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Helmut Kohl: Bewegendes Bekenntnis zu sich selbst

Der schwere Sturz, bei dem er ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt, ist 15 Monate her. In Stuttgart, bei der Verleihung des Hanns-Martin-Schleyer-Preises trat Helmut Kohl jetzt zum ersten Mal wieder an die Öffentlichkeit. Es war ein bewegend mutiges Bekenntnis zu sich selbst.

Von Hans Peter Schütz

Volker Kauder hat vor kurzem einen Brief an den Altkanzler geschrieben und ihn darin um ein Wiedersehen gebeten, da er ihn schon so lang nicht mehr gesehen habe. Helmut Kohls Antwort an den CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden war typisch Kohl: "Bleiben Sie dort! Sie haben in Berlin genug zu tun. Ich bin bald wieder in Berlin, dann treffen wir uns." Jetzt steht Kauder im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart und wartet wie 450 andere Gäste. Bei der katholischen Kirchengemeinde in Böblingen hat er einen Termin abgesagt. "Das ist doch klar. Für eine solche Ehrung meines Altkanzlers sage ich alles ab, um dabei zu sein."

Der "Bundeskanzler a.D." wie es in der Einladung zum Festakt heißt, sitzt sehr aufrecht, sehr starr im Rollstuhl, als er in den Saal geschoben wird. Sein Blick wirkt leblos. Kein Lächeln. Der 79-Jährige betrachtet starr einen Zettel in seiner Hand. Das Blitzlichtgewitter der Fotografen vor ihm scheint er nicht wahrzunehmen. Noch immer überragt dieser Mann um Kopfhöhe alle, wie früher, wenn er irgendwo im Kreise seiner Parteifreunde saß. Neben ihm seine Frau Maike Richter, in Kostümjacke, rot natürlich, denn das ist ihre Lieblingsfarbe. Ein halbes Jahr nach dem Freitod von Kohls erster Frau Hannelore ist sie bei ihm aufge-taucht, gekannt haben sie sich vermutlich schon früher, denn sie hat in der wirtschaftspolitischen Abteilung des Kanzleramts gearbeitet. Vor einem Jahr haben sie geheiratet, die beiden Söhne Kohls waren nicht eingeladen.

Kohl hat seinen Genesungsurlaub für die Ehrung unterbrochen. Als er dann nach der Laudatio durch seinen Freund Jean-Claude Juncker, den Premierminister von Luxemburg, über eine Rampe auf die Bühne geschoben wird, ist klar, wie unsinnig schönmalend viele Berichte über seinen Gesundheitszu-stand gewesen sind, die seit einigen Monaten in Berlin kursierten. Da saß nicht jener Helmut Kohl, von dem gut meinende Freunde in Berlin schon Ende vergangenen Jahres erzählten, er schreibe zu Haus in Oggersheim am vierten Band seiner Memoiren. Die müssten schließlich am 9. November erscheinen.

Da saß jener Helmut Kohl, über den die Handvoll Menschen, die ihn während der letzten zwölf Monate besuchen durften, stets nur unter vier Augen und der Bitte um Verschwiegenheit berichtet hatten. Ein Mann, der ohne stützende und beschirmende Hände nicht laufen könne. Der schnell ermüde. Der sich auf der mühsamen Suche zurück zu einer Sprache befinde, die klar artikuliere. Und dass daher zuweilen schwer zu verstehen sei, was er sage.

Zaghaftes Lächeln

Das ist auch an diesem Abend so. Es ermattet ihn sichtlich, als der Parallel-Preisträger Professor Joachim Milberg das Publikum mit einem endlos lang wirkenden Vortrag über das "Innovationsklima in Deutschland" strapaziert. Ein erstes zaghaftes Lächeln tritt in Kohls Gesicht, als ihm sein Publikum stehend minutenlang applaudiert. Dann blickt er auf den Zettel in seiner Hand. Sein rechter Fuß tippt nervös im Sekundentakt auf den Boden. Man spürt fast körperlich die Spannung in diesem Mann, als er den Satz sagt: "Dies ist heute mein erster öffentlicher Auftritt. Ich hab ihn mir lange überlegt." Immer wieder zittert seine Stimme durch die Anstrengung, die es ihm fast unmöglich macht, ein "S" zu sprechen. Sein rechter Mundwinkel will ihm zuweilen nicht gehorchen.

