Cap Anamur "Wir brauchen das Schiff"


Mit einem gecharterten Schiff rettete die Organisation Cap Anamur erstmals vor 25 Jahren Flüchtlinge aus dem Meer. Jetzt, da es eigentlich ein Jubiläum zu feiern gäbe, steckt das Hilfswerk in Schwierigkeiten.

Genau 25 Jahre ist es her, dass Rupert Neudeck den Namen Cap Anamur in ganz Deutschland bekannt machte: Mit einem gecharterten Schiff rettete seine Hilfsorganisation erstmals im August 1979 vietnamesische Flüchtlinge aus dem chinesischen Meer. Cap Anamur steht seitdem als Synonym für eine seriöse und uneigennützige Hilfsorganisation, die sich durch Spenden finanziert und für die Rettung von Menschenleben einsetzt. Jetzt, da es eigentlich ein Jubiläum zu feiern gäbe, steckt Cap Anamur in Schwierigkeiten. Die jüngste Aktion vor der Küste Italiens hat dem Kölner Hilfswerk auch negative Schlagzeilen eingebracht.

Das erste eigene Schiff des Komitees Cap Anamur hatte schiffbrüchige afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer aufgenommen und einen italienischen Hafen angesteuert. Nach der Ankunft waren der Cap-Anamur-Vorsitzende Elias Bierdel und zwei andere Mitglieder der Crew von den italienischen Behörden festgenommen worden. Der Vorwurf: Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Das Schiff der Organisation wurde beschlagnahmt.

"Das ist Drecksjournalismus"

Bierdel räumte anschließend zwar Versäumnisse bei der Seenotrettung der 37 Afrikaner ein. Gleichzeitig kritisierte er aber auch Medienvertreter, die von einer Medieninszenierung gesprochen hatten. "Das ist Drecksjournalismus", sagt Bierdel auch rund einen Monat nach den Vorkommnissen in Italien. "Eine rein medienwirksame Aktion kann ich ausschließen." Bierdel bedauert das Festhalten des Schiffes der Hilfsorganisation in Italien. "Wir sind in der Lage und haben den Willen, Menschenleben zu retten, die sonst ertrinken. Aber dafür brauchen wir das Schiff", sagt Bierdel. Er bekräftigt, seine Leute hätten bei dem jüngsten Einsatz im Mittelmeer "kein einziges Gesetz gebrochen". "Wir müssen jetzt das Ermittlungsverfahren abwarten, und es ist offen, wann das abgeschlossen ist", so Bierdel.

Außerdem hatte Bierdel während der Aktion vor der italienischen Küste den Cap-Anamur-Gründer Neudeck verbal heftig angegriffen. Der Grund: Auch Neudeck hatte Bierdels Vorgehensweise kritisiert. Beim Cap-Anamur-Gründer habe man es möglicherweise mit einem "bizarren Fall von senilem Zynismus" zu tun, sagte Biedel damals. Heute bedauert er diese Äußerung und stellt fest, er und Neudeck hätten ein gutes Verhältnis. Auch Neudeck hat die scharfen Angriffe "vergessen". "Ich denke gar nicht mehr daran zurück und lege nicht alles auf die Goldwaage", sagt Neudeck nun dazu.

Trotzdem hat die Auseinandersetzung und auch die Vorgehensweise Spuren hinterlassen. "Der gute Ruf hat gelitten", sagt Bierdel. Auf das Spendenverhalten hat sich die umstrittene Aktion nach Angaben von Bierdel bislang nicht ausgewirkt. Im vergangenen Jahr nahm Cap Anamur fünf Millionen Euro Spenden ein.

"Die letzte Aktion ist nicht stellvertretend für alle Aktionen, die die Organisation gemacht hat", sagt Stefan Tölken von der UN- Flüchtlingsorganisation UNHCR, die auch bei der Rettung von Flüchtlingen in Südostasien mit Cap Anamur zusammengearbeitet hatte. Nach der jüngsten Aktion hinterfragt Tölken die Hilfsorganisation wie auch die italienischen Behörden: "Was wir kritisch bemerkt haben, war, dass es inszenatorische Elemente auf beiden Seiten gegeben hat." Die Folgen der Aktion wird seiner Meinung nach die Öffentlichkeit weiter polarisieren.

Durch Provokation in die Medien

Durch provozierende Kampagnen kann man nach Ansicht von Marco Walter, Mitglied bei der Berliner Initiative Psychologen im Umweltschutz (IPU), auf Missstände hinweisen und wieder in die Medien kommen. In den 80er Jahren sei Cap Anamur sehr bekannt gewesen, in den vergangenen zehn Jahren sei es um die Kölner jedoch "still geworden", sagte Walter, der mehrere nichtstaatliche Verbände und Organisationen bei ihren Aktionen berät. "Eine Kampagne soll zum einen auf eine Situation aufmerksam machen, aber auch Spender aktivieren, wieder etwas zu geben. Es geht ja auch um ein Produkt, das man anbietet, und in diesem Fall ist es Hilfe", sagt Walter.

Die Frage sei: "Wie gut ist ein erhöhter Bekanntheitsgrad, wenn der Name der Organisation in einem problematischen Zusammenhang wieder auftaucht", so Walter. Bierdel hofft darauf, durch Erklärungen und öffentliche Auftritte den möglichen Schaden begrenzen zu können. "Ich will alles tun, um das Vertrauen wieder zurückzugewinnen."

Sabine Kwapik/DPA DPA

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