Mode Den müssen Sie kennen


Seine Worte haben Gewicht wie die eines Königs: Talley, massige Eminenz der US-"Vogue", bestimmt, wer oben und wer unten ist in der Modewelt.

Sollte Ihnen jemals ein Riese im knallroten Alligatormantel und in Schlangenlederstiefeln, Größe 47, über den Weg laufen, dann wissen Sie: Dies ist André Leon Talley, jeder Zweifel ausgeschlossen.

Mit fast zwei Meter Länge, einschüchternder Körperfülle und einer extravaganten Art, sich zu kleiden, ist "King Leon" nicht nur für niemanden zu übersehen. Der "Editor-at-large" der amerikanischen "Vogue" gilt auch als einer der einflussreichsten Modekritiker der Welt.

Jeden Monat erscheint in der "Vogue" die Kolumne "André Leon Talley's Style Fax", ein von der Modewelt stets heiß erwartetes Tagebuch des guten Stils. Dort fällt Talley seine Urteile über alles Neue in der Fashion-Welt und entscheidet über Karrieren. Er fördert mit Lob und richtet mit Schweigen. Der Erfolg des Modemachers John Galliano etwa wäre ohne Talley undenkbar gewesen: Der Kritiker führte dem Designer, als dieser mittellos in Paris lebte, sogar die ersten Kundinnen zu und brachte ihm und seinen Mitarbeitern das Essen - Fast Food von McDonald's.

Der 56-jährige Talley ist allerdings Beleg dafür, dass ein Modekritiker die Modemacher in puncto Eitelkeit locker übertreffen kann. In einer Jeans hat er sich nie gezeigt, dafür aber in seiner zeltgroßen Gucci-Jacke aus Fohlenfell oder in seinem Militärmantel im Stil Napoleons, maßgeschneidert von John Galliano. Bei schlechtem Wetter erscheint er in einem gewaltigen Schal aus Stinktierpelz, gefertigt bei Louis Vuitton. Karl Lagerfeld entwarf Pelze für seinen André, Manolo Blahnik ein Paar Schuhe, Oscar de la Renta ein Bügelbrett. In der Welt der übergroßen Egos ragt jenes von Talley noch heraus.

Der Kritiker weiß: In einer Welt der Exzentriker überlebt nur, wer noch verrückter ist. Nur einen Menschen wird er niemals zu übertrumpfen versuchen: seine Vorgesetzte, die "Vogue"-Chefin Anna Wintour, die den Beinamen "Nuclear" trägt, da ihr Urteil so vernichtend wirken kann wie eine Atomwaffe. In der Öffentlichkeit weicht Talley nie von Wintours Seite - seine Feinde nennen ihn deswegen gern ihren Leibwächter. Dass Talley nun einen Bilderband veröffentlicht, gab Anlass zu Hoffnung auf intime Blicke in die Welt der schrägen Vögel seines Metiers.

Doch leider ist "A.L.T. 365+"
(Powerhouse Books) bloß eine Sammlung von Schnappschüssen geworden, deren Fokus so häufig verrutscht ist, dass der Verlag dies mutig als "Warholsche Qualität" würdigen musste. Zu sehen sind Designer, Supermodels und Hollywood-Diven sowie das Backstage-Treiben in New York, Paris, Mailand - die übliche Mode-Mischpoke eben. Das Bilderbuch wird dennoch seinen Weg auf die Cocktailtische jener finden, die ihren Gästen zeigen wollen, wie gut sie sich in der fabelhaften Welt des Glamour auskennen.

Worauf es dort wirklich ankommt, hat André Leon Talley vor Jahren schon verraten: "Ich bräuchte mindestens 500 000 Dollar im Jahr, um vollständig glücklich zu sein." Sein Buch wird ganz sicher einen Teil dazu beitragen.

Dirk van Versendaal print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker