Tangas Heilige Höschen


Sex and the village: Ein Dorf in den polnischen Karpaten häkelt für den Unterleib der Welt. Die Tangas aus schlesischer Spitze verkaufen sich übers Internet inzwischen von Tokio bis Dubai.
Von Viola Keeve

In Südpolen scheint die Macht des Herrn noch ungebrochen. Krakaus Flughafen heißt wie der verstorbene Papst: "Jan Pawel II." Jesuskreuze aus Holz stehen direkt an der Autobahn nach Kattowitz. Und im kleinen schlesischen Dorf Koniaków, neun Kilometer von der slowakischen Grenze entfernt, tragen fast alle Frauen biblische Namen. Eine urkatholische Region, auf die allerdings nicht mehr alle Bewohner stolz sein mögen.

Denn Koniaków ist zum polnischen Slip-Eldorado geworden. Hier in den Bergen, in der Tristesse des abgelegenen Ski- und Wandergebiets der Beskiden, eines Ausläufers der Karpaten, werden bunte Stringtangas gehäkelt und verschickt, die Kunden übers Internet bestellt haben. Fast alle Dorfbewohner sind an der Produktion beteiligt, selbst zwei oder drei begabte Männer. Anonym natürlich, weil Häkeln nun mal "Frauensache" ist.

Slips von Koniaków nach Tokio

Dass erotische Handarbeit ausgerechnet aus einem 5000-Seelen-Dorf am Rande der Welt bis nach Dubai, Bangkok und Tokio verschickt wird, und zwar von einem kleinen, hellblau gestrichenen Postamt mit Holzkreuz an der Wand und Shampoos in der Glasvitrine, ist weniger abwegig, als es zunächst klingt. Mehr als 200 Jahre lang war Koniaków das Zentrum schlesischer Spitzenmacher. Hier wurde gehäkelt, was die Hände hergaben, für Adlige, Staatsoberhäupter und Kleriker: Schals, Hochzeitshauben, Chorhemden und Altardecken. Kein Geringerer als Karol Wojtyla bescherte als junger Krakauer Kardinal der Zunft einen Boom. Noch bis kurz vor seinem Tod ließ er sich Koniakówer Spitze nach Rom schicken.

Selbst im kommunistischen Polen war die Spitze aus der Region ein gefeiertes Produkt nationaler Handarbeit. Erst in den Neunzigern, mit dem Kapitalismus und ohne Subventionen vom Staat, begann der Niedergang des Handwerks. Als Servietten, Vorhänge und Eierwärmer immer schlechter gingen, hatten ein paar junge Frauen aus Koniaków die rettende Idee: Statt Tischdecken häkelten sie Tangas und BHs. "Jedes Stück ist ein Unikat", sagt Malgorzata Stanaszek. "Ich denke mir all die Muster aus, die die Frauen im Dorf häkeln." Ideen holt sich die Dessous-Designerin aus polnischen Modemagazinen wie "Viva" und "Olivia". "Das ist auch ein Weg, das Handwerk zu retten", sagt sie.

Pfefferminzgrün ist der Trendton

Früher häkelte hier jedes Kind, heute tun es nur noch die, die sich damit etwas Geld dazuverdienen. So wie jetzt bei Sandkuchen und Kaffee im mintfarbenen Wohnzimmer von Krystyna Kaczmarzyk sitzen die jüngeren Frauen des Dorfes abends oft zusammen, um Tangas zu häkeln: Malgorzata, 32, Krystyna, 46, Elzbieta Kulmczka, 42, und Wiola Juroszek, 27. Tagsüber fügt Juroszek als Mechanikerin in einer Werkstatt Karrosserieteile zusammen, jetzt montiert sie Slips aus pfefferminzgrünem Garn - der aktuelle Trendton in Koniaków.

