HOME
stern-Gespräch

Model Julius Gerhardt: "Ich trage die Narben gerne. Sie gehören zu mir"

Julius Gerhardt war ein Topmodel. Und ein Graffiti-Sprayer. Dann kam er einer Hochspannungsleitung zu nahe. Fast wäre er gestorben. Im stern spricht er über den Unfall, das Leben mit dem Makel – und seine Rückkehr auf den Laufsteg.

Gezeichnet: 15.000 Volt durchfuhren den Körper von Julius Gerhardt

Gezeichnet: 15.000 Volt durchfuhren den Körper von Julius Gerhardt. Der Strom hinterließ seine Spuren vor allem an Arm und Oberkörper.

Vor drei Jahren sind Sie dem Tod sehr nahe gekommen. 15.000 Volt schlugen durch Ihren Körper, als Sie mit Ihrer Spraydose auf einem Güterzug standen. Was ist Ihre Erinnerung an den Unfall?

Ein Riesenknall. Wie aus einer Schreckschusspistole. Ich flog vom Eisenbahnwaggon und wurde ins Gleisbett geschleudert. Zum Glück.

Zum Glück?

So war ich nur den Bruchteil einer Millisekunde mit dem Strom verbunden. Hätte das länger gedauert, wäre von mir nur ein Häufchen Asche übrig gewesen.

Waren Sie allein unterwegs?

Nein, mit zwei Freunden. Es war ein komischer Tag. Ende Oktober, Halloween. Zum ersten Mal hatte mir jemand einen Model-Job gekündigt. Trotzdem war ich gut drauf. Nüchtern, konzentriert. Unter der Jahnbrücke am Hamburger Stadtpark stand ein Güterzug. Den wollten wir bemalen. Es war schon dunkel.

Männermodel Julius Gerhardt


War das Bahngelände eingezäunt?

Nein, alles war total offen. Von der Straße führte ein Trampelpfad die Böschung hinunter. Ich habe den Schriftzug unserer Crew auf eine Seite des Waggons gesprayt. Dann bin ich auf den Waggon raufgeklettert. Ich wollte noch eine Signatur an der Brücke hinterlassen.

Wussten Sie nicht, wie gefährlich das ist?

Ich habe auf die Kabel geguckt. Und mir gedacht: Die sind weit genug weg, anderthalb Meter.

Von Physik hatten Sie keine Ahnung.

Lichtbögen kannte ich nicht.

Bei dem Lichtbogen wird, wie bei einem Blitz, Strom über die Luft geleitet.

Ich hatte die Sprühdose in der rechten Hand. Als ich die Hand hob, wurde das Metall zur Antenne. Die Luft übertrug die Spannung – und ich flog vom Waggon.

Und die anderen?

Für den stern sprayt Gerhardt, 24, auf eine Leinwand

Für den stern sprayt Gerhardt, 24, auf eine Leinwand

Die dachten zuerst, ich sei tot. Das haben sie mir später erzählt. Ich habe sie mit großen Augen angeguckt, total verwirrt. Sie haben mich die Böschung hochgetragen, ich sagte: "Jungs, mir ist so heiß. Bitte zieht meinen Pulli aus." Dann saß ich da, mit nacktem Oberkörper. Am Anfang war nichts zu sehen. Bis die Blasen kamen. Ich wollte nicht, dass meine Freunde den Notarzt rufen, dass unsere Aktion auffliegt. Aber als ich dann bewusstlos wurde, haben sie es doch getan.

Für das Sprayen haben Sie Ihr Leben riskiert.

Es war schon ein bisschen wie eine Sucht. In dem Sinne, dass ich damit nicht aufhören konnte. Auch nicht wollte. Den Gedanken, dass etwas schiefgehen könnte, hatte ich damals nicht.

Wann ging das los mit der Sucht?

Früh. Mit 13 besprühte ich zu Hause schon die Kellerwände. Und mit 15 bin ich abends zu meiner Schule, einem Hamburger Gymnasium. Damals war ich in ein Mädchen aus dem Orchester verliebt. Sie war wesentlich älter, Abiturientin. Ich habe an der Schule alles vollgemalt und ihren Namen auf die Wand des Schulgebäudes geschrieben: Janine.

