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Yvonne Catterfeld: Tatsächlich: Sie ist ein Mensch!

Immer lächelnd, immer gut gelaunt, immer harmlos-nett: Eigentlich hielten wir Yvonne Catterfeld für einen raffiniert konstruierten Unterhaltungsroboter. Ein falsches Bild. Die Frau kann mehr, als sie bisher zeigen durfte.

Von Tobias Schmitz

Seit dem plötzlichen Auftauchen eines putzigen, rotbraunen Tierchens mit buschigem Schwanz verdichten sich die Hinweise, dass Yvonne Catterfeld doch kein Roboter ist. Bisher sprachen mehr Indizien dafür: Dieses makellose Finish der Oberfläche zum Beispiel bekommt man bei echten Menschen normalerweise nicht hin. Wer hat schon solche Zähne? Solche Augen? Einen solchen Mund? Solche Haare? Welcher echte Mensch könnte stundenlang Autogramme schreiben und dabei das erste zahnspangenbewehrte, aknöse, pubertierende Mädchen genauso freundlich und offen anlächeln wie das zweihundertsiebenunddreißigste?

Welcher echte Mensch hätte drei Jahre lang in der Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" mitspielen können und 65 Folgen der Schmonzette "Sophie - Braut wider Willen" überlebt, ohne vollkommen zu verblöden? Wer hätte zusätzlich Fernsehsendungen moderiert, für Schuhe, Klamotten, Kosmetik geworben, Platten besungen, Konzerte gegeben, wäre als eine der erfolgreichsten Sängerinnen Deutschlands durchs Land getingelt - und hätte es geschafft, dabei immer, immer, immer freundlich, herzlich, anteilnehmend, verbindlich, nett, natürlich und gut drauf zu erscheinen?

"Och nee! Da drüben! Ein Eichhörnchen! Wie süüüß!"

Bisher war anzunehmen, Yvonne Catterfeld sei die ausgeklügelte Erfindung eines fähigen Systemprogrammierers und eines Batteriespezialisten, der nachts, nach all den Auftritten und all dem Lächeln, für das Wiederaufladen ihrer Akkus zuständig ist. Rätselhaft blieb die Frage: Welche Akkus haben so viel Power?

Ist Yvonne Catterfeld etwa doch ein Mensch? Das, was neulich im Restaurant eines Hamburger Luxushotels geschah, deutet darauf hin: Eben noch hat Catterfeld konzentriert über Musik gesprochen und über ihre Suche nach Perfektion, als sie abrupt innehält. Die Anspannung weicht aus ihrem engelsgleich geschminkten Gesicht. Eine Hand schießt nach rechts, dorthin, wo sich ein großes Fenster zum Garten befindet. Für einen Augenblick entspannt sich Yvonne Catterfeld vollkommen: "Och nee! Da drüben! Ein Eichhörnchen! Wie süüüß!" Ihr Mund lacht ein Kinderlachen, ihr Gesicht ist reines, unverstelltes Entzücken. So viel echtes, spontanes Gefühl kann niemand programmieren: Catterfeld ist kein Roboter und ihre Intelligenz keine künstliche. Und wenn das stimmt, dann muss ihre Biografie ja wohl auch stimmen:

Geboren am 2. Dezember 1979 in Erfurt, die Mutter Realschullehrerin, der Vater gelernter Dreher, wächst Yvonne als Einzelkind auf. Sie kann kaum richtig laufen, da steht sie zu Hause schon allein vor der Schrankwand, wackelt mit dem Hintern und singt. Vor anderen mag sie das nicht, weil sie furchtbar schüchtern ist. Die Grundschulzeit - noch zu DDR-Zeiten durchlaufen - ist hart, Leistung ist das Einzige, was zählt. Wer nicht mitkommt, wird zum Außenseiter. Yvonne kommt mit.

Die erste Lektion: ein fester Händedruck

Mit 15 schicken die Eltern sie zu Privatlehrern, wo sie Klavier und Gitarre spielt und Gesangsstunden nimmt. Die erste Lektion aber, die sie lernen muss: ein fester Händedruck. Nach dem Abitur (Durchschnittsnote 1,5) studiert sie an der Musikhochschule Leipzig, nimmt als "Vivianne" am Gesangswettbewerb "Stimme 2000" teil, wird entdeckt und veröffentlicht unter dem Namen "Catterfeld" 2001 ihre erste Single "Bum". Die wird, wie auch die folgenden drei Singles, von niemandem zur Kenntnis genommen. Erst mit ihrer Rolle als Julia Blum in der Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" wird Catterfeld ab Frühjahr 2002 landesweit bekannt.