Auf den ersten Blick wirken die Häkeltangas ein bisschen wie Topflappen aus Großmutters Küche - an jungen, blonden Warschauer Models fotografiert, verkaufen sie sich über die Website www.koniakow.comaber glänzend. "2005 haben wir unseren Umsatz verdreifacht", erklärt Sergiusz Kozubek, 27, Malgorzatas Schulfreund. Seit der Informatiker aus Krakau den ersten Tanga, ursprünglich erdacht als schlüpfriges Geschenk für die Hochzeit eines Bekannten, auf die Homepage des Dorfes stellte und polnische Zeitungen über den "Skandal" berichteten, begann der Run auf die unheiligen Hosen von Koniaków. Heute ist er der Webmaster und PR-Stratege der Firma Koni-Art, die ihm und Malgorzata Stanaszek gehört. Er ist der Einzige, der Englisch spricht. Wenn sie ihn nicht versteht, droht ihm die 32-Jährige scherzend mit der Faust. Vermarkten können sich beide, jeder auf seine Art.

Als "Veruschka's Secret" in der "New York Times"

Immerhin hat es Koni-Art nach lediglich eineinhalb Jahren nicht nur ins finnische, australische, russische und japanische Fernsehen geschafft, sondern mit dem Artikel "Veruschka's Secret" sogar bis in die "New York Times" (eine Anspielung auf "Victoria's Secret", die berühmte Lingerie-Kette, für die Naomi Campbell, Julia Stegner oder Heidi Klum laufen).

Inzwischen kommen Aufträge selbst aus Amerika, Kanada, der Schweiz, England, Thailand und den Vereinigten Arabischen Emiraten. 25 Euro oder 60 Zloty kostet der Tanga-Klassiker "Naj", ein weißes Klöppelnichts aus bester ägyptischer Baumwolle. Vor Ort sind die "stringis" günstiger. Im Dorf, bei Galerist Tadeusz Rucki, kosten sie nur die Hälfte, 30 Zloty - so viel wie eine Flasche Wodka im Krämerladen an der Post.

Amerikaner brauchen Extra-Large

"Je größer, desto teurer", sagt Rucki und kichert. "Für Amerikaner brauchen wir meistens mehr Leine." Vor der Aufregung um die Tangas jedenfalls, sagt er, seien das Dorf und sein Handwerk vergessen gewesen. "Jetzt verkaufen wir auch wieder Tischdecken", erklärt der Bildhauer und zeigt dann aber doch lieber den letzten Spitzen-Schrei: einen leuchtend roten Männer-Tanga in XXL.

Abends ist die Kirche von Koniaków bis auf den letzten Platz gefüllt. In dem Ort leben 80 Prozent Katholiken, viele davon strenggläubig. Am Sonntag wird die Messe viermal gelesen, der Pfarrer im violetten, goldbestickten Gewand ist eine Autorität. Nach dem Abendmahl legt er eine Decke aus heimischer Spitze über den goldenen Kelch.

Die Abtrünnigen sollten gebannt werden

Gehäkelt hat sie die erste Handarbeiterin des Dorfes, Helena Kamieniarz. Die 73-Jährige ist seit 20 Jahren Zensorin der Zunft, Vorsitzende des Vereins der Volkskunsthandwerker der Region. Seit die sündigen Slips das Dorf spalten - in Traditionalisten, die um den Ruf der schlesischen Spitze fürchten, und den Rest, der im Dienst der Erotik häkelt -, habe sie den Pfarrer sogar um einen Kirchenbann der Abtrünnigen gebeten, berichtet Galerist Tadeusz Rucki.

"Aber unser Pfarrer ist ein moderner Geistlicher und hat abgelehnt. Er weiß, dass bei der hohen Arbeitslosigkeit jede Erwerbsquelle genutzt werden muss", erklärt Rucki. An den Slips verdienen die Frauen im Dorf 20 bis 35 Zloty (5 bis 9 Euro), an BHs 35 bis 50 Zloty (9 bis 13 Euro). "Für die älteren Frauen ist es eine schwere Arbeit, weil jedes Höschen aus 120 kleinen Elementen besteht. Trotzdem häkelt jede, so gut sie kann. Nur eine nicht: Helena Kamieniarz."

