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Helmut Kohl und Maike Richter: Die Pfälzer Verlobung

Nach einem schlimmen Sturz soll es Helmut Kohl langsam wieder besser gehen. So gut, dass der Ex-Kanzler Pläne für eine ganz private Einheitsfeier schmiedet: Er will seine Freundin Maike Richter heiraten. Sie ist sein Sprachrohr, sein Altersglück. Sie ist nun unentbehrlich.

Von Ulrike Posche

Wenn man sich dieser Tage von Süden her dem Oggersheimer Kreuz nähert, dann spürt man das Sprießen des Frühlings ganz deutlich. In den rund gebundenen Rebstöcken staut sich der Saft, und die Obstbäume protzen mit ihren Blüten. Auf den Feldern ziehen die Bauern weiße Planen vom Pfälzer Mutterboden, unter denen junge Pflänzchen heimlich heranwuchsen. Jetzt wollen sie alle ans Licht.

Monsignore Ramstetter hat schon lange von den Hochzeitsplänen gewusst. Helmut Kohl hatte ihm vor Monaten anvertraut, dass er seine Lebensgefährtin Maike Richter heiraten wolle. "Meinen Segen hast du", sagte der 83-jährige Ramstetter. Er traue und taufe immer noch gern, weil das etwas Schönes sei, erklärte Kohls Hauspastor dem Bräutigam in spe.

"Sie liebt ihn wirklich"

Dann passierte der Unfall. Kohl stürzte nach einer gut überstandenen Knieoperation und prellte sich den Schädel schwer. "Schädel-Hirn-Trauma", diagnostizierten die Ärzte der Heidelberger Uni-Klinik. Noch in der Nacht habe der damals 77-Jährige "behandelt werden müssen", sagt Kohls zurückhaltender Büroleiter Ulrich Pohlmann. Anschließend war Helmut Kohl ein Mensch, der Zuwendung und Pflege nötig hatte. Wann immer Ramstetter seinen ungeduldigen Freund in den Wochen danach im Krankenzimmer und in der Reha besuchte, um ihn zu trösten, mit ihm zu beten, saß Maike Richter, 44, bereits da. "Ich habe große Hochachtung für diese junge Frau", sagt Kohls Pfarrer, "sie hat alles für ihn aufgegeben, sie opfert sich auf für diesen Mann. Sie liebt ihn wirklich." Vor wenigen Wochen erhielten enge Freunde und Verwandte des ungewöhnlichen Liebespaares einen Brief, in dem die Hochzeit offiziell angekündigt wurde. Man könnte auch sagen: Vor wenigen Wochen war Maike Richter endlich am Ziel ihrer Träume.

Aufgewachsen ist sie da, wo Deutschland noch so ist, wie Kohl es gern hat. Maike Richter ist das dritte von vier Kindern des Diplomingenieurs Wolfgang Richter und seiner Frau Evelyn. Richter arbeitete bei der RWE in Siegen, seine Frau bewirbt sich eines Tages mit vier kleinen Kindern im Schlepp bei der "Siegener Zeitung". Sie will Lokalreporterin werden. "Wie soll das denn gehen, mit all den Kindern?", fragt Lokalchef Friedrich Brockmeier. Dann aber schickt er sie doch auf die erste Kaninchenzüchterausstellung. Probehalber.

Bei den Recherchen der Mutter oder ihren Aufenthalten in der Redaktion ist Maike von nun an dabei. "Wenn die mit ihrer Mutter hier ankam", erinnert sich Bildredakteur Karl-Hermann Schlabach, "dann war immer 'Hoscha' in der Bude." - "Herr Schlabach, hier haben wir noch einen ‚Blauen Wiener‘ und hier einen ‚Deutschen Riesen‘", rief Maike und hielt ihm selbst geschossene Fotos von preisgekrönten Rammlern hin. "Die erzählten von ihren Karnickeln so begeistert wie andere, wenn sie den Putin gesehen haben." Evelyn Richter selbst beschreibt ihre beiden Töchter später in einem Roman: "Anke, nur gut ein Jahr älter als ihre Schwester, mit mädchenhaft halblangen Haaren, ausdrucksstarken und weichen Gesichtszügen war ein typisches Mädchen, auf das man automatisch zuging. Maike war das krasse Gegenteil: keck und schlagfertig", schreibt Mutter Richter in "Schwarzer Tee um Mitternacht". Sie war "ein Kindergesicht wie aus dem Bilderbuch, fröhlich, unbändig und total ohne Probleme".