Hat es geholfen?

Immerhin hat sie gefragt: Wer war das? Aber Mitschüler haben mich bei der Schulleitung verpetzt. Ich musste die ganzen Sommerferien über Mauern schrubben.

Was haben Ihre Eltern zum Sprayen gesagt?

Solange ich nur im Keller gesprüht habe – Donald Duck oder Rappernamen –, war es okay für sie. Später wurde es schwieriger: Immer mal wieder mussten sie mich bei der Polizei abholen.

Waren Sie von Anfang an mit anderen Sprayern unterwegs?

Ich habe das lange alleine gemacht. Mir war es wichtig, die Welt zu verschönern. Und das tue ich, auch wenn andere das anders sehen. Mir ging es nie um das Illegale, den Kick. Das Malen macht mich glücklich.

Wie fing das mit dem Modeln an?

Mit 16 hat mich mein Agent Christian Kleffner entdeckt, beim Pizzaessen in der Hamburger Sternschanze.

Was macht Ihr Gesicht besonders?

Aus bestimmten Winkeln ist es ausdrucksstark, auch dank der Kanten. Damit kann man viel machen. Fotografen wissen, was sie an mir haben.

Es ging steil nach oben. Benetton, Prada. Sie waren auf dem Titel der japanischen "Vogue" …

Ja, es lief gut. Aber das waren Jobs. Ich war der Kleiderständer, mehr nicht. Wenn ich mit der Arbeit durch war, habe ich mir die Schminke aus dem Gesicht gewischt und bin in den nächsten Dosenladen. Ich habe in der fremden Stadt Spots, Plätze zum Sprayen, gesucht, Bilder gemalt, einen Joint geraucht. Das brachte den Spaß.

Und Sie haben gut verdient.

Normalerweise 2000 bis 3000 Euro pro Job, mal mehr, mal weniger.

Wie fanden Ihre Eltern das?

Bei meiner ersten Fashion Week in Mailand war meine Mutter dabei. Und auch nach New York hat sie mich begleitet, zu einem Benetton-Job. Wegen der Aschewolke eines isländischen Vulkans wurde der Rückflug gecancelt. Das war genial: zwei Wochen New York mit meiner Mutter, in einem Fünfsternehotel. Wir haben die Stadt erkundet, sind in die Bronx gegangen, haben Spraydosen gekauft. Meine Ma wollte meine Kunst besser verstehen.

Sie haben mit Ihrer Mutter Wände vollgesprüht?

An einem Ort, an dem es erlaubt war. Ich habe gerade erst ein Video wiedergefunden. Da fragt sie: "Hey, darf ich auch mal?" Ich gebe ihr die Dose, und sie füllt einen meiner Kreise aus. Eine schöne Erinnerung.

Ihre Mutter ist 2013 gestorben.

An Krebs, Mitte August, gut zwei Monate vor meinem Unfall.

Das muss Sie aus der Bahn geworfen haben.

Völlig. Als ich mich aus der tiefsten Trauer rausgewunden hatte, schrieb ich einen Text, der mich heute erstaunt. Der ging so los: "Liebes Leben, du hast mir ganz schön harte Prüfungen auferlegt. Aber siehe da. Ich stehe immer noch." Ich habe sogar geschrieben: "Gib mir noch eine. Gib mir noch eine härtere Prüfung."

15 000 Volt sind sehr hart. Wann sind Sie wieder zu sich gekommen?

Erst im Krankenhaus, in einer Hamburger Spezialklinik für Brandverletzte. Ich lag in einer keimfreien Spezialbox mit Glasfenstern.

Wie viel von Ihrem Körper war verbrannt?

40 Prozent der Haut. Besonders schlimm hat es den rechten Arm erwischt, die Schulter, den Oberkörper. Auch mein Gesicht hat etwas abbekommen.

Und Ihre Organe?

Unversehrt, genauso wie meine Beine. Das war ein Riesenglück. Nur an einem Zeh habe ich noch eine Narbe. Da ist der Strom ausgetreten.

Wie lange schwebten Sie in Lebensgefahr?

Ein paar Tage.

Können Sie sich an das Aufwachen erinnern?

