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was-macht-eigentlich: Sebastian Coe

Der Brite galt in den 80er Jahren als »Wunderläufer« über die Mittelstrecken. Der Sohn einer Schauspielerin und eines Ingenieurs gewann zweimal bei der Olympiade, sein Weltrekord über 1500 Meter bestand 18 Jahre

Der Brite galt in den 80er Jahren als »Wunderläufer« über die Mittelstrecken. Der Sohn einer Schauspielerin und eines Ingenieurs gewann zweimal bei der Olympiade, sein Weltrekord über 1500 Meter bestand 18 JahreZur Person :

Sebastian Coe, 43, vor dem Londoner Parlament. Der Vater von vier Kindern wurde im März zum Lord ernannt. Rechts: Coe nach seinem Olympiasieg über 1500 Meter 1980 in Moskau

stern: Der frühere Weltklasseläufer nun in der Parteizentrale der britischen Konservativen. Wie kam's zu diesem Wechsel?

Coe: Ich habe Wirtschaft und Geschichte studiert, hatte schon vor meiner Karriere als Sportler vor, in die Politik zu gehen. Und als Vorsitzender des »British Sports Council« hatte ich viel mit Amtsträgern und Abgeordneten zu tun.

stern: 1992 eroberten Sie einen Wahlkreis.

Coe: In Falmouth & Camborne, South Cornwall. Aber fünf Jahre später verlor ich ihn wieder. Dann wurde ich gefragt, ob ich William helfen könne.

stern: Das ist Mr. Hague, Parteichef der Tories. Was tun Sie für ihn?

Coe: Ich bin sein persönlicher Sekretär. Ich kümmere mich um seinen Terminkalender, bereite Meetings vor, reise mit ihm.

stern: Erfordert das nicht eine enge, fast schon private Beziehung?

Coe: Wir kennen uns gut, sind sechs Meilen voneinander entfernt aufgewachsen. Er ist ein sehr begabter Politiker, der auch in der Wirtschaft erfolgreich gearbeitet hat. Zudem hat er viele andere Interessen, nicht nur Politik. Das überzeugt mich an ihm.

stern: Versuchen Sie, wie im Sport, Rekorde aufzustellen, Zwischenmarken zu erreichen?

Coe: Man kann auch in der Politik Wettbewerbe gewinnen, zum Beispiel Wahlen. Sie versetzen dich in die Position, Ideen umzusetzen. Aber natürlich gibt es auch Unterschiede. Als Athlet habe ich mein eigenes Programm verfolgt, ohne auf andere oder die öffentliche Meinung achten zu müssen. Das aber muss man in der Politik.

stern: Hat man Ihnen schon mal vorgeworfen, in der Politik vom Prominenten-Status als Olympiasieger zu zehren?

Coe: Britische Politik funktioniert anders. Die Idee ist, Menschen aus allen möglichen Lebensbereichen zu haben, einen Querschnitt aller Erfahrungen. Auch wenn der Trend zum Karrierepolitiker geht, der in seinem Leben nie etwas anderes als Politik erlebt hat.

stern: Also keine Krise, wie sie viele andere Sportler nach ihrer Karriere erlebten?

Coe: Mein letztes wichtigeres Rennen war das Weltcup-Finale in Barcelona. Am darauf folgenden Wochenende begann ich in meinem Wahlkreis.

stern: Wie entwickelt sich ein individualistischer Sportler zum teamfähigen Mitglied in einer großen Partei?

Coe: Auch in der Leichtathletik muss man sich im Team organisieren. Außerdem war ich Kapitän der britischen Mannschaft, musste mich um den Teamgeist bemühen.

stern: Wie steht es in einer politischen Mannschaft mit Fairness?

Coe: Gegenseitige Akzeptanz gibt es hier auch. Nur verfolgen die Mitglieder in einem Sport-Team vielleicht die etwas höheren Ideale. Die Menschen stellen an einen Athleten auch höhere Ansprüche als an einen Politiker.

stern: Wie weit gehen Ihre politischen Ambitionen? Man sagt, dass Sportler früher oder später überall die Nummer eins werden wollen.

Coe: Nein, nein, nein! Ich war in Williams Wahlkampf-Team und bin bereit, ihm im Parteibüro zu helfen. Aber darüber hinaus schwebt mir keine eigene Karriere vor.

stern: Als Athlet waren Sie für eine vorsichtige Professionalisierung der Leichtathletik. Heute sind stattliche Honorare für Stars an der Tagesordnung - aber auch immer neue Dopingkontroversen. Sind Sie eher froh oder betrübt, nicht mehr dabei zu sein?

Coe: Als Athlet würde ich mir heute genauso wenig Sorgen machen wie damals. Ich habe nicht mal Vitaminpräparate genommen und bin etwa fünfzigmal getestet worden. Heute suchen immer mehr Sportler eine sofortige Lösung, statt mehr Zeit auf der Tartanbahn zu verbringen. Ich habe mit normaler Ernährung und zielgerichtetem Training Rekorde aufgestellt, die fast zwanzig Jahre lang hielten. Warum soll das heute nicht mehr möglich sein?

stern: Wie entspannen Sie am Ende eines Arbeitstages?

Coe: Ich laufe noch immer, betreibe Judo. Außerdem höre ich leidenschaftlich gern Jazz-Musik. Und dann habe ich auch noch vier Kinder. Die sind meine wichtigste Entspannung.

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