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Jil Sander: Die Braut sticht ins Auge

Raf Simons hat als neuer Chefdesigner Jil Sander wieder attraktiv gemacht. Prompt schnappte sich ein Investor die Schöne. Und nun?

Überraschend war nicht, dass es tatsächlich passierte. Die Überraschung war der Zeitpunkt. Gerade drei Tage nachdem die Firma Jil Sander bei den Mailänder Damenmodenschauen für ihre modische Wiederauferstehung gefeiert worden war, wechselte der Laden den Besitzer. Patrizio Bertelli, Chef des italienischen Luxusgüterkonzerns Prada, gab die nach ihrer deutschen Gründerin benannte Marke an die britische Investorengruppe Change Capital Partners ab. Zum Portfolio von CCP gehören eine dänische Sportswear-Firma und die britische Modekette Republic. Gegründet wurde das Unternehmen 2003 vom Aufsichtsratschef des französischen Handelskonzerns Carrefour, Luc Vandevelde. Der Preis und nähere Einzelheiten des Verkaufs wurden ebenso wenig bekannt wie die Strategie, die die Private-Equity-Firma mit dem Ankauf der Edelmarke Sander verfolgt.

Nur so viel steht fest: Die Übernahme hat weder etwas Glamouröses noch etwas Sander-Minimalistisches. Hier geht es um Kostensenkung und Ertragssteigerung auf beiden Seiten - bei Prada, wo Sander-Geschäftsführer Gian Giacomo Ferraris den Konzern stringent umbaute, seit Frau Sander ihr Unternehmen Ende 2004 zum zweiten Mal verließ; ebenso bei "Lucky Luc", so der branchenübliche Spitzname des neuen Eigners. CCP-Partner Stephan Lobmeyr erklärte zwar: "Wir haben ein klares Investitionsprogramm für Jil Sander" - doch Firmenchef Vandevelde ist vor allem als eiskalter Sanierer bekannt: Beim englischen Kaufhauskonzern Marks & Spencer verantwortete er einst als Manager 4400 Entlassungen - und strich bei seinem Abschied noch eine Abfindung von sechs Millionen Euro ein.

Designer als Mitgift

Und was sagt der Mann, der die Übernahme von Jil Sander überhaupt erst möglich gemacht hat? Dessen Kollektion einhellig bejubelt wurde, weil sie den Entwürfen der Gründermutter sehr nahe kam, ohne sie zu imitieren? Für den Moment: gar nichts. Denn der Belgier Raf Simons, im vergangenen Sommer zum neuen Chefdesigner berufen, erfuhr wie alle anderen Sander-Angestellten erst ganz spät von seinem neuen Arbeitgeber. Simons ist Teil des Deals, sozusagen die Mitgift für die Braut, die auf ihrer eigenen Hochzeit verkauft wurde. Denn dass die "Braut schön gemacht" werden sollte, wie es der Sander-Betriebsrat Ende vorigen Jahres formulierte, war spätestens klar, seit Prada in der Hamburger Zentrale 143 von 181 Stellen strich und die Produktionsstätte im schleswig-holsteinischen Ellerau mit rund 160 Beschäftigten ebenso stilllegte wie den alteingesessenen Hamburger Showroom.

Man kann es als Ironie des Schicksals deuten, dass ausgerechnet der als Ästhet und Künstler bekannte Simons nun an einen Arbeitgeber wie CCP geraten ist. Ließ der 38-Jährige doch unlängst verlauten, dass es ihn sehr unglücklich machen würde, urteilten die Leute eines Tages über ihn: "Raf macht nette Anzüge, die sich gut verkaufen." Und jetzt? Steckt er in der Klemme. Denn entweder seine Entwürfe verkaufen sich, und zwar rasch, oder er ist seinen Job als Kreativdirektor wieder los. Schließlich sind Investmentgruppen gewinnorientiert und ungeduldig, ein Siechen in Schönheit verzeihen sie nicht.

