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Kohl-Söhne bei "Lanz": "Mama, das haben wir für dich getan"

Die Söhne von Altkanzler Kohl lassen kein gutes Haar an der neuen Ehefrau ihres Vaters. Bei Markus Lanz befeuerten sie den Streit. Und gaben einen tiefen Einblick ins Innenleben der Familie.

Von Thomas Schmoll

Diejenige, um die es an diesem Abend über weite Strecken geht, ist nicht eingeladen. Ihr Geist aber ist allgegenwärtig. Peter und Walter Kohl erzählen minutenlang von ihr, nennen sie beharrlich "Maike Richter", manchmal "Maike". Obwohl sie Maike Kohl-Richter heißt. Zufall ist das nicht. Im Gegenteil. Die zwei Söhne des Altkanzlers hätten es am liebsten, dass Maike Richter Maike Richter geblieben wäre und nicht ihren Vater geheiratet hätte. Seit die promovierte Volkswirtin Helmut Kohl ehelichte, ist das Leben der Brüder aus den Fugen geraten. Peter Kohl spricht vom "schleichenden Tod unserer Familie". Um dem Sensenmann Einhalt zu gebieten, ist er am Donnerstagabend zusammen mit Walter Kohl im ZDF zu Gast bei Markus Lanz.

Die Wohnung einer Stalkerin

Walter Kohl formuliert das Ziel des gemeinsamen Auftritts so: "Wenn man so will, ist das heute Abend eine Demonstration ohne Fahnen und ohne Plakate für unsere Mutter, für Hannelore Kohl." Das Publikum klatscht. "Mama, das haben wir für dich getan." Wieder Applaus. Es ist der Beifall zum jüngsten Akt eines Familiendramas, dessen Ende und Ausgang nicht absehbar sind.

Eröffnet worden ist das neue Kapitel durch ein Vorwort von Peter Kohl für die Neuauflage der Biografie "Hannelore Kohl - ihr Leben". Darin rückt der Sohn des Altkanzlers Maike Kohl-Richter in die Nähe einer Stalkerin. Peter Kohl schildert die Berliner Wohnung der Frau als Hort eines Helmut-Kohl-Kultes voller Helmut-Kohl-Fanartikel "zum Zwecke der Heldenverehrung, wie man es vielleicht auch von Berichten über Stalker kennt".

Traumatische Momente vor dem Fernseher

Auch in der Talk-Runde bei Markus Lanz wird schnell klar, was die Brüder von ihrer Stiefmutter halten: nichts. Umso mehr vergöttern sie ihre Mutter. Es ist in jeder Sekunde zu spüren, wie sehr Peter und Walter Kohl noch heute unter dem Selbstmord ihrer Mutter leiden, wie sehr sie an ihr hingen und hängen, wie wichtig sie für sie war und ist.

Ein Erlebnis aus dem Deutschen Herbst illustriert das besonders. Die Kanzlergattin saß mit ihren Jungs - Peter war zwölf, Walter 14 - "in einem Zustand der absoluten Belagerung" vor dem Fernseher, als im Oktober 1977 das Programm unterbrochen wurde, um die Eilmeldung zu verlesen, dass die RAF Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordet hat. Peter Kohl berichtet: "Meine Mutter ist zusammengebrochen, fing an zu schreien." Walter Kohl ergänzt: "Wenn die Mutter schreit und weint, heißt das ja, es gibt eigentlich keine Hoffnung." Denn: "Der letzte Anker ist gelöst." Ein solches traumatisches Erlebnis schweißt zusammen. "Wir sind sehr, sehr eng miteinander als Brüder." Bis heute. Auch das ist bei Markus Lanz permanent zu spüren. Beide ziehen an einem Strang.

Die drei Männer halten zusammen

So haben sie die schwere Zeit überstanden, als sich Hannelore Kohl, schwer krank, am 5. Juli 2001 das Leben nahm. Die Brüder erlebten einen "Moment absoluter Stille", als "die Hölle einfach losbrach", wie es ist, "wenn du deine tote Mutter im Arm hältst" und wie sehr der Suizid den Hünen Helmut Kohl aus der Bahn warf. "Meinen Vater habe ich noch nie so gesehen. Ich war schockiert", erzählt Peter Kohl. Sein Vater sei "handlungsunfähig" und "vollkommen überfordert mit der Situation" gewesen. Er berichtet ohne Wut und Zorn von der Belagerung des Elternhauses in Ludwigshafen durch die Medien. "Es war natürlich ein extrem öffentlicher Selbstmord."