Im Weißen Saal des Neuen Schlosses sitzen an diesem Abend viele Menschen, die zurück denken an den Helmut Kohl, mit dem sie die wichtigsten Phasen ihres Lebens gegangen sind. Wie der ihnen stets beigebracht hat wie die politische Sache läuft. Nicht eine Sekunde Langeweile ließ er in den Gesprächen zu, weil er immer hungrig war nach Unterhaltung und neuen Informationen, vor allem auf jene aus der eigenen Partei. Journalisten erinnern sich, wie er ihnen auf den Ausflügen von Bonn in die Pfalz in der Gartenwirtschaft ein Stück Apfelkuchen auf den Tisch geknallt hat und ihnen dann blitzschnell die Hälfte davon vom Teller stibitzt hat. Um anschließend eine weiteres Stück zu bestellen, "weil das den Schreiberling endlich auf gute Gedanken bringt."

Politik von Mensch zu Mensch

Anton Pfeifer, früher ein engster Vertrauter des Kanzlers, blinzelt hinauf zu dem Mann da oben im Rollstuhl. Und denkt vermutlich daran zurück, wie der ihn zu seinen Zeiten im Kanzleramt zuhause in Reutlingen anzurufen pflegt. "Toni, was machst du?" Und dann wissen wollte, weshalb im CDU-Ortsverein darüber gemeckert werde, dass er sich mit DDR-Chef Erich Honecker getroffen habe. Könnten die denn nicht begreifen, dass Politik von Mensch zu Mensch und nicht anders betrieben werden könnte?

Es ist ungewiss, wie viele der Menschen, die an diesem Abend dasitzen, ebenso fasziniert hinauf zu diesem Mann blicken. Gewiss denken einige: Muss denn das sein? Muss man diesen Helmut Kohl so vorführen? Der Mann war schließlich 16 Jahre Kanzler. Er ist unser Kanzler der Einheit, ist doch egal, ob Hans-Dietrich Genscher zuweilen so schnell die Fehler kaum aufbügeln konnte, wie er sie machte. Vielleicht erinnern sich beim Blick auf diesen Mann auch einige an die Parteispendenaffäre Kohls. Oder daran, dass sein CDU-Ehrenvorsitz seither ruht. Natürlich dürften auch einige seiner Zuhörer gerne wissen wollen, wie er heute über Angela Merkel denkt, oder über Wolfgang Schäuble.

An diesem Abend gibt es dazu keine Antworten. Mit Ausnahme von Gerhard Mayer-Vorfelder, einer langjährigen CDU-Größe Baden-Württembergs, der sagt: "Im Gegensatz zu Angela Merkel sagte Kohl immer, was er will. Bei ihm hat man immer gewusst, wo er steht."

Doch vermutlich niemand dürfte während der kleinen Rede Kohls in den Kategorien der alltäglichen Politik gedacht haben. Denn das Auditorium erlebte ein bewegendes Bekenntnis Kohls zu seinem von der RAF ermordeten Freund Hanns Martin Schleyer. "Ich habe mit Hanns Martin Schleyer einen Freund verloren," sagt er. Dreimal wiederholt er diesen Satz. So steht es bestimmt nicht auf dem Zettel, der in seinen Händen zittert. "Freundschaft kann nur funktionieren," fährt er mit bewegter Stimme fort, "wenn sie im Innersten unserer Seele und unserer Herzen funktioniert."

Bekenntnis zum toten Freund

Das war nicht nur ein bewegendes Bekenntnis zu seinem toten Freund. Das war ein Bekenntnis des Helmut Kohl zu sich selbst. Er hat diesen gewagten Schritt in die Öffentlichkeit nicht für die eigene Person getan. Er riskierte ihn für Hanns Martin Schleyer. Den Mann, der dem politischen Machtmenschen Helmut Kohl vermutlich seine schwerste Stunde bereitet hat. Die Stunde jener Entscheidung im RAF-Krisenstab des Helmut Schmidt, als alle Anwesenden 1977 gemeinsam die Entscheidung fällten, sich mit der Todesdrohung gegen Schleyer nicht von den Terroristen erpressen zu lassen. Der Gedanke daran, dass er seinen Freund aus Gründen der Staatsraison opfern musste, das dürfte, wie bei den Worten Kohls zu spüren war, ihn bis heute an den Rand menschlicher Verzweiflung führen.

In den Augen vieler der anwesenden alten Weggefährten Kohls stand Ergriffenheit beim Blick auf diesen Mann im Rollstuhl und der ergreifenden Anstrengung des Abschieds von seinem toten Freund. Volker Kauder war glücklich, ihn so erlebt zu haben. "Das war im höchsten Maße bewegend."