Ein Jahr später spielt ihr Dieter Bohlen in einem Hamburger Hotel zehn Demos neuer Songs vor. Catterfeld wählt drei aus, verzieht sich zum Singen aufs Damenklo und entscheidet sich für einen, zu dem der Musiker und Sänger Lukas Hilbert den Text verfasst: "Für Dich", ihr bis heute bekanntestes Lied, wird 2003 Nummer eins der Charts. Zehn weitere Singles landen in den Top 40. Mit mehr als 600 000 verkauften Alben in den vergangenen drei Jahren ist Yvonne Catterfeld eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Künstler unserer Zeit.

"Meister Propers Nonne"

Und war bisher eine der Konturlosesten: Tituliert als "Meister Propers Nonne" ("Welt am Sonntag") oder "Frau ohne Eigenschaften" ("FAZ") wurde Catterfeld bisher vorwiegend von pubertierenden Jugendlichen verehrt, die auf die makellose Oberfläche der Sängerin alle eigenen Sehnsüchte von Schönheit und Erfolg projizieren durften. Allen anderen, so schien es, ging Catterfelds Omnipräsenz - Schauspielerei, Moderation, Werbung, Musik - in erster Linie auf die Nerven.

Das könnte sich bald ändern. Die Immersüße, Immergleiche ist auf dem besten Weg, ein paar Ecken und Kanten zu entwickeln: Auf ihrem neuen Album "Aura", unter anderem produziert von Größen wie Mousse T. (Tom Jones: "Sex Bomb"), Max Herre (Joy Denalane) oder Walter Afanasieff (Whitney Houston, Mariah Carey), ist sogar so etwas wie Seele zu hören.

Das nette Mädchen von nebenan ist mit seinen 26 Jahren offenbar erwachsen geworden und jetzt eine Frau, die ungewohnt selbstbewusst eigene Texte schreibt: "Sie entscheiden für dich, als hättest du keine Wahl. Wie lang lässt du dir das noch gefallen? Stell dich mir nicht in den Weg. Ich entscheide! Ich hab die Wahl." Das klingt neu - und für einen Menschen, der zugibt, nie gelernt zu haben, mit Krisen und Konflikten umzugehen, geradezu revolutionär. Was ist mit ihr passiert?

Catterfeld sucht nach Worten: "Ich bin eins mit mir und den neuen Songs", sagt sie. Es klingt wie eine tausendfach gehörte Musikerfloskel, aber die Botschaft von Songs wie "Die Zeit ist reif" oder "Hier bin ich" ist eindeutig: Stopp, es geht so nicht weiter, lasst mich in Ruhe! "Ich war blind, stumm und taub", singt Catterfeld, "ohne dich wag ich mich aufs Eis, ohne dich erkenn ich meinen Preis, ohne dich kann ich endlich steh'n, hab dein wahres Gesicht geseh'n."

Streit mit der Ex-Managerin

Was sich anhört, als wäre es einem verflossenen Geliebten gewidmet, dürfte tatsächlich die Kontroverse mit ihrer früheren Managerin Veronika Jarzombek zum Thema haben, von der sich Catterfeld im Juni 2005 trennte. Der Streit um Geld und verletzte Gefühle beschäftigt längst Anwälte. Der Rechtsbeistand von Veronika Jarzombek vertrat pikanterweise früher gelegentlich auch Catterfeld. Sollte es zu einem Gerichtstermin kommen, könne dieser, so drohte der Anwalt, "ekelhaft" werden.

Catterfeld selbst will einen Zusammenhang zwischen den Songtexten und ihrer Ex-Managerin nicht direkt kommentieren, sie sagt nur: "Anders als früher fühle ich mich heute frei und genieße es, eigene Entscheidungen zu fällen und mein Leben in die Hand zu nehmen."

Die Zeitungen stürzten sich damals mit Freude auf die Auseinandersetzung: Catterfelds Freund ist Wayne Carpendale, Sohn des berühmten Howard. Mit Wayne sei Catterfelds Managerin, so hieß es, nie klargekommen. Sie sei gegen die Beziehung der beiden gewesen. Catterfeld blickt nicht gern auf diese Zeit zurück: "Ich war damals vollkommen leer, vollkommen erschöpft. Ich funktionierte nur noch nach Plan, und der Plan war manchen Menschen wichtiger als alles andere. Der Plan war wichtiger als ich selbst."

