Was macht eigentlich... Elias Bierdel

Der Journalist wurde im Juli als damaliger Chef der Hilfsorganisation CAP ANAMUR festgenommen, nachdem er schiffbrüchige afrikanische Flüchtlinge nach Italien gebracht hatte.

Zur Person:

Elias Bierdel, 44, am Ufer der Sieg im Städtchen Windeck, wo der ehemalige Vorsitzende der Hilfsorganisation Cap Anamur heute lebt. Der gelernte Journalist ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Er hatte unter anderem für den Hessischen Rundfunk und den Deutschlandfunk gearbeitet, ehe er als ARD-Hörfunkkorrespondent über den Kosovokrieg berichtete. Im Dezember 2002 war er zum Nachfolger von Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck gewählt worden. Nach der umstrittenen Rettung von afrikanischen Flüchtlingen (unten bei der Ankunft im italienischen Hafen von Porto Empedocle) wurde Bierdel als Vorsitzender abgelöst

Das Interview mit Elias Bierdel führte Tobias Schmitz

Als was wird das Jahr 2004 in Ihre Biografie eingehen?

Als ein sehr dramatisches Jahr.

Das Jahr einer Niederlage?

Nein. Aber es war natürlich für alle, die an der Rettungsaktion im Mittelmeer beteiligt waren, sehr unangenehm, in die Nähe von Kriminellen gerückt zu werden. Ich lege großen Wert darauf, dass dieser Makel von uns genommen wird.

Gegen Sie läuft in Italien noch immer ein Verfahren wegen Unterstützung illegaler Einreise.

Ich bin da zuversichtlich: Sollte es zum Prozess kommen, müsste der mit einem rauschenden Freispruch enden. Das alles ist rein politisch motiviert.

Inwiefern?

Man beschuldigt mich und den Kapitän des Schiffes der Menschenschleuserei. Schleuser aber sind Menschen, die erstens heimlich und zweitens aus finanziellen Gründen handeln. Beides trifft auf Cap Anamur nicht zu. Wir sind keine Gauner - was ja nicht jedes Mitglied der italienischen Regierung in dieser Überzeugung von sich sagen kann.

Man warf Ihnen vor, das Flüchtlingsdrama bewusst in die Länge gezogen zu haben, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen.

Die italienischen Medien haben die ganze Aktion sehr politisch wahrgenommen. In Deutschland hingegen gab es eine Häme gegen mich, die ich mir nicht erklären kann. Verheerend für uns war ein grob entstellender Bericht im ARD-Magazin "Panorama". Als früherer ARD-Korrespondent habe ich mich darüber besonders gewundert.

Fühlen Sie sich als Opfer einer Kampagne?

Ich habe mich jedenfalls nie an einer solchen beteiligt. Viel wichtiger ist: Worum ging es Cap Anamur? Was passiert da draußen im Mittelmeer? Was sind die Konsequenzen dieser europäischen Abschottungspolitik? Europa will nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Menschen auf dem Meer zu Hunderten oder zu Tausenden elendig sterben. Ich werde mich damit nie abfinden.

Wie stark hat Sie das negative Medienecho persönlich getroffen?

Mir wurde vorgeworfen, ich hätte mich nur profilieren wollen. Das tat weh. Aber: Der Versuch der europäischen Regierungen, das Flüchtlingsproblem zu ignorieren, ist das eigentlich Schmerzhafte.

Sie haben keine Fehler gemacht?

Doch, das habe ich. Ich war oft nicht diplomatisch genug. Und: Ich hätte am 12. Juli 2004 gegen 10.30 Uhr nicht beide Hände in die Luft recken dürfen. Da ist dieses verheerende Foto von mir entstanden, das mich scheinbar triumphierend im Hafen von Porto Empedocle zeigt.

Sie haben nicht triumphiert?

Nein, dazu gab es gar keinen Anlass. Ich habe italienische Freunde gegrüßt, die uns von weitem zugewinkt haben.

Haben Sie noch Kontakt zu Cap Anamur?

Das Schiff ist nach wie vor beschlagnahmt, was ich als Skandal empfinde. Aber ich bin noch Mitglied der Organisation und halte Kontakt zu ihr.

Werden Sie jetzt wieder Journalist?

Im Moment bin ich arbeitslos. In neue Aufgaben kann ich mich erst stürzen, wenn das Verfahren gegen mich eingestellt ist. Bis dahin versuche ich vor allem, durch Vorträge aufzuklären. Und ich komme endlich wieder zum Musizieren.

Sie sollen ganz passabel Klavier spielen.

Das ist jedenfalls meine große Leidenschaft und eine unglaubliche Kraftquelle. Ich spiele und komponiere ein bisschen. So in Richtung Chanson - mit deutschen Texten. 30 Minuten am Klavier geben mir mehr Kraft, als andere in 24 Stunden Schlaf finden.

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