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Interview

BHs für kleine Brüste: "Eine Brust kann nicht falsch sein": BH-Label-Gründerinnen über fehlgeleitete Schönheitsideale

Body Positivity ist in aller Munde. Wir alle sollten uns endlich lieben, wie wir sind. Doch bei den Brüsten hört das meist auf. Hier gilt immer noch: je größer, desto schöner. Damit muss endlich Schluss sein, sagen Gabriele Meinl und Bianca Renninger, Gründerinnen des Lingerie-Labels aikyou, im Interview mit dem stern.

Diese Frauen haben ein BH-Label für kleine Brüste gegründet

Die Gründerinnen von aikyou: Bianca Renninger (li.) und Gabriele Meinl

Ein Busen ist ein Busen ist ein Busen. Nicht mehr und nicht weniger. Und doch ist der Busen immer ein Thema, wenn es bei Frauen um Attraktivität geht. Brüste stehen nicht nur im Zentrum der männlichen Sexualität. Sie sind so viel mehr. Sie ernähren ein Kind, lassen Frauen ihre Weiblichkeit spüren und sind letztlich ein Körperteil, das untrennbar zum weiblichen Körper gehört. Das gilt für große und auch kleine Körbchengrößen.

Und da kommen Bianca Renninger und Gabriele Meinl ins Spiel. Sie sind die Gründerinnen des Lingerie-Labels aikyou. Sie finden: "Kleine Busen sind hinreißend schön. Und zwar so, wie sie sind." Und deshalb verkaufen sie BHs in kleinen Größen. Das kleinste Körbchen ist AA. Sie verzichten komplett auf Push-ups und Bügel, denn genau darum geht es: Ein kleiner Busen benötigt keinen Push. Er ist gut so, wie er ist. Der Wunsch der Gründerinnen ist es, dass sich jede Frau mit kleinem Busen in ihrer Unterwäsche wunderbar feminin fühlt.

Der stern hat mit Gabriele Meinl über die Schönheit kleiner Brüste, fehlgeleitete Schönheitsideale und schöne Wäsche für kleine Brüste gesprochen.

Frau Meinl, ist der Begriff Body Positivity inzwischen zu inflationär genutzt? Jeder macht sich stark für Body Positivity, aber was bewirkt das eigentlich noch?

Was kleine Brüste betrifft, sehen wir da leider keine positive Veränderung. Gerade neulich haben wir wieder abfällige Kommentare auf Facebook erhalten, im Sinne von "wer kleine Brüste hat, braucht überhaupt keinen BH" oder dass unsere BHs "die Brüste noch kleiner aussehen lassen" – inhaltlich völlig unsinnige Bemerkungen. Und diese abwertenden Seitenhiebe kommen von Frauen!
Ob man mit kleinem Busen einen BH tragen möchte und welchen, ist ja wohl ausschließlich eine persönliche Entscheidung. Es geht auch noch schlimmer, wie bei Stefanie Giesinger, die sich kürzlich öffentlich gegen Hate-Bemerkungen über ihre kleinen Brüste auf Instagram gewehrt hat. Wir haben manchmal den Eindruck, je mehr über Body Positivity geredet wird, desto schärfer und bissiger wird unterschwellig der Ton.

Kann man Feministin und trotzdem unzufrieden mit seinem Busen sein?

Natürlich, denn das eine ist eine bewusste Haltung, das andere eine unbewusste Prägung. Wir wachsen alle mit Schönheitsidealen auf und werden davon beeinflusst, ob wir wollen oder nicht. Das sieht man ja schon bei Teenagern und was sie über Brüste lernen, wie diese zu sein haben, was als weiblich betrachtet wird. Aber wir können uns damit auseinandersetzen und uns klar machen, dass es sich da nur um ein Klischee handelt. Und das lässt sich verändern.
Außerdem müssen wir uns das doch im Wortsinn gar nicht anziehen, also auch keine vergrößernden BHs bei kleinen Brüsten.
Worum es geht, ist doch, dass wir uns und anderen grundsätzlich liebevoll begegnen und nicht ständig mit überzogenen Erwartungen. Dann können wir auch mit dem Verständnis von Weiblichkeit und "kleinem Busen" viel entspannter umgehen!

