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Was macht eigentlich...: ...Wolfgang Clement?

Der studierte Jurist und ehemalige Journalist übernahm 2002 in der zweiten rot-grünen Bundesregierung als Superminister die zusammengelegten Ressorts Wirtschaft und Arbeit.

Herr Clement, wie geht's Ihnen?

Glänzend.

Dann sind Sie vermutlich inzwischen aus der SPD ausgetreten.

Nee.

Kommen Sie, darüber nachgedacht haben Sie doch bestimmt…

Jedenfalls nie öffentlich. Ich bin und bleibe in der SPD, weil ich zu ihren Grundwerten stehe und immer stand. Es gibt derzeit allerdings ein ziemliches Problem mit der politischen Umsetzung dieser Werte.

Das findet Oskar Lafontaine auch. Was hat der eigentlich, was Kurt Beck nicht hat?

Keinen Anstand.

Und kein Führungsproblem.

Die SPD ist gegenwärtig in einer Lage, die so schwierig ist wie niemals zuvor. Es geht nichts aufwärts, fast alles ist auf ‚rückwärts‘ gewendet. Kurt Beck kämpft einen verzweifelten Kampf.

Ratschläge vom Altenteil sind ja immer sehr beliebt.

Deshalb erteile ich auch keine. Ich beschreibe, wie es sich für einen Journalisten gehört, was ich beobachte und was meine Meinung ist. Die SPD ist heute falsch gepolt. Sie hat die Reformpolitik nicht verinnerlicht und klammert sich an ein überkommenes Sozialstaatsverständnis. Sie will möglichst viele Wohltaten verteilen und alles, was sich bewegt, mit Gesetzen beantworten. Das, was die Mehrheit der Menschen wirklich bewegt, spielt hingegen kaum eine Rolle.

Es ist sicher hart für einen Superminister a. D., als Rentner in Plittersdorf zu sitzen.

Ich bin Chairman des Adecco-Instituts zur Entwicklung des Arbeitsmarktes in London, Mitglied im "Konvent für Deutschland", in Hochschulgremien, in Aufsichts- und Beiräten. Ich bin weltweit mehr unterwegs als vorher als Minister. 2007 ist ausgebucht, 2008 wird's auch schon eng. Ich habe außerdem das Gefühl, dass ich heute auf manchen Feldern der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes mehr bewirken kann, als ich es von Berlin aus konnte. Mir fehlt es an nichts.

Zumal Sie jetzt ja wohl auch ordentlich kassieren.

Es ist zwar mehr als vorher, ich habe mich aber auch früher nicht beklagt.

Sie vermissen also wirklich nichts?

Von dem, was in Berlin war? Nein! Das heißt nicht, dass ich etwas bereuen würde, auf manches bin ich durchaus stolz. Aber Schluss ist Schluss. Ich habe insgesamt 15, 16 Jahre in der Politik verbracht. Manchmal denke ich, es wäre ganz gut, wenn außer mir noch ein paar andere kapierten, dass die Zeit öffentlicher Ämter und Mandate in der Demokratie befristet ist. Aber wir haben es mittlerweile ja leider mit einem Heer von Berufspolitikern zu tun. Das ist eine Fehlentwicklung.

Churchill hat gesagt, am schwersten falle Politrentnern der Verzicht auf optimale "transportation and information".

In meinem Fall leistet "transportation" die Bahn AG und "information" das Internet. Ich bin glänzend informiert! Es ist eine Wohltat, wieder selbst zu recherchieren und zu schreiben. Dadurch gehe ich den Dingen endlich wieder auf den Grund.

Und während Sie so im Zug unterwegs sind …

…begegnen mir die Menschen durchweg freundlich und sprechen mich oft so an: "Ich kenne Sie! Woher eigentlich?" Gelegentlich werde ich auch verwechselt. Neulich erst mit Ulrich Wickert, zuletzt mit Hans Eichel. Es gibt eben doch noch Überraschungen.

Interview: Christoph Wirtz / print