Nach einigen Tagen haben die Ärzte mich aus dem künstlichen Koma geholt. Meine damalige Freundin kam in den Raum, in Schutzkleidung. Kurz darauf mein Vater. Ich muss ausgesehen haben wie ein Zombie. Ich konnte nicht sprechen. Meine Freundin hat mir in die Augen gesehen und erkannt: Den gibt's noch, der ist noch da. Wenn ich das heute erzähle, kribbelt es. Wenn sie das erzählt, weint sie – vor Freude.

Und das erste Gespräch mit dem Arzt?

Der Chefarzt sagte: Du wirst womöglich deinen rechten Arm verlieren – und einen Zeh. Das wird sich binnen 24 Stunden entscheiden.

Hatten Sie Angst zu sterben?

Nee, ich hatte Angst um den Arm. Ich war total verwirrt, rief meine Freundin an, den Hörer hielten sie mir ans Ohr. Ich habe gejammert und geweint: Bitte, bitte, hilf mir. Sie kam und ließ ihre Handflächen stundenlang über meinen Wunden kreisen, ohne sie zu berühren, eine wahnsinnige Energiearbeit.

Energiearbeit?

Sie hat sich konzentriert, gute Energie geschickt. Ich habe in der Zeit irre viel Wundflüssigkeit verloren. Und meinen Arm behalten.

Klingt esoterisch. Was hat da gewirkt?

Ich weiß es nicht. Liebe?

Später haben Sie sich getrennt.

Ich habe sie ausgesaugt wie ein Energievampir. Ich brauchte das, um zu heilen. Sie brauchte danach Zeit für sich. Wir sind bis heute befreundet. Ich liebe sie immer noch.

Haben Sie irgendwann gedacht: Ich kann nicht mehr?

Nein. Der Lebenswille war immer da. Das Eingesperrtsein war unerträglich. 59 Tage auf der Intensivstation, zwei Wochen auf der normalen Station. Tick, tick, tick – die Zeit verging nicht. Ich wollte, dass sie mich wieder ins Koma versetzen.

Die Ärzte haben Haut an den rechten Arm und den Oberkörper verpflanzt. Woher kam die?

Von den Beinen, die waren ja nicht verbrannt.

Und das Gesicht?

Da wurde nichts transplantiert. Aber es war total verschorft. Ich hatte keine Augenbrauen und keine Haare mehr.

Ihr Gesicht war Ihr Kapital.

Julius Gerhardt zeigt seinen rechten Arm

"Ich trage die Narben gerne. Sie gehören zu mir": Gerhardt zeigt seinen rechten Arm

Manchmal habe ich mir die alten Fotos angesehen und gedacht: Ach, Mensch. Da sahst du eigentlich ganz cool aus. Scheiße, und jetzt? Jetzt musst du ein Leben lang mit dem entstellten Gesicht herumlaufen. Ich war traurig. Ich hatte Angst, dass alle, die mir begegnen, geschockt sind – und dass das mit dem Modeln jetzt vorbei ist für mich.

Heute sieht man im Gesicht nichts mehr.

Ein Wunder. Die Haut reagiert aber sensibler auf Kosmetik.

Hatten Sie Kontakt zu anderen Patienten?

Auf der Intensivstation nicht. Manchmal habe ich Schreie gehört. Da hängt der Tod in der Luft. In meiner Box ist vorher einer gestorben.

Hat Sie das beschäftigt?

Erst später. Mein Zimmernachbar war Elektriker. Der hat nur seinen Job gemacht und ist gestorben. Sein Kollege hatte vergessen, den Strom abzuschalten. Und ich, der Sprayer, habe überlebt. Hart, oder?

Sie hatten Glück.

Oder meine Ma als Schutzengel.

Wie geht es Ihnen heute?

Gut, aber es war ein langer Weg. Ich habe jeden Tag trainiert. Laufen, Klimmzüge, Dehnübungen. Ich habe nach und nach die Feinmotorik des verbrannten Arms verbessert, mit Malen und Zeichnen. Inzwischen kann ich ihn voll bewegen.

Hat die Justiz Sie für das Sprayen an dem Abend bestraft?

Die meinten, ich sei mit meinen Verletzungen genug bestraft. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt.

Wollte die Bahn Geld von Ihnen?

Nee, die haben das zum Glück auch fallen gelassen.

