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Zum zehnten Todestag von Hannelore Kohl: Ein Leben bis zur Selbstaufgabe

Hannelore Kohl mochte Journalisten nicht. Zu ihrem zehnten Todestag berichten viele über sie. Ein Autor, dem die Kanzlergattin vertraute, beschreibt ihr Leben als Leiden - die Söhne protestieren. Der Vater schweigt und kommt nicht zu einem gemeinsamen Gedenk-Konzert.

Das Fax war kurz und schockierend. Das Berliner Büro von Altkanzler Helmut Kohl verbreitete an diesem Nachmittag des 5. Juli 2001 die Nachricht vom Selbstmord seiner Frau: "Auf Grund der Hoffnungslosigkeit ihrer gesundheitlichen Lage entschloss sie sich, freiwillig aus dem Leben zu scheiden."

Hannelore Kohl, die wegen einer Lichtallergie im Dunkeln lebte, hatte daheim in Ludwigshafen-Oggersheim eine Überdosis Schlaftabletten genommen. Ihr Mann war in Berlin. Die Bestürzung im In- und im Ausland war groß. Über ihre Krankheit war wenig bekannt - ebenso wie über ihr Leben und Leiden, wie es nun zu ihrem zehnten Todestag geschildert wird.

41 Jahre waren die Kohls verheiratet. Nicht viele Menschen hatten Einblick in das hochgesicherte Privathaus, in das Privatleben und erst recht nicht in die Seele der Hannelore Kohl. Die Öffentlichkeit erlebte sie als eine Ehefrau, die sich selbstverständlich in den Dienst ihres Mannes stellte. Die dem Mann nach Kräften den Rücken freihielt - so wie zahllose Frauen ihrer Generation.

Hannelore Kohl wurde schon zu Lebzeiten als maskenhaft beschrieben. Und es bedarf keiner großen Vorstellungskraft, wie schwer das Leben an der Seite eines Regierungschefs, eines langjährigen CDU-Übervaters, eines Helmut Kohl wohl ist. Aber jüngste Berichte darüber, wie krank, wie unglücklich, wie todtraurig sie gewesen sei, sind für die meisten Menschen wohl doch eine Überraschung. Ebenso, dass ihr nach einer falschen und lebensgefährlichen Penicillin-Behandlung 1993 die Haare ausfielen und sie seither eine Perücke trug.

Biografie sorgt für Wirbel

Der WDR-Redakteur Heribert Schwan hat eine Biografie über die Frau geschrieben, die mit 68 Jahren ihr Leben beendete. Er kannte Helmut Kohl schon lange, als er auch das Vertrauen der Gattin gewann. Er ist überzeugt, sie hätte gewollt, dass er mit seinem Buch "Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl" nun öffentlich macht, was sie ihm anvertraute. "Sie wollte, dass ich es irgendwann publizieren würde", sagte er in einem seiner inzwischen zahlreichen Interviews über die 320 Seiten.

Das Interesse der Medien an ihm und seinem Erleben von Hannelore Kohl ist groß. Der "Spiegel" bilanziert: "Kein zweiter Journalist hatte so engen Umgang mit Hannelore Kohl." Nach Schwans Schilderung war sie eine schlagfertige, lustige und offene Frau, die oft einsam war und deren eigene Wünsche und Überzeugungen eine untergeordnete Rolle spielten. Bis hin zur Entscheidung des Kanzlers, auch 1998 noch einmal zu kandidieren - gegen den Willen und das Wissen seiner Frau.

Der größte Schlag sei aber gewesen, dass ihr Mann in der desaströsen CDU-Spendenaffäre nicht die Namen der Spender nannte. Angespuckt worden sei sie auf der Straße, berichtete auch ihre langjährige Freundin Rena Krebs in einem Fernsehinterview. Bei ihren häufigen Telefonaten habe sich Hannelore immer nach ihrem Wohlbefinden erkundigt. Die Gegenfrage habe sie stets so beantwortet: "Frag nicht."

Die Kohl-Söhne haben sich schnell in der "Süddeutschen Zeitung" gegen manche Behauptung von Schwan gewehrt. Peter Kohl sagte, Schwan übertreibe seine eigene Bedeutung maßlos. Sein Bruder Walter sagte: "Herr Schwan weiß einfach vieles nicht."

1983 gründete Hannelore Kohl ein Kuratorium für Unfallopfer mit Schäden des zentralen Nervensystems (ZNS). Die ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung, deren Gremien die Söhne angehören, hat zum Todestag am 5. Juli zu einem Konzert in die Dreifaltigkeitskirche von Speyer geladen. Der Vater hat abgesagt. Er hatte die Stiftung vor zwei Jahren mit der Begründung verlassen, sie vertrete nicht mehr die Interessen seiner verstorbenen Frau. Die Söhne traten damals ein.

"Niemals auffallen, niemals klagen, alles erdulden."

In einem von seinem Berliner Büro kürzlich verbreiteten Brief hieß es: "Herr Bundeskanzler ist sehr zufrieden, dass seine Söhne sich insoweit der Verantwortung für ihre verstorbene Mutter stellen und ZNS für die Zukunft absichern wollen. Eine Beteiligung an ZNS-Aktivitäten oder eine Teilnahme an ZNS-Veranstaltungen durch sich sieht Herr Bundeskanzler für den einvernehmlich vollzogenen Generationenwechsel für seine Söhne kontraproduktiv an." Das Verhältnis von Peter und Walter zu ihrem Vater und vor allem zu seiner neuen Frau Maike Kohl-Richter gilt als höchst schwierig.

In einer weiteren Erklärung aus dem Büro bezeichnete Kohl "die öffentliche Zurschaustellung und Vermarktung meines Privatlebens durch Dritte (...) als unangemessen, zumal die Veröffentlichungen die Grenzen von Geschmack und Anstand weit überschreiten und in wesentlichen Punkten mit der Wahrheit nicht in Einklang stehen. Ich werde mich hierzu öffentlich nicht äußern. (...)"

Schwan berichtet, Hannelore Kohl sei Ende des Zweiten Weltkriegs als Zwölfjährige von russischen Soldaten vergewaltigt worden - so brutal, dass ein Rückenwirbel verletzt wurde, unter dem sie bis zu ihrem Tod gelitten habe. Schwan glaubt, dass dieses Trauma mit ein Grund für spätere Depressionen war. Aber ihr sei schon von ihren Eltern in der Nazi-Zeit beigebracht worden: "Niemals auffallen, niemals klagen, alles erdulden." Das habe sie bis zur Selbstaufgabe betrieben.

Kristina Dunz und Marc Strehler, DPA / DPA