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Provinzschönheiten: Warum stammen so viele schöne Möbel aus der Provinz?

Deutsches Design gedeiht oft in Randlagen: In Ostwestfalen etwa, einer Region jenseits des Ruhrgebiets, hat der Möbelbau Tradition. Zuerst hatten sie hier die Bäume - später kam der gute Geschmack hinzu. Eine Entdeckungsreise

Am Morgen ertönen in Wiedenbrück Handwerkergeräusche aus den Häusern mit den orangefarbenen Dachziegeln und den Holzstreben, in die das Baujahr eingeritzt wurde: Anno Domini 1604. Neben dem Goldschmied residiert ein Künstler. Das erste Hotel am Platz trägt den Namen "Ratskeller", und wenn man aus dessen Dachgeschoss auf die Umgebung schaut, erblickt man zu allen Seiten: Rohstoff. Also Bäume.

Wir befinden uns in einem Zentrum der deutschen Möbelindustrie: Wiedenbrück eröffnet den Landstrich Ostwestfalen, der sich von hier aus über Gütersloh nach Bielefeld und Paderborn erstreckt, bis er kurz hinter Herford in sanften Wellen in das Land Niedersachsen übergeht. Ostwestfalen: der Osten des Westens. Sein Rand. Sein hinterster Winkel. 17 Prozent aller Möbelbetriebe Deutschlands sind hier zu Hause, im Jahr 2005 setzten die knapp 200 Betriebe zusammen mehr als vier Milliarden Euro um. 70 Prozent aller deutschen Küchenmöbel stammen aus der Gegend. Kochen, schlafen, Bücher einsortieren, entspannen - all dies lässt sich in, auf und mit ostwestfälischen Möbelstücken tun. Viele von ihnen machen trotz ihrer Randlagen-Herkunft den Eindruck, als könnten sie inmitten der Welt bestehen.

Etwa die Sofas von Cor. Seit mehr als 50 Jahren entstehen sie in Rheda-Wiedenbrück. Seit 42 Jahren gibt es das Modell "Conseta", ein Baukastenmöbel, so bundesdeutsch wie ein VW Golf oder eine Stereoanlage von Braun. Ein Klassiker mit Kanten.

Wenn man sich auf den Weg von Wiedenbrück nach Rheda macht und jäh aus dem Fachwerkidyll rollt, fragt man sich unweigerlich, in wie vielen der nun die Straße säumenden Einfamilienhäuser mit breiten Garagen und Vorgartenzäunen dieses Polsterstück wohl untergebracht ist. "Bei uns leben viele normale Arbeiter, die sich mit unseren Möbeln entwickelt haben", sagt Leo Lübke, der Chef von Cor. Lübke, 43, teilt mit seinen Möbeln die weltläufige Erscheinung, der Anzug liegt so eng an wie die Brillenfassung, nur die Sprache verrät die westfälischen Gene: Das Wort "Weg" klingt bei ihm nach "Weech". "Die Möbelbranche hier ist wie ein Clan", sagt er. "Manche heiraten sogar untereinander."

Die Firma Cor sitzt inmitten eines Wohngebiets in Rheda. Ihre Zulieferer stammen fast alle aus der Region, sie bringen das Buchenholz, die Kissen, den Schaumstoff, das Leder und den Stoff. Nur das Design wird von außerhalb eingekauft, von etablierten Entwerfern wie Peter Maly und Wulf Schneider, auch von jungen Gestaltern wie denen vom Studio Vertijet.

So war das schon immer, auch damals, als Lübke noch ein Junge und sein Vater Helmut der Chef von Cor war. "Er hat zu Hause selten über Möbel doziert", erinnert sich Leo Lübke, "doch das Unternehmen war zu Hause immer präsent."

Heute ist Helmut Lübke der Chef von Interlübke, keine fünf Autominuten entfernt. Er empfängt den Besuch in Ausstellungsräumen seiner Firma - einer Sammlung von hochglänzenden Regalen, Schränken und Betten. Interlübke: Das sind Großbürgermöbel mit der klaren Linie, wie sie in Deutschland seit Bauhaus-Zeiten gepflegt wird. Bücherregale, die bis unter die Hallendecke reichen, zusammengebaut aus Brettern, die bis zu achtmal geschliffen und neunmal lackiert worden sind. Perfektion. So sieht es aus, wenn Arriviertheit und guter Geschmack eine Einheit bilden - was ja nicht so häufig passiert. Beim Rundgang verfällt Lübke, 70, jetzt doch in einen Dozierton. Es sind Sätze zum Mitschreiben: "Das Produkt", so nennt Lübke seine Möbel, "muss auch dem optischen Verschleiß widerstehen. Es darf nicht vorlaut sein, soll dem Menschen dienen und in seiner dienenden Funktion seinem Besitzer ans Herz wachsen." Anschließend schickt er uns in die Werkshallen, wo wir erleben, wie eine angelieferte Spanplatte mit jedem Arbeitsschritt immer dichter eingesponnen wird in ein Netz aus Hochglanzlack, hergestellt nach einem Geheimrezept. Einer der Arbeiter streichelt das Lackholz wie ein Autobesitzer seinen Wagen, nachdem er ihn einen Samstagnachmittag lang poliert hat.