Und wer hat Ihre Behandlung bezahlt?

Die Krankenkasse.

Gab's Leute, die gesagt haben: Spinner! Selbst schuld!

Klar. Bis heute muss ich mich rechtfertigen, auch im Freundeskreis.

Warum lassen Sie das Sprayen nicht?

Es ist Kunst. Ich will nicht aufhören. Allerdings habe ich jetzt großen Respekt vor Strom – und versuche, Illegales zu vermeiden.

Aber Sie sind nach dem Unfall noch einmal erwischt und sogar bestraft worden.

Ja, das war eine Halfpipe in einem Skatepark. Die musste einfach bemalt werden, die war echt hässlich.

Seit wann modeln Sie wieder?

Julius Gerhardt in der aktuellen Zara-Kampagne

In der aktuellen Zara-Kampagne sieht man nichts von den Spuren des Unfalls

Seit 2015. Ich brauchte lange, um wieder fit zu werden. Ich war krass ausgemergelt, hatte 15 Kilo verloren. Irgendwann hat mein Agent wieder Schnappschüsse gemacht. Die anderen Agenturen wussten dann sehr schnell: Julius ist wieder da.

Waren die überrascht?

In Mailand und Paris sind sie vom Stuhl gefallen. Wie, was? Der sieht ja wieder einigermaßen normal aus. Im Januar 2015 bin ich für Prada zu einer Show geflogen. Das war der erste richtige Job nach dem Unfall.

Wie war die Rückkehr?

Anfangs war ich etwas unsicher, aber das verflog schnell. Laufsteg ist total flashig. Mucke und Lichter. Das bringt Spaß. Und es ging auch gut weiter. Aktuell bin ich eines der männlichen Hauptgesichter für Zara. Man sieht mich acht Monate lang weltweit in den Läden, auf Plakaten und online.

Gab es keine Kunden, die beim Anblick Ihres vernarbten Körpers zurückgeschreckt sind?

Bei den Fashion Weeks in London, Mailand und Paris kam's tatsächlich zu komischen Reaktionen bei den Castings. Da standen oft hundert Jungs. Und es hieß: Take off your shirt. Da habe ich schnell gemerkt: Die nehmen lieber den vor oder hinter mir. Aber es gibt eben auch die anderen. Für die bin ich jetzt nicht mehr nur Julius, der Kleiderständer, sondern Julius, der den Unfall hatte, der überlebt hat. Das gibt mir Charakter, 'ne Geschichte.

Wird nicht auch retuschiert?

Erstaunlich wenig. Manchmal gehen sie an die Hände, weil die ja noch etwas gerötet sind. Oft verdecken Klamotten die Narben, ich finde das schade. Ich trage die Narben gerne. Sie gehören zu mir.

Hadern Sie damit, dass es Sie so erwischt hat?

Nie. Auf eine widersprüchliche Art ist der Unfall ein Geschenk. Weil ich daran wachsen konnte. Er hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich habe so den Tod meiner Ma besser verarbeitet. Und ich habe mich sehr stark mit mir selber auseinandergesetzt. Mit dem Leben.

Der schöne Julius zerstört sich und steigt, gezeichnet, wieder auf, wie der mythische Vogel Phönix. Hat diese Geschichte eine Moral?

Ich fühle mich tatsächlich so, als wäre ich aus der Asche wiederauferstanden. Aber eine Moral? Nein. Sprayer sollten wissen, dass es Lichtbögen gibt. Und alle, die einen Makel haben, sollen wissen, dass sie trotzdem perfekt sind.

Sie haben wahnsinnig viel Glück gehabt. Glauben Sie an Gott?

Nicht an einen christlichen oder buddhistischen oder Sonstwie-Gott, sondern an das Göttliche. Ich glaube an Zyklen, an Wiederholungen, auch an Reinkarnation.

An Wiedergeburt?

Wenn meine Mutter unter einem Baum in ihrem Grab liegt, dann vergeht ihr Körper. Aber der Baum nimmt die Nährstoffe in sich auf, alles, was sie ist. Und so wird sie zu allem werden. Das ist schon so etwas Ähnliches wie Wiedergeburt.

Interview: Annette Lache und Florian Güßgen

Von:

und Anette Lache