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H&M-Kollektion "M by Madonna": Diva im Dienste der Massen

Mal stemmt sie ihre Arme provokant in die Hüften, mal legt sie ihr gespreiztes Bein auf den Tisch: Die Straßen sind derzeit gepflastert mit Madonna-Plakaten, die für ihre neue H&M-Kollektion wirbt. stern.de traf die Diva zu einem Gespräch, dessen Umstände aufschlussreicher waren als der Inhalt.

Von Dirk van Versendaal

"No sports, no rocks" - Keine Sportler, keine Rockmusiker wolle er noch interviewen - dieser eiserne Grundsatz des legendären CNN-Talkmasters Larry King entsprang keiner Laune, sondern der jahrelangen beruflichen Erfahrung als Fragesteller. Natürlich, Madonna ist keiner der beiden Berufe zugehörig, ist weder das eine noch das andere, doch sie ist die perfekte Mischung aus beidem: eine durchtrainierte Pop-Diva. Ich hätte es also wissen müssen.

Andrerseits: Wer winkt ab, wenn er Madonna zum Gespräch treffen kann? Niemand. Selbst dann nicht, wenn die von der Entertainerin festgelegten Prämissen nichts Gutes erwarten lassen: Maximum 15 Minuten, ein Bandaufnahmegerät lasse sie ebenso wenig zu wie Fragen zu den Themen Adoption, Ehe- und Privatleben, so ihre Direktiven. Einzig Fragen zum Thema Mode wolle sie zulassen - Anlass des gnädig gewährten Interviews ist schließlich die Präsentation von "M by Madonna", eine Kollektion, die in Zusammenarbeit mit und für den schwedischen Textilriesen Hennes & Mauritz entstanden ist.

Es ist bereits die zweite Kooperation zwischen dem Filialisten und Madonna. Im August 2006 hatte H&M einen Jogginganzug im Retro-Stil angeboten, den die Amerikanerin nicht nur auf ihrer Welttournee werbewirksam vorführte, sie hatte ihn auch mitentwickelt. Außerdem wurden in den H&M-Filialen Teile aus der Kollektion verkauft, die Madonnas Crewmitglieder als Offstage-Outfit für die letztjährige Tournee ausgewählt hatten.

Türöffner für China

Warum die Wahl der Schweden auf die amerikanische Pop-Ikone fiel, ist offensichtlich: Madonna soll der Türöffner der Schweden für den asiatischen Markt sein, insbesondere für China. Um den Hype um die erste asiatische Filiale anzuheizen, die in der vergangenen Woche in Hongkong eröffnete, hat das Unternehmen die "M by Madonna"- Kollektion dort auch bereits vorab verkauft. Einige Kunden, heißt es, haben die Nacht vor der Store-Premiere vor dem Geschäft verbracht.

Damit ähnliches auch anderswo geschehe, gewährt die 48-jährige Diva jetzt also ein gutes Dutzend exklusiver Interviews in einer Sitzecke der Artesian Bar des noblen Londoner Langham-Hotels, dort wo die Regent Street an den Portland Place stößt. Die Unterhaltungen finden zwischen acht und zehn Uhr abends statt - während drumherum eine kleine Party steigt und lang gewachsene Models die etwa dreißig Teile umfassende Kollektion durch den Raum spazieren führen.

Entstanden ist die Kollektion, zu der auch Accessoires wie Taschen, Schuhe und Brillen gehören, im Laufe mehrerer Treffen zwischen dem umtriebigen Pop-Star und der H&M-Designchefin Margareta van den Bosch. Das erste Mal traf man sich im Juni 2006 in Chicago im Juni 2006, später dann in New York, Barcelona und immer gerade dort, wo es terminlich passte. Dass ausgerechnet heute Abend ein Zusammentreffen beinahe gescheitert wäre, ist dem Security-Personal Madonnas zuzuschreiben. Das hielt Margareta van den Bosch offenbar für nicht trendy, cool, hip oder wichtig genug, ihr Einlass zur Party zu gewähren. Es bedurfte der Überredungskünste einiger Journalisten, van den Bosch Zugang zu jener Bar zu verschaffen, in der bereits Texas-Sängerin Sharleen Spiteri sowie Stella McCartney und Pucci-Designer Matthew Williamson mit Schampus auf ihr süßes Leben anstießen.

Nicht besonders aufschlussreiche Antworten

Madonna erschien zur Audienz im weißen, selbst entworfenen H&M-Satinkleid, mit blonden Haaren und leider auch mit ihrer PR-Beraterin, die sämtlichen Interviews beiwohnt, um mit intensiven Blicken oder Hinwiesen auf die verrinnende Fragezeit einzugreifen, wenn das Gespräch sich zu sehr vom Erwünschten entfernte. Weshalb das Erfragte nicht einmal in einer scharfen Verkürzung sonderlich aufschlussreich ist. Weshalb es auch gar nichts macht, dass manche der Fragen und einige der Antworten im Lärm der Musik untergingen.

Ja, die Arbeit an der Kollektion habe ihr Spaß gebracht, sie habe sich an ihren liebsten Kleidungsstücken inspirieren lassen, nein, sie wisse nicht, ob das Phänomen des Celebrity-Dressing als Marketing-Instrument nicht längst übertrieben worden sei. Nein, sie könne nicht sagen, was passiere, wenn sie als Kundin einen H&M-Shop betrete, denn sie gehe seit Jahren nicht mehr auf Shopping-Tour, und wenn mehrfache Millionärinnen sich bei H&M einkleiden, dann sei das nicht snobistisch, sondern das Gegenteil. Ja, wenn sie jetzt wirklich wählen müsste, dann wäre sie lieber der Couturier Jean-Paul Gaultier als der schwerreiche H&M-Eigner Stefan Persson, und was sie denn tue, wenn sie mal ganz alleine sei?

Bücher lesen.

Nein, ich fühle mich nicht alt.

Ich würde eher sagen: Das Showbusiness ist nichts für Weicheier.

Danke, es war mir eine Freude, Sie kennen gelernt zu haben.

Kurz nach zehn Uhr boten die Models, verstärkt von einer professionellen männlichen Tanztruppe, noch eine nette Tanzeinlage, der Madonna leider nur beiwohnte, nicht selber teilnahm. Auf ihrer eigenen Party weilte die Pop-Diva dann nicht mehr allzu lange. Da gab es nämlich noch die wirklich wichtige Einladung dieses Abends: Sir Elton John feierte seinen Sechzigsten und hatte in die Shoreditch Town Hall eingeladen, was Rang und Namen hat in London. Da durfte Madonna nicht fehlen.

Die Kollektion "M by Madonna" ist ein gelungenes Joint Venture, wunderbar gelungen sogar und ab dem 22. März auch in den deutschen H&M-Läden käuflich zu erwerben. Um das herauszufinden, hätte es zwar kein "Interview" mit Madonna gebraucht, aber manche Erfahrungen im Leben muss man eben selber machen.