Dann erzählt Helmut Lübke, wie Ostwestfalen überhaupt zu den Möbeln gekommen ist: Hier waren die Wälder, das Holz. "Wir hatten den Rohstoff", sagt er, "und das Ruhrgebiet" - kaum mehr als 80 Kilometer entfernt - "hatte den Markt." Die aufstrebende Arbeiterschicht des frühen 20. Jahrhunderts wollte ihre gute Stube einrichten. Das mit dem Design entwickelte sich dann mit der Zeit: "Wir sind zwar Sturköpfe, haben aber die Antennen für das, was sein sollte", sagt Lübke. Und so denken die Provinzler gar nicht provinziell, "sondern machen Möbel für die WeltÉ", kurze Pause, "ÉEuropa ist natürlich unser Hauptmarkt".

Nach vielen Tassen Kaffee, einem der "Grundnahrungsmittel des Ostwestfalen", wie Lübke sagt, geht es weiter nach Gütersloh, wo am Rande eines Vorortes eine weitere Tasse Kaffee wartet. Hier liegt das Werk von Flötotto, und hier kann man erleben, wie es ist, wenn Vorstellung und Wirklichkeit eins werden: Denn so unbewegt das Land an diesem Ort erscheint, so unbewegt sind die Mienen der Männer, die uns bei Flötotto willkommen heißen.

Hans-Joachim Boberg führt die Geschäfte in dieser Traditionsfirma, die nach dem Zweiten Weltkrieg damit begann, Schulmöbel herzustellen. Der Stuhl "Fritz" gehört zum deutschen Bildungswesen wie der "Diercke Weltatlas". Auch Flötotto-Möbel atmen den Geist deutscher Designgeschichte: Die Möbel sind ganz der Funktionalität verschrieben, ihre Form erinnert an Kästen, die man aufeinanderstapeln kann. Wer in den 70er Jahren groß wurde, wurde womöglich auf einer Flötotto-Kommode gewickelt und dürfte im Verkaufsraum des Unternehmens von einem Flashback übermannt werden: So wenig hat sich an den Stücken seitdem geändert.

In der Bekanntheitsskala deutscher Möbelfirmen rangieren die Gütersloher auf Platz fünf, direkt hinter Interlübke. Doch auch wenn Boberg einen Expansionskurs ankündigt, wirkt es eher so, als werde hier ein Erbe verwaltet: "Für uns ist "hausbacken" kein negatives Wort." Als er durch den Verkaufsraum führt, fällt Boberg zu dem neuen, dann doch wieder sehr stilvollen Regalsystem "Kvaro" nur ein, dass der Entwurf von einem Designer aus Hamburg stamme; den Namen habe er gerade nicht parat.

Unsere Reise endet in Herford, Heimstatt der "ältesten Küchenmarke der Welt", wie die Firma Poggenpohl sich selbst nennt. Dort wird nicht so viel Kaffee getrunken, denn Christiane Danielsmeyer, die Leiterin der Marketingabteilung, kommt vor lauter Reden nicht zum Nachschütten. Von Poggenpohl träumten früher die modernen Hausfrauen; heute träumen sicherlich auch viele der zum Kochen bekehrten Männer von dieser Marke. Es bleibt häufig beim Träumen - die Preise beginnen bei 18000 Euro, Ende offen. "Neulich hat ein Ehepaar aus Aachen für seine Küche insgesamt 165 000 Euro ausgegeben", erzählt Danielsmeyer. Poggenpohl befindet sich schon lange nicht mehr in Familienbesitz, gehört seit 2000 zu dem schwedischen Konzern Nobia. Gefertigt werden die Einbauküchen aber ausschließlich in Herford - mit den Händen: "Möbelbau ist keine Maschinenstraße", sagt Frau Danielsmeyer. Poggenpohl-Küchen zählen zu den Luxusprodukten - 75 Prozent der Küchen gehen ins Ausland. Der Weltmarkt treibt die Kreativität an: "Wir können uns keine bäuerliche Sturheit mehr leisten", sagt Danielsmeyer.

Auf der diesjährigen Möbelmesse in Mailand mussten sie als Fotografen getarnte Industriespione verscheuchen, die zu nah an ein neues Produkt heranrückten - einen Esstisch, den man in der Breite ausziehen kann, um in seine Mitte Servicewagen zu schieben, die das Essen direkt vom Herd an den Platz transportieren.

Auch wenn die Bäume weiterhin so stur herumstehen, als wollten sie die Fachwerkhäuser vor der Moderne schützen: Das Land des Holzes, gelegen im Osten des Westens, hat sich zu einem Winkel der Ideen gewandelt. Die Ostwestfalen befinden sich auf dem richtigen, so würden sie es wohl selbst intonieren, "Weech".

Oliver Creutz / print