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Kolumne "Berlin vertraulich!" "Es ist um Helmut Kohl einsam geworden"


80 Jahre wird er alt - und der Büchermarkt wird von Helmut-Kohl-Biografien geflutet. Viele Autoren werfen einen kritischen Seitenblick auf Maike Richter-Kohl, die Frau des Altkanzlers.
Von Hans Peter Schütz

Mehr Helmut Kohl auf einen Schlag gab es noch nie: Zum 80. Geburtstag am 3. April quasi eine Kohl-Bücherschwemme. Ob den Altkanzler indes die Lektüre rundum erfreut, darf bezweifelt werden. Denn jenseits der Würdigung der Verdienste des Politikers Kohl erlaubten sich die Autoren auch Seitenblicke auf den Menschen Kohl, die in der Berliner Polit-Szene jenseits der geradezu hymnischen Lobgesänge mehr hinter vorgehaltener Hand beredet werden.

Das gilt vor allem für das Buch "Helmut Kohl. Virtuose der Macht" (Artemis & Winkler, 19,90 Euro), geschrieben von Heribert Schwan, Fernsehjournalist und Autor zahlreicher politischer Bestseller, und dem Universitätsprofessor und Zeitgeschichtler Rolf Steiniger.

Zum Freitod von Hannelore Kohl, gerne als Folge einer Lichtallergie dargestellt, werden ganz andere Motive genannt. Zum einen die Spendenaffäre Kohls. Dazu schreiben die Autoren: "Die Belastung durch die Rufmordkampagne, wie sie die Reaktion auf die Spendenaffäre selbst nannte, wurde auch für sie immer unerträglicher. Hannelore Kohl sah darin eine sinnlose Zerstörung auch ihrer Lebensleistung und fühlte sich in höchstem Maße verletzt." Dann folgt ein Satz, bei dem sich viele fragen, ob er juristische Folgen haben könnte: "Hinzu kamen Hinweise auf ein Verhältnis des Altkanzlers mit einer erheblich jüngeren Frau."

Schwan schreibt, dass die Lichtallergie der Grund des Selbstmords gewesen sein könnte, "wird von denen in Frage gestellt, die sie wirklich kannten." Wissen in Bezug auf Hannelore Kohl besitzt er jedenfalls weit mehr als andere. Er hatte jederzeit Zugang zu ihr, sprach noch lange mit ihr bei einem Treffen nur drei Tage vor ihrem Tod. Schwan arbeitet jetzt an einer großen Hannelore-Kohl-Biografie. Er war zudem Kohls wichtigster Helfer bei der Erstellung der ersten drei Memoiren-Bände des Altkanzlers. In dieser Funktion hatte er Zugang zu allen Dokumenten des Kanzleramts, in denen die Gespräche protokolliert sind, die Kohl mit anderen Staatsmännern geführt hat. Die Nähe Schwans zu Kohl ist inzwischen zerbrochen. Die Schuld daran gibt er Maike Richter, Kohls 35 Jahre jüngere Ehefrau, die er im Mai 2008 geheiratet hat. Schwan sagt, Richter habe Kohl-Interviews so stark geändert, dass kaum noch etwas vom Orginal-Ton des Altkanzlers übrig geblieben sei. Am vierten Band der Memoiren arbeitet Schwan daher nicht mehr mit.

Er beschreibt die zweite Ehe des Altkanzlers sehr kritisch. Dass Kohls Kinder zur Hochzeit mit Maike Richter nicht eingeladen wurden, "hat bis heute ihr Verhältnis zum neuen Paar belastet." Ein Familienleben, wie es sich zwischen Großeltern, Kindern und Enkeln wünschenswert wäre, finde seit der Hochzeit nicht mehr statt. "Stattdessen beschäftigt man sich in Ludwigshafen mit sich selbst." Vieles, was aus dem Hause Kohl in die Öffentlichkeit komme oder in Zeitungen als Text gedruckt werde, sei von Maike Kohl-Richter geschrieben. Die neue Frau an seiner Seite habe eine absolut bestimmende Rolle. Sie entscheide auch maßgeblich mit, wer ihn besuchen dürfe. Schwan selbst traf im Herbst 2008 auf "einen heftig sprachbehinderten Helmut Kohl, der aber absolut Herr seiner Sinne [ist], mit wachem Verstand auf der Höhe der Zeit, sich aber dem Kommando von Maike Kohl-Richter unterordnet." Schwans Fazit über den in seinen Augen "fremdbestimmten" Altkanzler: "Es ist um Helmut Kohl einsam geworden."

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Ein Satz, der sich fast wortgleich auch in dem Buch "Helmut Kohl. Meine Jahre mit dem Kanzler der Einheit" (Lingen Verlag 14,95 Euro) findet. Geschrieben hat es Mainhardt Graf von Nayhaus, Berlins dienstältester Journalist, der mehr als 40 Jahre hautnah an der Seite Kohls erlebt hat. Der großformatige Band enthält viele persönliche Fotos des Grafen von Reisen und Begegnungen mit dem Kanzler. Auch Nayhaus weiß mehr über Maike Richter-Kohl. Er schildert zum Beispiel, wie sich die beiden näher kamen. Sie habe als eine der Redenschreiberinnen Kohls ihn zuweilen zu seinen Auftritten begleitet. Das ging so: "Während auf der Hinfahrt zu einer solchen Veranstaltung Kohls Presseintimus Ackermann mit in der Kanzler-Limousine saß, musste er auf der Rückfahrt seinen Platz an Maike Richter abtreten und sich selbst in eines der begleitenden Polizeifahrzeuge zwängen." Später wurde Maike Richter von Kohls Sekretärin Juliane Weber beauftragt, dessen Reisen vorzubereiten. Nayhaus, der oft mit dem Kanzler unterwegs war, schreibt: "Auf einer dieser Unternehmungen kamen sich Kanzler und Maike Richter nach Beobachtungen aus der Begleitung näher."

Vorgestellt in Berlin hat dieses Buch im übrigen Theo Waigel, langjähriger treuer Wegbegleiter Kohls. Weshalb er das tat? Waigel: "Weil das für Helmut Kohl besser ist, als wenn es Geißler, Blüm oder von Weizsäcker getan hätten."

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Ebenfalls sehr lesenswerte neue Kohl-Bücher: Die Biografie "Helmut Kohl" (Rowohlt Verlag 19,95 Euro ), geschrieben von den langjährigen "Spiegel"-Journalisten Hans-Joachim Noack und Wolfram Bickerich. Interessant vor allem deshalb, weil sich die Autoren kritisch mit den zuweilen historisch sehr geschönten Memoiren Kohls auseinandersetzen.

Dann das Buch "Helmut Kohl. Nahaufnahme" (Bouvier Verlag 19,90 Euro). Geschrieben hat es Stephan Eisel, viele Jahre einer der engsten Mitarbeiter Kohls als stellvertretender Leiter des Kanzlerbüros. Ein bemerkenswerter Text, verfasst von einem Mann mit genauem Blick in die Kulissen der Macht des Kanzlers Kohl. Eisels Beobachtung der heutigen Beziehung zwischen Kohl und Angela Merkel: Der Altkanzler beurteile "ihren Weg mit einer Mischung aus persönlicher Verärgerung und Enttäuschung im Zusammenhang mit der Spendendebatte und professioneller Bewunderung über ihre Konsequenz".


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