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HAUTE COUTURE: Trotz Krise wieder kreative Höchstleistungen

Am dritten Tag der Pariser Schauen zeigen Karl Lagerfeld und John Galliano für die Häuser Chanel und Dior ihre Modelle für die kalte Jahreszeit - und das mitten im Hochsommer.

Der Countdown läuft langsam, aber unaufhaltsam. Im Januar trat Yves Saint Laurent mit großer Abschiedsinszenierung ab, kurz darauf verabschiedete sich auch Fèraud aus dem erlauchten Kreis der Pariser Maßschneider. Fast jede Saison verliert die Haute Couture ein paar Mitglieder. Noch nie waren die großen Namen jedoch so rar wie auf den noch bis zum Donnerstag laufenden Defilees Herbst-Winter 2002/03. Ganze zehn Häuser erfüllen mittlerweile noch die Bedingungen zur Vollmitgliedschaft in der Chambre Syndicale de la Couture Parisienne, der Standesvereinigung der Branche. Als erste Konsequenz reduzierte sich jetzt der Schauenkalender um einen Tag auf nunmehr vier.

Nach dem angekündigten Abschied seines Chefdesigners Oscar de la Renta steht Pierre Balmain demnächst ohne kreative Führung da. Schließt das Maßatelier für immer? Balmain dementiert und kündigt für den Herbst die Präsentation eines Nachfolgers an.

Karl Lagerfeld zwischen Strenge und Opulenz

Eines der wenigen Häuser, das die gigantischen Kosten durch Verkäufe wenigstens abfedern kann, ist - auch wenn offizielle Zahlen fehlen - nach Meinung der Modeexperten Chanel. In der Show am Dienstag bewies Designer Karl Lagerfeld wieder einmal, warum. Im Stehkragen hoch geschlossen mit knielangen Röcken in Trapezform, so sehen die Chanel-Kostüme des kommenden Winters aus. Unterfütterungen aus Tüll, der mit funkelnden Ringen behangen ist, blitzen hervor und geben dem Rock einen Petticoat-Charakter. Weiße Kragen-Akzente brechen die dunklen Farben. Im Abendthema wiederholt sich der Kontrast zwischen Strenge und Opulenz, schmale Kleider erhalten wuchtige Borten und raschelnde Ketten am Saum.

Bernard Arnault, Chef des Luxusimperiums LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton, gibt stets unumwunden zu, in der Haute Couture vor allem ein Marketing-Instrument für Parfums und Accessoires zu sehen. Immerhin hält er mit diesem Pragmatismus drei Ateliers am Leben: Christian Lacroix, Givenchy und Christian Dior. Letzteres lieferte am Montag das gewünschte Spektakel.

Spitz-brüstig und hochschwanger

John Galliano, der englische Chefdesigner bei Dior, kreuzte Einflüsse quer durch die Weltgeschichte. Armee-Parkas verformen sich zu wuchernden Mänteln. Afrikanisch inspirierte Körperskulpturen lassen Frauen spitz-brüstig und hochschwanger aussehen. Eine opulente Denim-Schleife soll, nach Angaben des Pressetextes, ein Top sein. Tragbarkeit? Unter all der Theatralik findet man ein paar Baby-Dolls mit traumhaften Drapierungen.

Junge Designer zwischen den großen Namen

Inmitten der großen Namen versuchen sich immer wieder junge Designer, ermutigt durch vereinfachte und damit kostenfreundlichere Aufnahmekriterien. Der Iraner Morteza Pashai gehört seit zwei Jahren zu dieser Gruppe. Orientalische Borten umrahmen seine Dekolletees, bunte Paspeln fassen die Kanten ein. Barbusigkeit neben Tschador- Zitaten wirkten auf das Publikum allerdings äußerst befremdlich.

Versace war Höhepunkt der Show

Donatella Versace gelangen am Montagabend einige der schönsten Modelle der bisherigen Shows. In ihre Kollektion Atelier Versace trafen sich Madame Pompadour, Boudoir-Intimität und die Versace- typische Prise Rock ?n? Roll. Brokat, Samt und Seide gruppieren sich zu Patchworkarbeiten, üppig und prachtvoll für Mantel und Hose, phantasievoll für Kostüme und romantisch beim Abendthema mit den Bustier-Kleidern. Viele Intarsien-Optiken prägen die Oberflächen. Rüschen fallen teils Wasserfall-artig herab. Butterweich hingegen ist der Griff in das glänzende Krokodilleder. Und alles wird auf kurvige Silhouetten umgesetzt.