Zwei Polit-Groupis bei Kohl

Sie war also genau der Typ, den Männer wie Helmut Kohl schätzen; den wohl alle Männer in der Lebensphase schätzen, in der die Macht schwindet, in der die Reihe der Bewunderer lichter wird und die Dämonen des Alterns in die Knochen kriechen. Helmut Kohl ist gerade in der allerdunkelsten Zeit seines Lebens, als ihm die lebhafte Siegerländerin aus heiterem Himmel in den Schoß fällt. Sein Ruhm ist unter den Enthüllungen der CDU-Spendenaffäre zerflossen, alles ist dahin. Im März 2002 scheint nur Maike noch ungebrochen zu Kohl zu stehen. Und ihre Mutter. Die lässt sich nach einem Wahlkampfauftritt in der Siegerlandhalle ein Autogramm von ihm geben. Und man kann nicht erkennen, welche von beiden das glühendere Polit-Groupie ist.

Maike ist schon als Heranwachsende frecher und schneller im Kopf als andere. Sie geht aufs Evangelische Gymnasium und irgendwann zur Jungen Union. Dort fällt sie Dirk Metz auf, dem Kreisvorsitzenden: "Sie war so eine Kesse, eine mit kurz geschnittenen Haaren - ein toller Typ." Maike wird zur Beisitzerin beim Kreisvorstand Siegen-Wittgenstein, ihre Schwester wird Besseres. "Es ist immer das Gleiche", habe Maike damals gejammert, schreibt Evelyn Richter in ihrem Familienroman: "Anke tritt auf, und ich laufe wie ein Kofferkuli hinter Madam her." Sie ist eine emsige Unionsbiene, keine fürs Parkett. Schon damals muss in Maike Richter der Wunsch nach dem "Momento di gloria" im eigenen Leben aufgekommen sein. Dirk Metz übrigens ist heute Roland Kochs Regierungssprecher in Hessen.

"Mindestens Staatssekretärin" will sie werden

Die junge Richter geht nach München. Sie studiert Volkswirtschaftslehre. Freunde erinnern sich, dass sie "mindestens Staatssekretärin" habe werden wollen. Ihre Schwester wird Ärztin, ein Bruder ebenfalls. Die Eltern verlassen das Dorf Oberheuslingen und ziehen in ein Seebad an der Ostsee. Anrufen kann man dort jedoch allenfalls den künftigen Schwiegervater des Altkanzlers. Und das auch nur kurz. "Wenden Sie sich ans Kanzleramt!", wimmelt Wolfgang Richter neugierige Journalisten am Telefon ab. Evelyn Richter habe inzwischen, so hat es Kalle Schlabach erfahren, "eine Telefon-Phobie".

Die Tochter landet nach dem Studium im Bonner Wirtschaftsministerium und wird in die wirtschaftspolitische Abteilung des Kanzleramts entsandt. Von dort arbeitet sie dem verehrten Staatsmann Kohl anonym zu. Sie ist noch weit entfernt von jenem Perserteppich-Flügel, in dem ihr Held sitzt und der zu jener Zeit noch von einer anderen bewacht wird - von Juliane Weber.

Im Jahr 1996 schreibt Maike Richter ihre Dissertation zum Thema "Der Aufbau wirtschaftsnaher kommunaler Infrastruktur im Transformationsprozess vom System zentraler Planwirtschaft zum dezentralen und marktwirtschaftlichen System". Untertitel: "Eine Analyse der Rahmenbedingungen und Probleme am Beispiel der DDR". Es ist sozusagen der theoretische Überbau zu Kohls blühenden Landschaften. Dann verliert der die Wahl, hält im Foyer des Kanzleramts seine Abschiedsrede und übergibt an den Nachfolger.

Ihr ist sofort klar, dass sie nicht unter Schröder dienen will. Also arbeitet sie erst einmal mit Friedrich Merz zusammen, dem finanzpolitischen Rebellen der CDU. Als sie sich auch mit Merz wegen seiner Kritik an Kohls Spendenpraxis überwirft, wird Frau Doktor für ein Jahr Redakteurin der "Wirtschaftswoche" in Düsseldorf. Sie habe zwar nicht sehr viel geschrieben, erinnert sich Friedrich Thelen, damals Leiter des Parlamentsbüros, dafür umso mehr diskutiert und recherchiert. "Ein intelligentes, liebes Mädchen", sagt Thelen.