Es fehlte an gewinnbringenden Accessoires

Auch einem Herrn Simons nicht, der als einflussreichster Männermode-Designer der vergangenen zehn Jahre gilt. Was er entwirft, kopieren alle anderen. Das gilt, seit er 1995 mit einer Kollektion herauskam, die sich durch schmal geschnittene Anzüge auszeichnete und mit ihren linearen Silhouetten bis heute trendbestimmend ist. Was immer Raf, der in der belgischen Provinz Limberg aufwuchs, auf den Laufstegen zeigte - Schuluniformen, Kapuzenanzüge, taillierte Jacketts -, wurde später auf der Straße getragen. Und wenn die Männer in fünf Jahren wieder mit kantigen, weit geschnittenen Sakkos umhergehen, wird das die Schuld von Raf Simons sein, der solches bei seiner Sander-Premiere im Januar präsentierte. "Ich glaube an diese neue Form", sagt er. "Sie wird kommen, auch wenn es eine Zeit dauern wird."

Tatsächlich dürfte der gelernte Industriedesigner Simons die letzte Chance für Jil Sander sein. Weil "Bertelli il Duce" ("L'Espresso") und "Gentle Jil", wie die Amerikaner sie nannten, nicht miteinander konnten, war es seit 1999 weiter bergab gegangen. Bertelli wollte aufwendiges Handwerk kostengünstig in den Prada-Betrieben produzieren lassen - Sander lehnte ab. Weil die Accessoires nur 15 Prozent zu den Erlösen beitrugen, drängte Bertelli, mehr Schuhe und Taschen zu produzieren. Besonders hier ließ die Norddeutsche offenbar Engagement vermissen. "Irgendwann", erzählt Bertellis Gattin Miuccia Prada, "hat man sich nicht einmal mehr getraut, Frau Sander um ihre Mitarbeit zu bitten."

Schwierige Kooperationen von Mode und Management

Nun muss sich Sander unter CCP in die Serie von Übernahmen einreihen: Potente Finanzinvestoren schnappen sich Modehäuser, seit 1984 der skandalumwitterte Bernard Tapie das "Maison Madame Grès" erwarb, ein traditionelles französisches Haute-Couture-Haus. Bereits wenige Jahre später wurde es wieder verkauft. In den folgenden Jahrzehnten zahlte sich weder die Sammellust des spanischen Holding-Bosses Mariano Puig (Paco Rabanne/Nina Ricci) aus, noch der Versuch der Schweizer Investmentgesellschaft Leman Capital, das Pariser Modehaus Guy Laroche wieder auf Trab zu bringen. Welchen Nutzen es für die Luxusmarke Valentino bringen wird, dass sie an eine italienische Holding um Fiat verkauft worden ist, bleibt ungewiss. Ebenso wie die Zukunft von Christian Lacroix unter der amerikanischen Duty-Free-Kette Falic Group - und die von Tommy Hilfiger unter Apax Partners. Taugen solche Koalitionen im Modebereich überhaupt? Michael Zaoui von der Investmentbank Morgan Stanley: "Die Interaktion zwischen Kreativität und Management ist äußerst kompliziert. Es wird schnell übersehen, wie schwierig talentierte Leute sein können."

Wie ungern sich Raf Simons kommerziellem Druck aussetzt, ist bekannt. "Schon möglich, dass ich in zwei Jahren mit der Mode aufhöre", ließ er kurz vor dem Weiterverkauf von Jil Sander wissen. "Mode ist nicht meine größte Leidenschaft, sondern Kunst. Sie beruhigt mich, entspannt mich, sie ist wie ein Urlaub." Bleibt die Frage, wie viel Leidenschaft Finanzinvestoren für einen Modemacher empfinden, den der Verkauf netter Anzüge allein nicht glücklich macht.

Dirk van Versendaal / print