"Früher bedeckte die Spitze Altäre, heute Hintern"

Und an ihr kommt in Koniaków niemand vorbei. Im ihrem Klub der Edel-Häklerinnen gibt es genau 28 Frauen. Kamieniarz bestellt auch die Jury, die jedes Jahr aufs Neue entscheidet, wer im Dorf Kitsch und wer Kunst produziert. Dabei geht's ums Geld. Denn auf Kunst entfallen nur 7 Prozent Steuern, auf Kitsch satte 22 Prozent. Und Häkeltangas, ganz klar, fallen in letztere Kategorie.

Sie bleiben für Kamieniarz nur schnell produzierte Ware ohne eigene Ideen. "Ich habe gar nichts gegen Stringis. Sie sollen das nur nicht Koniakówer Spitze nennen", sagt die kleine Frau mit beiger Brille und dicken Gläsern nicht ohne Schärfe in der Stimme. "Früher bedeckte die Spitze Altäre, heute Hintern."

Schals für Königinnen, eine Decke für den Papst

Strenge spricht aus ihrem Blick, Bitterkeit. "Mir platzt schon der Kopf", hatte sie gestöhnt, als sie die Tür öffnete, hin und her gerissen zwischen Misstrauen, Stolz, Neugier und Angriff. Doch als Helena Kamieniarz ihre Fotos, Auszeichnungen und Muster hervorkramt, leuchten ihre Augen. Hier ein Schal für Königin Elisabeth, da einer für Beatrix, eine Decke für den verstorbenen Papst, sein Name nicht eingestickt, damit sie weiterverwendet werden kann. Dann das Meisterstück, drei mal drei Meter für eine Prinzessin im indischen Poona, und die Tischdecke für Helmut Kohl. "Noch vor dem Mauerfall war das", betont ihr Mann Mieczyslaw, der in Schubladen nach Prospekten des Ortes wühlt.

Was immer kommt, eines weiß Helena Kamieniarz sicher: "Spitze wird nicht untergehen. Was Tradition hat, bleibt." Doch weil auch sie mit der Zeit gehen muss, wird ihr Enkel ihr bald eine Website einrichten, nicht für "stringis", sondern für "koronki" - schlesische Spitze. Den Kampf um die Reinheit der Kunst hat sie dennoch nicht aufgegeben. Noch im Sommer, berichtet Malgorzata Stanaszek, habe die alte Frau ihr abends aufgelauert und gedroht, sie solle ihre Zähne zählen, solange sie noch im Mund seien.

Selbst Lech Walesa war zweimal hier

Die Tanga-Unternehmerin, stets ein Handy am Ohr, kippt den halben Zuckerbecher in den Kaffee und erklärt: "Zu Beginn konnten wir nicht über das reden, was wir tun. Damals gab es eine Art Krieg im Dorf. Heute haben die meisten das akzeptiert." Doch das war nicht für alle in Koniaków immer einfach.

Über Jahrhunderte war die Spitze der ganze Stolz der Region. "Selbst Lech Walesa war zweimal hier", sagt Zuzanna Gwarek, eine grauhaarige Frau mit weichem, müdem Gesicht und knallrotem USA-Shirt. Hinter ihr im Spitzenmuseum von Koniaków hängt ein gehäkeltes Kreuz. Ihr Kellerraum wirkt wie ein nostalgisches Sammelsurium aus Puppen mit starren Augen, Alphörnern, Skizzen und Fotos von schlesischen Trach-ten und weißer Spitze in allen Formen und Mustern. "Nicht zu nah ran", befiehlt sie dem Fotografen in harschem Ton. "Das kopieren die in China doch sonst sofort."

Dann holt Zuzanna Gwarek wortlos einen Plastikbeutel heraus und breitet "stringis" aus, die ihre Tochter gehäkelt hat. "Wenn ich noch könnte, würde ich das auch machen", sagt sie und zuckt die Achseln. "Was soll man machen? Von irgendwas müssen wir ja Brot kaufen."

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