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Was macht eigentlich...: Uta Schneider

Die sächsische Studentin saß im November 2000 fünf Tage unschuldig im Gefängnis, weil sie beschuldigt wurde, im Freibad von Sebnitz einen Jungen ertränkt zu haben.

Zur Person

Die sächsische Studentin saß im November 2000 fünf Tage unschuldig im Gefängnis, weil sie beschuldigt wurde, im Freibad von Sebnitz einen Jungen ertränkt zu haben. Die 23-Jährige studiert in Braunschweig Pharmazie, um irgendwann die elterliche "Hirsch"-Apotheke zu übernehmen. Im November 2000 wurde sie aus heiterem Himmel zur Verbrecherin gestempelt. Ihr wurde vorgeworfen, mit Freunden im Freibad ein Kind ertränkt zu haben: den sechsjährigen Joseph, dessen Eltern die "Center"-Apotheke gehörte. Josephs Mutter, Renate Kantelberg-Abdulla, hatte für die Mordgeschichte 30 Zeugen aufgetrieben. Sebnitz stand bundesweit am Pranger - als Stadt, die ein Verbrechen totgeschwiegen habe. Doch bald stellte sich heraus: Einen Mord hat es nie gegeben. Der Junge war ertrunken, weil sein Herz versagt hatte.

Das Interview mit Uta Schneider führte Alexander Kühn

Am Wochenende feiert Sebnitz den Tag der Sachsen. Feiern Sie mit?

Klar, ist doch Ehrensache. Am Samstagvormittag helfe ich bei der Kinderbetreuung vor der evangelischen Kirche. Der Tag der Sachsen wird ein Riesenfest, wir erwarten 200 000 Besucher. Da kommen Leute in die Stadt, die noch nie hier waren. Für Sebnitz ist das eine große Chance. Wir können zeigen, dass wir gar nicht so schlecht sind.

Das müsste sich doch inzwischen rumgesprochen haben?

Viele haben die Vorwürfe der Presse und des Fernsehens damals mitbekommen, nicht aber die Auflösung: dass ich unschuldig bin und niemand in Sebnitz irgendwas vertuschen wollte. Deshalb freue ich mich, wenn sich noch jemand für die Geschichte interessiert. Die Menschen sollen nicht vergessen, was für ein Skandal sich hier abgespielt hat. Und mir tut es gut, darüber zu reden. Das ist ein bisschen wie Therapie.

Fällt es Ihnen leicht, darüber zu reden?

Inzwischen ist das kein Problem mehr. Als ich aus dem Gefängnis kam, war ich ziemlich von der Rolle. Ich habe ohne Schlaftabletten nachts keine Ruhe gefunden. In der ersten Woche habe ich unser Haus nicht verlassen. Ich hatte Angst, dass alle mit den Fingern auf mich zeigen. Nur wenn der Jahrestag näher rückt, wird mir doch ein bisschen flau im Magen. Im Jahr danach war es richtig schlimm, im vergangenen November ging es. Ich habe aber wieder von damals geträumt. Von Frau Kantelberg und einem Haufen Journalisten, die mich interviewen wollen. Mal sehen, wie es dieses Jahr wird. Auf jeden Fall schaue ich am 22. November auf die Uhr und denke: Jetzt, kurz vor fünf, hat dich grade die Polizei von zu Hause abgeholt.

Haben Sie die fünf Tage U-Haft verändert?

Auf jeden Fall. Ich kann heute schwer nein sagen. Holst du mich vom Bahnhof ab? Wollen wir heute ins Kino? Ich sage ja - auch wenn ich gar keine Lust habe. Das kommt von der Zeit im Gefängnis. Dort hat man keine eigene Meinung: Du kriegst Anweisungen und hältst dich dran.

Beim Fall Joseph sahen viele Medien - selbst die seriöse "Süddeutsche Zeitung" - ziemlich schlecht aus. Wie lesen Sie heute Zeitung?

Viel kritischer als früher. Und ich schaue kritischer fern. Ich frage mich jetzt immer, ob es sich wirklich so abgespielt hat, wie die Journalisten das darstellen. Zum Beispiel jetzt, als in Amerika das Licht ausging. Da hat die US-Regierung gesagt, das sei ein technischer Fehler gewesen. Das habe ich zunächst nicht geglaubt.

In den Medien hießen Sie damals "das Mädchen mit den roten Schuhen". Haben Sie die noch?

Ja. Ich habe sie lange nicht getragen, aber inzwischen ziehe ich sie wieder an. Die sind auch schön - und immer gut für ein Gespräch. Wenn jemand nicht weiß, was er mit mir reden soll, dann spricht er mich auf meine Schuhe an. Das war auch bei den Polizisten so, die mich verhört haben. Die wollten was Nettes sagen.

Erinnert in Sebnitz noch etwas an den Fall?

Eigentlich nur die Apotheke von Josephs Eltern. Das Haus steht leer, aber das rote Apotheken-A hängt noch, und im Schaufenster werben Plakate für Schmerztabletten. Wenn ich da vorbeilaufe, denke ich, jetzt kommen gleich die Kantelbergs raus.

Haben Sie seither noch einmal mit Josephs Mutter gesprochen?

Ich habe sie nie mehr gesehen und bin ganz froh darüber. Keine Ahnung, wo die Familie jetzt wohnt; es interessiert mich auch nicht. Frau Kantelberg hat sich nie bei mir entschuldigt. Ich könnte ihr auch nicht verzeihen. Die glaubt immer noch, dass wir ihr Kind umgebracht haben. Irgendwie habe ich Mitleid mit ihr. Die ist krank, die Frau.

Alexander Kühn / print