HOME

Doku über Walter Kohl: "Ohne die Parteispendenaffäre wäre Mutter nicht tot"

Die Familiengeschichte von Ex-Kanzler Helmut Kohl ist eine Tragödie - die der WDR mit einer Doku über Sohn Walter nacherzählt. Auch hier im Zentrum: der Freitod der Mutter.

Von Hans Peter Schütz

Warum? Diese Frage wird die Familie ewig begleiten. In der Nacht vom 4. auf den 5. Juli 2001 nahm sich Hannelore Kohl das Leben. Damit stürzte eine lange auf Hochglanz polierte Kulisse ein: die der harmonischen, durch und durch bürgerlichen Familie Kohl.

Über die Geschichte hinter der Kulisse ist oft berichtet worden - in Büchern und Artikeln, seltener im Fernsehen. Nun legte Filmemacher Stephan Lamby die Doku "Walter Kohl - Aus dem Schatten des Vaters" vor, die am späten Donnerstagabend im WDR gezeigt wurde. Der Sohn des Altkanzlers spricht im Film ganz offen über die Frage, wie seine Familie an der Eroberung und Verteidigung der Macht zerbrochen ist. Und welche Rolle Maike Richter und die CDU-Spendenaffäre dabei spielen.

Keine Abrechnung

Wer die Doku jedoch mit der Erwartung einschaltet, Walter Kohl würde eine weitere, bittere Abrechnung mit dem Vater präsentieren, wird verblüfft sein. Der inzwischen 50-jährige Unternehmer betreibt ein "Zentrum für Lebensgestaltung", Slogan: "Mehr Lebensfreude und innere Ruhe durch die Kraft der Versöhnung". Er will nicht bis ans Ende seines Lebens in "Sippenhaft" genommen werden, sagt er im Interview mit Lamby.

Das bedeutet nicht, dass Walter Kohl unkritisch wäre. In einem Punkt lässt er keine Zweifel aufkommen: Seine Mutter ist aus politischen und persönlichen Gründen in den Freitod gegangen. Einmal sagt Walter Kohl: "Ohne die Parteispendenaffäre wäre Mutter nicht tot." Diese Ächtung der Familie, der sie ihr ganzes Leben gewidmet hatte, hat Hannelore Kohl, die schon damals an depressiven Momenten litt, sehr belastet.

Der geheime Informant

Ebenso eindeutig habe zu ihrem Tod beigetragen, was bereits Walters Bruder Peter im Vorwort der Zweitausgabe seines Bestsellers "Die Frau an seiner Seite. Leben und Leid der Hannelore Kohl" geschrieben hatte. Am 3. April 2005 hätten die Söhne erfahren, "was ich eigentlich gar nicht wissen wollte. Ein engster Vertrauter meines Vaters - jedoch kein Angestellter oder Beamter - datiert den Beginn der Beziehung mit Maike Richter auf die zweite Hälfte der 90er Jahre." Damals arbeitete Maike Richter im Kanzleramt.

Wer dieser Informant war, ist bis heute unbekannt. Filmemacher Lamby, der bereits Kohl selbst und Wolfgang Schäuble porträtiert hat, sagt, er kenne diesen "Vertrauten". Es nennt ihn eine "sehr verlässliche Quelle". Für die Richtigkeit der Information über die frühzeitige Beziehung Kohls zu Maike Richter spricht auch, dass sie ihre Wohnung in eine Art privates Helmut-Kohl-Museum umgebaut hatte, wie die Söhne später erfuhren. Da muss ihnen klar geworden sein, was ihre Mutter offenbar schon längst wusste: Dass ihre Ehe nicht so bürgerlich war, wie sie es nach CDU-Maßstäben hätte sein sollen. Laut Lamby waren weder Helmut Kohl noch Maike Kohl-Richter dazu bereit, zu diesem Thema Stellung zu beziehen.

Trotz des bösen Verdachts scheint Walter Kohl keinen Groll zu hegen. Das steht im Widerspruch zu den Thesen des Autors Heribert Schwan, der einst Ghostwriter für Kohl gewesen ist und selbst ein Buch über Hannelore Kohl verfasst hat. Er unterstellt den Kohl-Söhnen, sie würden aus ihrem Namen ein Geschäft machen, dafür auch in die "Schmuddelecke" greifen und seien doch nur verzweifelt, weil sie die Gunst des übermächtigen Vaters nicht mehr erringen könnten. Lamby sagt dazu: "Ich finde solche Urteile wie von Schwan nicht gerecht. Beide Söhne haben etwa aus ihrem Leben gemacht."

In der Tat hat Walter Kohl lange als Banker und für die Autoindustrie gearbeitet, bevor er sich der eigenen Familiengeschichte widmete. 2011 publizierte er sein Buch "Leben oder gelebt werden: Schritte auf dem Weg zur Versöhnung". Im Film lautet sein Fazit über den Vater: "Er lebte sein Leben, und ich lebe mein Leben."

  • Hans Peter Schütz