Jede Aufmunterung kommt gelegen

Das Jahr 2001 ist für Helmut Kohl der Tiefpunkt. Viele Parteifreunde haben sich zurückgezogen, er ist ein Hinterbänkler von vielen. Und im Juli nimmt sich seine Frau das Leben. Niemand mehr, dem er sonntags Blumen schenken kann. Der Ex-Kanzler harrt einsam in seinem Büro Unter den Linden; einsam mit Juliane Weber, seiner Büroleiterin, und wenigen Gefährten aus großer Zeit. Abends, wenn Fahrer Ecki Seeber ihn in die Wilmersdorfer Altbauwohnung fährt, kauft der Witwer bei "Butter Lindner" Kaisersülze zum Abendbrot. Und das ist dann auch schon die Krönung des Tages. Jede Aufmunterung kommt Helmut Kohl in dieser Zeit gelegen. Eine davon erscheint eines Tages mit einem Stapel Bücher in seinem Büro. Sie kommt zum Signieren.

Maike Richter ist unkompliziert, unprätentiös, natürlich. Der Alte ist begeistert. Er lässt Riesling von der Mosel aufziehen und wirkt selbst plötzlich wie aufgezogen. Die Scheune brennt, als zufällig der Kolumnist der "Bild am Sonntag" in die Szene tritt: "Der alte Kanzler lebte in der Gegenwart der jungen Frau sichtbar auf." Auf einmal war wieder "Hoscha" in Helmuts Bude. Und warum sollte sie sich nicht in einen 34 Jahre älteren Mann verlieben, den sie schon als Kind bewundert hatte! Er wird wieder schlanker. Sie treffen sich in Berliner Restaurants, wagen sich immer weiter vor die Tür, bis es rings um das Café Einstein ein offenes Geheimnis ist, dass der "Dicke" eine Freundin hat.

Bekannten gesteht Helmut Kohl, er fürchte, die Beziehung könne publik werden, bevor die Feierlichkeiten zu seinem 75. Geburtstag im April 2005 angelaufen sind; er fürchte, Maike könne ihm dann die Show stehlen. Aber Berlin hält dicht. Auch dank seiner Freundschaft zum Chef der "Bild", dem er einst als Trauzeuge diente. Als Helmut und Maike jedoch das Weihnachtsfest 2004 im Ayurveda-Hotel Paragon auf Sri Lanka verbringen, wäre beinahe doch alles herausgekommen. Ecki Seeber, der mitgereist war, wird im Frühstücksraum vom Tsunami überrascht. Kohl selbst sieht die Welle vom Balkon im dritten Stock auf sich zurollen. Dass sie das Unglück überlebten, muss den schicksalsgläubigen Helmut Kohl endgültig an die junge Frau gebunden haben. Nur wenig später bekennt er sich öffentlich zu seiner Lebenspartnerin.

Die kleine Richter trifft sie alle

Das Leben ist jetzt natürlich toll für die Regierungsdirektorin mit dem A-15-Gehalt. Man hält ihr die Wagenschläge auf, sie sitzt in den ersten Reihen. Die kleine Richter trifft nun wie selbstverständlich die Granden aus jenen Etagen, zu denen sie früher nie Zugang hatte. Gorbatschow, Clinton, Bush senior. Manchmal vertritt sie Kohl sogar bei großen Festakten wie dem 50. Jahrestag der Römischen Verträge. Was für ein Auftritt, endlich Gloria!

Es ist ein bisschen wie in Daphne du Mauriers Roman "Rebecca". Und sie ist jetzt die neue Mrs de Winter. Aber es ist eben auch so, dass ihr viele zu verstehen geben, dass sie nicht "Rebecca" ist. Maike Richter reagiert auf die Abweisung, die sie gelegentlich in Kohls Umfeld spürt, mit leichter Herablassung. Sie legt sich eine Diven- Attitüde zu, die im Widerspruch zu ihrem freundlichen Gesicht steht.