Damals hielten die drei Männer noch eng zusammen. Damals war das Leben der Kohls aus Sicht der Söhne noch in Ordnung. Dann kam die Frau, die damals noch Maike Richter hieß. Das Familiendrama nahm seinen Lauf.

Eine Hochzeit, die Fakten schafft

Die Brüder machen keinen Hehl daraus, dass sie die neue Frau ihres Vaters ablehnen. Auch wenn sie das nicht immer sagen, ist es aus fast jedem Satz zu hören. Selbst wenn Lanz nur fragt: "Wie haben Sie Maike Richter (im April 2004) kennengelernt?" kommt eine distanzierende, ins Lächerliche gehende Antwort. Peter Kohl: "Ganz normal. Guten Tag." Lanz: "Ist schon klar." Also wie? "Es war sehr eigenartig." In einem Café habe "Maike" ihren Bruder als "Kohleaner" bezeichnet. Er, Peter Kohl, habe sie, "wahrscheinlich auch, um ein bisschen zu provozieren", zurückgefragt: "Dein Bruder ist Koreaner?" Eine solche Veralberung und Provokation ist natürlich nicht unbedingt eine Basis für eine gute Beziehung und konterkariert die Aussage der Brüder, sie hätten ihrem Vater eine neue Beziehung gegönnt und sie befürwortet.

Im Laufe der Jahre entfremdeten sich die Kohl-Söhne von Maike Kohl-Richter immer mehr. Die Brüder sehen den Wendepunkt 2008, als Helmut Kohl einen schweren Unfall hatte und eben heiratete. "Ich weiß nicht, ob das eine Beziehung im klassischen Sinne auch ist, ganz ehrlich", sagt Peter Kohl. Bis 2008 sei Maike Kohl-Richter nur die "Propagandaabteilung" des Altkanzlers gewesen. Sein Bruder Walter orakelt: "In dem Moment der größten Schwäche (Kohls), nehme ich mal an, hat sie die Seinsfrage gestellt und gesagt, das muss jetzt so und so sein und dann wurde es so gemacht." Er meint damit auch "das zwangsweise Verabschieden von wichtigen Gefährten meines Vaters". Mit der Hochzeit seien "Fakten geschaffen" worden, die er und sein Bruder aus der "Bild"-Zeitung erfahren hätten.

Sie machen es sich (zu) leicht

Der Kontakt zum Vater ist inzwischen gleich null. Die Brüder fühlen sich abserviert, machen ihre Stiefmutter dafür verantwortlich und wollen vermeiden, dass das Ehepaar Hannelore und Helmut Kohl, das Sohn Peter ein gut 50-jähriges "Powerteam" nennt, in Verruf gerät. Sobald die Brüder auf das zu sprechen kommen, was nicht in das Bild vom wunderbaren oder gar heiligen Kanzlerehepaar passt, schweigen sie oder machen nur Andeutungen. Als Walter Kohl sagt "Meine Eltern waren 50 Jahre zusammen, wie man so schön sagt", deutet er "Tüttelchen", also Anführungsstriche, über "zusammen" an. Man kann erahnen, dass im Hause Kohl nicht immer frei über Gefühle gesprochen wurde. "Ich glaube, mein Vater ist ein Überbegabter in dem Thema Politik und Macht. Und er ist dort sensationell gut", meint Peter Kohl. Leute mit besonderer Begabung hätten "gewisse andere Defizite". Lanz möchte ein Beispiel hören. Peter Kohl sagt: "Vielleicht nicht so ein starkes Interesse am täglichen Leben von gewissen Dingen", antwortet sein Gast.

Walter Kohl berichtet, dass ihm einer der "engsten Vertrauten" des Altkanzlers auf dessen 75. Geburtstagsfeier gesteckt habe, dass sein Vater seit den 90er-Jahren mit Maike Richter "in einem Verhältnis war". Das "war" lässt schon aufhorchen. "Das ist heute für mich gar kein Thema mehr. Das ist nämlich im Rückblick, und das ist eine große Veränderung auch in der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Gefühlslage, jetzt einfach ein Teil einer Realität geworden", sagt Walter Kohl. "Das ist das Leben meiner Mutter und meines Vaters. Das ist nicht mein Leben. Da muss ich mich nicht zu äußern." Es sind solche Sätze, mit denen es sich die Brüder leicht machen - und an Glaubwürdigkeit verlieren.