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Was macht eigentlich...: ...Helmut Thoma?

Der Österreicher leitete viele Jahre Deutschlands erfolgreichsten Privatsender RTL. Seinen Kritikern hielt er stets entgegen: "Im Seichten kann man nicht ertrinken".

Stimmt's, Herr Thoma, Sie sind total beleidigt ...

Wieso bitte sollte ich beleidigt sein?

Weil Sie der Erfinder des Preises sind, der von Marcel Reich-Ranicki gerade als erbärmlich und "großer Dreck" charakterisiert wurde.

Ich finde das großartig! Der Fernsehpreis hat dadurch eine Bedeutung bekommen, von der er vorher nur träumen konnte. Der Mann hat mit seinem Auftritt der Sache erst so richtig Schwung und Rhythmus verliehen.

Hat er denn recht mit seiner Kritik? Fehlt es dem Fernsehen an Niveau?

Bitte welches Niveau? Niveau ist kein absoluter Maßstab. Das erkennt man auch sehr leicht daran, dass man nur selten Menschen trifft, die sich für Tiefniveauler halten. Es ist übrigens so: Je blöder eine Sendung, desto gescheiter die Zuschauer.

Na ja, die ganz Schlauen lesen.

Das muss auch der Herr Reich-Ranicki kapieren: Lesen ist kein Wert an sich! Es ist seit Gutenberg viel mehr Schwachsinn gedruckt worden, als das arme Fernsehen in den 60 Jahren seiner Existenz versenden konnte. Außerdem ist dieses Herabschauen auf das Fernsehen ein hochmütiger Reflex, der sich eh bald erledigt hat.

Das müssen Sie ja sagen. Sie sind schließlich ein Trivialgenie ...

Der Begriff Genie ist inflationär. Ich halte das trotzdem für ehrend. Es ist ja viel schwieriger, im Bereich des Trivialen erfolgreich zu sein als in hochgeistigen Sphären. Ein paar Intellektuelle erreicht man viel leichter als die große Masse. Für diese muss man sich völlig von seiner eigenen Begriffswelt lösen und erspüren, was gewünscht ist.

Worauf sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Dass es mir gelungen ist, die erfolgreichste Sendergruppe Europas zu schaffen. Von null. Als RTL startete, hatten wir 25 Mitarbeiter, zwölf Filme und eine Lkw-Garage in Luxemburg. Dagegen standen ARD und ZDF mit ihren Gebührenmilliarden und Leo Kirch mit 15.000 Spielfilmen und 50.000 Stunden Fernsehprogramm im Lager.

Und was bereuen Sie?

Dass ich nicht auf die Auszahlung vereinbarter Anteile bestanden habe. Ich halte mich ehrlich gesagt für einen leichten Idioten in dieser Hinsicht. Das waren fast zwei Prozent, nach dem Börsengang rund 260 Millionen Euro! In Amerika hätte ich geklagt. In Deutschland sind solche Klagen ziemlich aussichtslos. Aber gut, ich komme auch so über die Runden.

Sie sind ja sicher auch nicht untätig.

Stimmt. Ich sitze zwei- oder dreimal pro Woche im Flieger. Ich bin Aufsichtsratsvorsitzender von Freenet und in weiteren Aufsichtsräten aktiv. Außerdem im Verwaltungsrat eines kleinen Fernsehsenders in der Schweiz und in verschiedenen Beratungsverhältnissen.

Kleines Gedankenspiel zum Schluss: Wie wird das Fernsehprogramm 2020 aussehen?

Inhaltlich auch nicht sehr viel anders als heute. Da sitzen Menschen davor, ganz normale Menschen. Die wird man auch künftig nicht mit Lichtblitzen unterhalten können. Und auch wenn die Technik immer besser wird - die Nachrichten werden auch 2020 nicht vor dem Ereignis gesendet werden.

Und gibt es dann noch Tabus, die noch nicht gebrochen wurden?

Na ja, wenn die "Feuchtgebiete" irgendwann verfilmt werden, dann kommen wir sicher an eine Grenze. Aufnahmen mit der Darmspiegelungskamera sind nur was für Spezialisten und daher mangels Publikumsinteresse wohl eher nicht zu erwarten.

Interview: Christoph Wirtz / print