Sie hüpft zwar mit Helmut Kohl von einer Veranstaltung zur nächsten, Filmpremieren, Lobgesänge, Papst-Besuch. Zum Opernball in Frankfurt, zur ZDF-Party in Berlin, dem "Ball der Sterne" in Mannheim - sie genießt die Öffentlichkeit neben ihm, die Beachtung, aber wenn Reporter sie im Vorbeigehen fragen, wie es ihr geht, hält sie zickig die Hand aufs Mikrofon. Sie hat ihre Rolle als Frau an seiner Seite noch nicht gefunden. Und Interviews gibt sie nicht. Einmal soll Helmut Kohl im Rahmen einer Preisverleihung mit Michael Gorbatschow und dem Aga Khan Kirschbäume im Park von Sanssouci pflanzen. Sie beobachtet die Aktion neben anderen Gästen von der Terrasse aus. "Pflanzen Sie nicht?", fragt jemand freundlich. "Ich lasse pflanzen!", gibt Frau Richter zurück. Sie kann sehr schnell unter der Nase sein.

Die designierte Frau Kohl sitzt jetzt immer in der ersten Reihe. Ihr Gesicht sagt: Helmut und ich! Andere sagen: Was hat die denn da zu suchen! Rebecca-Syndrom. Sie trug Hannelore Kohls Hosenanzüge auf. "Die sind doch noch gut", würde man wohl im Siegerland sagen. Und dem Bimbes- Kanzler hat Knickrigkeit schon immer gefallen. Aber in Berlin und in den Illustrierten denkt man nicht so wie in Oberheuslingen und Oggersheim. In der Hauptstadt ist die Staatsbeamtin nach diesem Sakrileg natürlich ein bisschen unten durch.

Sie schottet ihn ab

Maike Richter reagiert umgehend und nutzt das Machtinstrument der jüngeren Frau: Sie distanziert sich und ihn von seinen Freunden und Vertrauten, sie schottet ihn ab. "Man kommt gar nicht mehr an ihn ran", klagen Weggefährten. Alles wolle nun sie kontrollieren. Die andere, Juliane Weber, seit mehr als 40 Jahren persönliche Referentin, nutzt die Gelegenheit und verabschiedet sich mit 66 Jahren in den Ruhestand. Manchmal merkt er es selbst, wie die Kleine mit ihrer Fürsorglichkeit andere fernhält. Dann setzt er sich allein in den Flieger und verbringt das Wochenende zu Hause. Er trifft sich mit alten Kumpeln im Deidesheimer Hof, wo er einmal nicht mit Blicken getadelt wird, wenn er sich wer weiß wie viel Zucker in den Kaffee schaufelt.

Als der Filmproduzent Nico Hofmann ihm den Plan vorträgt, einen Film über Helmut Kohl zu drehen, willigt der freudig ein. Achtmal besucht ihn das Filmteam in Oggersheim, mehr als 60 Stunden erzählt er aus seinem Leben, und abends sitzen sie alle zusammen am Esstisch. Kameramann, Regisseur und Tonmann. Haushälterin Hilde Seeber trägt das üppige Essen auf, und niemand sagt ihm, wann er satt sein soll. Doch irgendwann können die Gelenke das Gewicht dieses wuchtigen Mannes offenbar nicht mehr tragen. Ende letzten Jahres muss er sich das zweite künstliche Kniegelenk einsetzen lassen. Dann geschieht der Unfall.

Maike ist jetzt sein Sprachrohr, sein Altersglück. Sie ist nun unentbehrlich.

Am vergangenen Freitag ist Chauffeur Ecki Seeber bereits früh zur Krankengymnastik aufgebrochen. Es scheint aufwärts zu gehen. Die "Münchner Abendzeitung" hat errechnet, wie hoch die Rente wäre, mit der Kohls Ehefrau eines Tages würde rechnen können. "Aber das ist keine Heirat, weil sie versorgt sein will, wie viele jetzt meinen", sagt Monsignore Ramstetter, "das stimmt nicht. Die hat ihn wirklich gern." Erich Ramstetter hat dem genesenden Freund aufmunternd erklärt, dass er selbst Nahestehende nicht mehr beerdige. Allenfalls predige er noch bei deren Trauung oder Taufe.

Man spürt es ganz deutlich. Der Frühling hat die grünende Pfalz am Wickel. Überall regt sich das Leben. Alle wollen ans Licht.

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