Pflicht zu funktionieren

Sie fühlte sich überfordert und isoliert. "Wayne hat mir gezeigt, dass ich kein kleines Mädchen bin, das sich beliebig manipulieren lässt. Als ich mich endlich öffentlich zu Wayne bekennen konnte, war das wie eine Befreiung. Es war, als habe mir jemand die Augen für das wirkliche Leben geöffnet." Plötzlich sah sie ihren Alltag, ihr Leben mit Lampenfieber, diese ständige Angst, zu spät zu kommen, nicht gut genug zu sein, nicht alles geben zu können, aus einer neuen Perspektive: "Mich haben verschiedene Menschen darauf aufmerksam gemacht, dass mein Leben als Maschine, die alle zwei Monate mal einen freien Tag hat, nicht normal ist."

Es muss ihr hinter der perfekten Fassade tatsächlich hundeelend gegangen sein damals, im Frühjahr 2005, als sie das Gefühl hatte, nur noch zu funktionieren, nur noch Erwartungen zu erfüllen. "Im Kino und in Menschenmassen bekam ich Angstzustände", sagt Catterfeld, "ich konnte nicht mal in Ruhe ins Café gehen. Vor allem durfte ich nie sagen, dass es mir schlecht ging. Als steckte ich in einem Korsett, das immer enger und enger für mich wurde."

Nichts drin, was sich zu singen lohnt

Sie zog die Notbremse, verkroch sich bei ihrem Freund und trennte sich von ihrem Management. Atmete durch - und fühlte völlige Leere. "Ich wollte Lieder schreiben, mich weiterentwickeln, aber ich hatte verlernt, mich zu öffnen. In mir schien nichts zu sein, über das sich zu schreiben lohnte." Dachte sie. Dann traf sie die Texterin Heike Kospach, die unter anderem für die Band "2raumwohnung" gearbeitet hatte. "Mit ihrer Hilfe kamen die Worte, und ich merkte: Wow, da ist ja doch ziemlich viel!"

Catterfeld schrieb über den Wunsch, nicht mehr so furchtbar angepasst zu sein, es nicht mehr jedem recht machen zu müssen, etwas aufgeben zu wollen vom alten Leben. In ihrem neuen Leben nahm sie nun gezwungenermaßen selbst die Dinge in die Hand: Drei Monate lang reiste sie quer durch Deutschland - auf der Suche nach einem neuen Manager. Bei Kandidat Nummer 14, Jürgen Otterstein, früher Musikmanager im Warner-Konzern, schien die Chemie zu stimmen.

Wer Otterstein zuhört, hat das Gefühl, der Mann betreue keinen Menschen, sondern stehe einem Weltkonzern vor: "Yvonne und ich haben eine strategische Neuausrichtung vorgenommen", sagt er, "wir mussten die Qualität synchronisieren. Yvonnes Kernkompetenz ist die künstlerische. Sie ist eine exzellente Musikerin und Schauspielerin. Es geht für sie ganz klar in Richtung Charakterrolle."

Weniger Auftritte, mehr Freiheit, mehr Freizeit

Also beschlossen Catterfeld und Otterstein: Keine Moderationen mehr, weniger Auftritte, mehr Freiheit, mehr Freizeit, mehr Privatleben. Die nächsten Schritte sind klar: Fernsehfilme sollen Catterfelds "Kernkompetenz" ausbauen. Im Herbst wird sie ihre erste Hauptrolle in einer Produktion spielen, die für RTL gedreht wird. Arbeitstitel: "Das Geheimnis des Königssees".

Für ihren Manager nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zur ganz großen Karriere: "Bisher ist Yvonne künstlerisch einfach unterfordert worden. George Clooney war ja auch erst ein Serienheld, bis er zum Superstar wurde." Yvonne Catterfeld wird weiter arbeiten wie eine Maschine. Wird ackern für das Gefühl, ihr Leben sei ihres. Und wird singen. "Die Zeit ist reif, ich nehm die Welt in meine Hand. Ich hab keine Angst. Ich weiß, was ich kann." Weiß sie wirklich, was sie sich zumutet? Ihr Terminkalender geht schon jetzt bis Mitte 2008. Aber wenigstens hat sie nun einen Tag pro Woche frei.
Meistens jedenfalls.

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