Ein schöner BH für einen schönen, kleinen Busen: Das ist das Ziel von aikyou. Hier das Modell MIA (rund 90 Euro).

Ein schöner BH für einen schönen, kleinen Busen: Das ist das Ziel von aikyou. Hier das Modell MIA (rund 90 Euro).

Was in Bezug auf Selbstbild/Selbstliebe bei Frauen hat sich Ihrer Meinung nach seit Unternehmensgründung geändert?

Viele freuen sich, weil wir kleine Brüste großartig finden, so, wie sie sind, und dafür spezielle Unterwäsche designen, ganz ohne Bügel und Push-up. Das wirkt offensichtlich wie ein langerwartetes Signal. Es bestärkt darin, sich mit kleinen Brüsten gut fühlen zu können, ohne sie vergrößern zu müssen. Wir bekommen oft tolles Feedback zu unseren besonderen Schnitten, im Sinne von: "Danach habe ich schon immer gesucht."

Leider erleben wir aber auch, dass viele sich mit einer kleinen Brust immer noch unwohl fühlen und dem Trend folgen, diese zu kaschieren und zu verstecken. Wenn wir also Unterwäsche speziell für kleine Brüste designen, ist unsere Botschaft: Wir müssen uns nicht an einschränkenden Schönheitsidealen orientieren, die nichts mit uns persönlich zu tun haben. Das finden wir wichtig, erst recht für die heranwachsende nächste Generation! Jede Person mit kleinem Busen soll sich mit ihrer Brust und ihrem Körper wohlfühlen können, attraktiv und feminin.

Haben Frauen an Sie inzwischen andere Fragen/Ideen/Wünsche?

Die Fragen, die wir erhalten, sind immer sehr persönlich. Wir glauben, das kommt daher, dass wir kleine Brüste so offen thematisieren. Jede Brust ist anders, und deshalb gibt es dazu großen Gesprächsbedarf. Wir beraten mit Leidenschaft, und es begeistert uns jedes Mal, wenn wir jemandem weiterhelfen können. Natürlich erreichen uns auch ganz konkrete Wünsche.
Unsere BHs sind zum Beispiel aus Prinzip nicht vergrößernd gepaddet. Manche Frauen mögen es nun nicht, wenn sich ihre Brustwarzen abzeichnen, wollen aber trotzdem unsere Schnitte tragen. Darum sind wir immer wieder gebeten worden, hierfür doch etwas anzubieten. Das Ergebnis ist unser BH Noomi, in den man optional ein Padding einlegen kann. Es geht eben darum, einen individuellen Weg zu finden, seine Weiblichkeit zu unterstreichen, und vor allem so, wie es dem eigenen Körper entspricht.

Egal ob groß oder klein: Der Busen steht immer im Interesse. Glauben Sie, dass es irgendwann eine Abkehr vom Busen als offensichtliches Attraktivitätsmerkmal geben könnte?

Dafür sehen wir im Moment wirklich keine Anzeichen. Aber das wäre ja auch gar nicht nötig. Denn ob jemand als attraktiv wahrgenommen wird, das beschränkt sich niemals nur auf die Brust, selbst wenn die ein Hingucker ist, sondern beruht immer auf dem Gesamteindruck. Und ob man seine Brüste betonen möchte oder nicht, bleibt eine ganz persönliche Sache. Wenn ja, ist ein BH das modische Accessoire dafür, um sie schön in Szene zu setzen. Und das soll sich gut anfühlen – sonst liegt es in jedem Fall am BH. Denn eine Brust kann nicht "falsch" sein – der BH aber schon!