mich verletzt, mir wehgetan? Nein. Natürlich gibt es Männer, die jetzt zu Recht an die Wand genagelt werden. Aber es gibt auch Frauen, die ihre Macht missbrauchen. Ich habe das bei Anwältinnen erlebt. Manchen Menschen steigt die Macht eben zu Kopf.

Happy memories #horses #white #beautiful #California #horseback #love ❤️❤️❤️

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Wenn Sie nicht Model geworden wären, dann wären Sie heute nicht geschieden, haben Sie mal gesagt. Und dass Sie lieber Ihren Hunden trauen als den Männern.

So ehrlich war ich? Die Suche nach einem Mann, der den Alltag eines Models versteht, ist tatsächlich hart. Da kommt es schnell zu Eifersucht und Misstrauen. Dabei bewegt man sich doch in einer zu 99 Prozent schwulen Welt. Man schwimmt nicht mit Haien, um es mal so zu sagen. Trotzdem ist es immer nur der Macho mit der Goldkette und dem Lamborghini, der sich traut, einen in der Bar anzuquatschen. Leider nicht der schüchterne, nette Mann, der weiter hinten am Tisch sitzt. Dass auch ich mich nie offensiv an Männer herangetraut habe, machte die Sache nicht einfacher.

Zu Ihren Eroberungen zählen illustre Namen: Richard Gere, Johnny Depp und Pierce Brosnan.

Fast alle Models haben sich mit berühmten Schauspielern und Musikern zusammengetan. Da wussten beide Seiten, wie das Leben ist, wenn die ganze Welt einen kennt.

Auch mit dem Sänger Seal waren Sie kurz zusammen.

Der war ein ganz anderer Fall. Der konnte sich nichts entgehen lassen, das war sein Charakter. Da ist kein Knochen in seinem Körper, der treu ist. Solche Männer gibt's.

Wann haben Sie gemerkt, wie außergewöhnlich Ihr Leben ist?

Das habe ich erst im Rückspiegel gesehen. Ich habe ständig gearbeitet. Das war, als würde ich auf einer Welle surfen. Es fühlt sich toll an, man ist mittendrin, und dann rollt die nächste Welle herbei, auf die man raufmuss.

Wie oft haben Sie geweint?

Meine unglücklichste Zeit hatte ich mit 20, da war ich in Paris und litt ein bisschen unter Depressionen. Das Schlimmste war, mitten in der Nacht aufzuwachen und nicht zu wissen, wo ich bin. Es gab Zeiten, da bin ich mindestens einmal im Monat mit der Concorde nach Europa geflogen, bin vom Flughafen ins Fotostudio gehetzt und wieder zurück. An Beziehungen war da nicht zu denken. Ich habe tolle Sachen erlebt und wurde verwöhnt, aber als Model wird man zu schnell erwachsen. Ich habe das Leben eines normalen Teenagers vermisst.

Wollten Sie mal aussteigen?

Man hat so Phasen. Doch das überlegt man sich, wenn man zu hören bekommt: Wir werden nie wieder mit dir arbeiten, wenn du jetzt nicht mitmachst. Die US-"Vogue" war so.

Auf deren Cover waren Sie achtmal. Die Chefredakteurin Anna Wintour hielt große Stücke auf Sie.

Ja, ich wurde ein richtiges "Vogue"-Mädchen. Heute Bali, morgen nach Paris zurück. Ich hatte nicht einen Tag Pause. Damals habe ich einen Ausschlag am ganzen Körper bekommen, das kam vom Stress, hat mir der Dermatologe gesagt. So ein Nesselfieber hatte ich drei-, viermal. Das ging weg, als ich von New York nach Kalifornien in die Natur zog.

Missing my beautiful Cappy #andalusian #Horse #horseback #love

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Sie haben mehr als 20 Jahre in Malibu gewohnt.

Dann bin ich weg nach Santa Barbara. Malibu ist Schickimicki geworden, ist Ferrari und Celebrity-Bullshit, das ist wie Rodeo Drive am Meer.

Auch die It-Girls Gigi und Bella Hadid sind bei Ihnen um die Ecke aufgewachsen.

