Was macht eigentlich... Jerri Nielsen


Die US-Ärztin entdeckte während eines Forschungsaufenthaltes 1999 am Südpol, dass sie Brustkrebs hat. Gefangen im ewigen Eis, behandelte sie sich selbst

Zur Person:

Die US-Ärztin entdeckte während eines Forschungsaufenthaltes 1999 am Südpol, dass sie Brustkrebs hat. Gefangen im ewigen Eis, behandelte sie sich selbst. Die 51-Jährige wohnt in Bokeelia/ Florida und lebt von Vorträgen im In- und Ausland. Die aus Ohio stammende Ärztin war im November 1998 zu einer Forschungsexpedition zum Südpol aufgebrochen und entdeckte ein halbes Jahr später, dass sie Brustkrebs hat. Mit Hilfe ihrer Kameraden vor Ort entnahm sie sich selbst eine Gewebeprobe und machte eine Chemotherapie. Am 16. Oktober 1999 wurde sie in einer spektakulären Rettungsaktion zur Weiterbehandlung nach Indianapolis geflogen. Ihre Erlebnisse verarbeitete Jerri Nielsen in dem Buch "Ich werde leben", das zum Bestseller und kürzlich mit Susan Sarandon verfilmt wurde.

Das Interview mit Jerri Nielsen führte Jan Christoph Wiechmann

Eigentlich dürften Sie gar nicht mehr am Leben sein.

Das habe ich mal gesagt, ja. Der Tumor in meiner Brust war groß wie ein Hühnerei. Die Metastasen waren schon in meinen Lymphknoten. Der Krebs hätte sich ausbreiten müssen, tat es aber nicht. Ich denke, diese unglaubliche Kälte am Südpol, minus 60 Grad Celsius, hat mich gerettet.

Nur die Kälte?

Und meine Kollegen natürlich, die Schweißer und Elektriker, die mir damals halfen. Das war schon abenteuerlich, wie die an mir herumstocherten, das hatte was von den Marx Brothers, die sich an der Chemotherapie versuchen.

Denken Sie oft daran zurück?

An den Krebs nicht mehr. Aber an meine Freunde vom Südpol. Ich sehe all die lächelnden Menschen an meinem Bett. Ich denke an die Poetry-Partys, die Tanzabende und die fröhlichen Gesichter bei der Ausgabe von Verhütungsmitteln.

Klingt wie eine einzige Party.

Es war eine Party. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Man muss seinen Humor behalten. Menschen machen das oft, wenn sie im Sterben liegen.

Wie geht es Ihnen heute gesundheitlich?

Leider habe ich nach meiner Rückkehr hier im Krankenhaus lebensgefährliche Infektionen bekommen, sodass man mir eine Brust abnehmen musste.

Vermissen Sie den Südpol?

Die ersten zwei Jahre wollte ich nur zurück, um für immer dort zu leben. Ich hatte richtiges Heimweh. Ich vermisste die Stille. Die Nähe. Die Freundschaft. Solche Freunde kann man hier nicht haben. Wenn du ein Jahr unter 40 Menschen lebst, muss man sich so akzeptieren, wie man ist. Du kannst dich nicht verstecken.

Wie war es nach der Rückkehr?

Sehr schwer. Hier scheint alles eilig und wichtig. Menschen schaffen sich ihren Termindruck und ihre Krisen und halten sich so vom wahren Leben fern. Ich versuche mich rauszuhalten, aber die Welt will, dass du sofort auf Faxe, E-Mails und Anrufe reagierst. Manchmal könnte ich davonlaufen.

Zurück zum Südpol?

Das geht nicht. Ich möchte mich ja nicht völlig aus der Gesellschaft verabschieden. Menschen sind das, was ich am meisten liebe. Ich bin jetzt immer unterwegs, und das ist wunderbar.

Was machen Sie auf Ihren Reisen?

Ich halte Vorträge. Es ist der schönste Job, den ich je hatte. Ich erzähle den Leuten, wie man mit Situationen umgeht, die aussichtlos erscheinen, und wie man das Leben trotzdem genießen kann.

Haben Sie ein Rezept?

Die Frage ist doch, ob wir das Leben leben, woran wir wirklich glauben, ohne ständig der Gesellschaft gerecht werden zu wollen. Dann kannst du auch in den schlimmsten Situationen Frieden finden. Ich hatte meinen Tod akzeptiert, und dann kam irgendwann die innere Kraft zurück. Leute glauben immer, am Südpol Krebs zu haben, isoliert von der Welt, ist eine Katastrophe. Es gibt so viel schlimmere Dinge.

Seine drei Kinder nicht zu sehen?

Ja, aber ich darf darüber nicht reden.

Warum?

Mein Mann hat mich auf sechs Millionen Dollar verklagt, weil ich in meinem Buch negative Dinge über ihn geschrieben habe. Ich musste versprechen, nie wieder von ihm oder meinen Kindern zu reden.

Ihr Mann hat stets verbreitet, dass Ihre Krebserkrankung frei erfunden sei.

Ich darf nichts sagen. Seine eigenen Kinder nicht sehen zu dürfen ist so viel schlimmer, als Krebs zu haben. Doch ich kämpfe weiter. Irgendwann, hoffe ich, werde ich meine Kinder wieder sehen.

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