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Was macht eigentlich ...: ... Dr. Ruth Westheimer?

Mit ihrer quirligen und lockeren Art wurde die in Frankfurt geborene Therapeutin in den 80er Jahren zur berühmtesten Sexberaterin der Welt.

Am 4. Juni sind Sie 80 geworden: Reden Sie immer noch über Sex?

Ja! Über Sex und Beziehungsprobleme. Ich unterrichte in Yale und in Princeton, ich habe eine wöchentliche Fernsehshow, und ich therapiere immer noch Klienten. Ich halte es dabei mit Robin Hood: Von Reichen nehme ich viel Geld, von Studenten nur 20 Dollar, und von Journalisten nehme ich noch weniger.

Haben sich die Probleme Ihrer Zuhörer in den vergangenen Jahren geändert?

Es gibt weniger ungewollte Schwangerschaften, und die Sprache ist unverklemmter. Aber es gibt auch neue Probleme: Chatrooms, in denen sich Jugendliche mit Unbekannten verabreden, und Menschen, die vergessen, wie gefährlich Aids ist. Auch denken heute viele, Viagra sei ein Allheilmittel.

Sie sind keine Freundin von Viagra?

Wenn ein Mann mit einer Erektion vom Boden bis zur Decke nach Hause kommt, zuvor aber nie das Geschirr abgewaschen, immer ihren Geburtstag vergessen und sie nie zum Essen ausgeführt hat, dann wird diese Frau ihm schon sagen, wohin er sich seine Erektion stecken kann. Die zwischenmenschliche Beziehung muss stimmen, wenn der sexuelle Verkehr klappen soll.

Was war das Abstruseste, das Ihnen je in Ihrer Praxis zu Ohren kam?

Einmal rief einer an und erzählte, dass seine Freundin ihm gern Zwiebelringe über sein steifes Glied streifen würde…

Rohe oder frittierte?

Das weiß ich nicht, aber natürlich musste auch ich lachen, als ich mir das bildlich vorstellte. Generell gilt: Was Paare zu Hause miteinander anstellen, egal, ob im Bett oder auf dem Küchenboden, ist in Ordnung.

Sie waren dreimal verheiratet. Hätten Ihre Ehen durch eine Dr. Ruth gerettet werden können?

Nein! Das waren ganz rationale Gründe, die zur Scheidung führten. Der Erste wollte zurück nach Israel, ich aber an der Sorbonne zu Ende studieren. Vom Zweiten, der war bildschön, wollte ich vor allem ein Kind. Das klappte auch, aber dann haben wir uns getrennt. Wie immer im Guten. Der Erste bekam einen Roller, der Zweite ein Auto.

Mit Ihrem dritten Mann, Fred Westheimer, waren Sie dann über 35 Jahre verheiratet - obwohl er ein ganz anderer Typ als Sie war.

Stimmt. Er war eher introvertiert, blieb lieber zu Hause und kümmerte sich um die Kinder. Aber er hat mich immer unterstützt, sich über meinen Erfolg gefreut.

Gerade feierte der Staat Israel sein 60-jähriges Bestehen. Als junges Mädchen haben Sie in den 40er Jahren Israel sogar mit der Waffe verteidigt…

Richtig, ich wurde in der Haganah, dem paramilitärischen Vorläufer der israelischen Armee, zur Scharfschützin ausgebildet. Noch vor ein paar Jahren habe ich auf einem Jahrmarkt für meinen Enkel mit der Wasserpistole 14 Stofftiere und einen Goldfisch geschossen. Doch seit dem Massaker in der Columbine High School ist mir die Lust am Schießen vergangen.

Sie mussten vor 70 Jahren vor den Nazis aus Deutschland fliehen, Ihre Familie kam im KZ um: Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen heute?

Ich habe kein Problem mit Deutschen, die jünger oder gleichaltrig sind. Um ältere Menschen mache ich ein bisschen einen Bogen. Ich will nicht hören, dass sie nichts gewusst haben. Aber ich komme immer noch mindestens einmal im Jahr nach Deutschland zur Buchmesse, ich trage deutsche Blusen und Hosen, und neulich war ich auf Ivana Trumps Hochzeit, da gab es deutschen Schokoladenkuchen, der war ganz ausgezeichnet.

Interview: Severin Mevissen / print