Genau. Ich wollte nicht, dass Jonah unter Kindern groß wird, die mit zwölf schon schwarze Kreditkarten haben und über ihre Privatjets sprechen. Wir leben jetzt ziemlich abgeschieden, und ich ziehe Jonah ja auch allein groß, zu seinem Vater haben wir keinen Kontakt mehr. Die Kinder hier sind allein mit dem Rad zur Schule unterwegs, und fünfmal die Woche fahre ich zum Reiten über den Berg nach Santa Ynez.

Das zeigen Sie auf Instagram.

Seit zwei Jahren habe ich den Account, meine Agentur wollte das so. Da findet man nichts Persönliches, höchstens ein oder zwei Selfies, ansonsten Pferde und Bilder von früher. Soll ich mich beim Dinner neben Lagerfeld setzen und Fotos machen? Das gehört sich nicht.

Manche Models dokumentieren jeden ihrer Schritte.

Weil die Designer verfolgen, wer wie viele Follower hat. Ich hasse diese Seite der Modewelt, in der alles Private an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Manchen ist nichts mehr heilig. Ich bin auch nicht bei Twitter. Das kann der US-Präsident machen.

Wie beliebt ist Donald Trump in Kalifornien?

Ich konnte mir schon nicht vorstellen, dass er gewählt wird. Das war ein Schock, ich habe zwei Tage lang geheult. Trump ist ein furchtbarer Mensch. Ich kenne einige Leute, die keine Einwanderer mehr finden, die ihnen auf der Ranch bei der Ernte helfen. Sie könnten ja aufgegriffen und ausgewiesen werden. Ein Jahr Trump macht sich auch wirtschaftlich bemerkbar.

Kalifornien gilt als relativ selbstständig.

Das reicht leider nicht weit genug. Viele Bewohner von Santa Barbara sind Latinos, und Jonah hat jetzt miterlebt, wie Familien seiner Freunde auseinandergerissen wurden. Viele Kinder haben Angst, zur Schule zu gehen, weil ihre Verwandten nach Mexiko zurückgeschickt wurden.

Es gingen Meldungen durch die Presse, Sie würden nach Deutschland zurückziehen wollen.

Das ist Unsinn. Ich kann mir höchstens vorstellen, einmal eine Wohnung in Deutschland zu haben, vielleicht in Hamburg, weil die Stadt so schön ist. Dort habe ich als kleines Kind gelebt. Aber die Winter sind so lang. Und mein Sohn ist jetzt 14, wir sind in Kalifornien verwurzelt.

Mit sieben sind Sie mit Ihren Eltern nach Malmö gezogen. Sie könnten dorthin zurückkehren.

Malmö war deprimierend, war kalt und dunkel im Winter, auch wenn die Sommer fantastisch sind. Und in der Schule wurde ich gemobbt. Hitlerjunge, Giraffe und Fahnenstange, so hat man mich gerufen. Die Schweden sind nicht so nett, wie man immer glaubt. Damals habe ich mich in Bücher und Pferde geschmissen. Mit 17, direkt nach dem Schulabschluss, bin ich nach Paris. Ich hatte überhaupt kein Heimweh.

Haben Sie noch Familie in Schweden?

Meine Eltern leben schon lange in Frankreich. Mein Bruder ist in Schweden geblieben und in diesem Jahr gestorben. Mit 49. Er hatte Kinder. Furchtbar. Als ich zur Beerdigung dort war, habe ich gedacht: Nie wieder kehre ich hierher zurück. Nie wieder! Und dann habe ich, vielleicht weil der liebe Gott so etwas lustig findet, im Sommer in Santa Barbara einen Schweden kennengelernt und mich in ihn verliebt. Unsere Söhne gehen in dieselbe Klasse, und Freunde haben uns verkuppelt. Er kommt aus Schonen und fliegt öfter nach Malmö, ausgerechnet. Das Schicksal!

Wie oft waren Sie richtig verliebt im Leben?

Dreimal. Man wird dabei sehr verletzlich. So, als würde man mit einer rohen Haut herumlaufen. Das kann man nicht allzu lange aushalten. Aber trotzdem: Sich in meinem Alter so richtig zu verlieben ist ein wunderbares Geschenk.

Das Interview mit Tatjana Patitz ist dem aktuellen stern entnommen: