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Textilien aus China: Gelb macht mobil

Anfang 2005 fielen die Einfuhrquoten, jetzt überschwemmen chinesische Textilien den europäischen Markt. Ein Lagebericht zum Stand der Mode im Reich der Mitte.

Model Liu trägt eine eng anliegende schwarze Bluse und ebensolche Hochwasserhose, bauchnabelfrei, Marke HS 130. Zwei schüchterne kleine Mädchen, Hand in Hand, führen Kinderanoraks in Tarnfarben vor, Marke Ozone. Sie haben von diesen Marken noch nie etwas gehört? AA Jennie, Ann Malica, Busy Bee oder Mondir - unter solchen gar nicht chinesisch klingenden Namen treten lokale Modefirmen bei der Fashion China in Shanghai an, um von hier aus die Welt zu erobern.

"Die brauchen den Vergleich mit europäischen Young-Fashion-Marken nicht zu scheuen", schwärmt am Rande des Laufstegs Gerald Böse, 42, langjähriger Geschäftsführer des großen deutschen Modemesse-Veranstalters Igedo, der auch die Shanghai Fashion organisiert hat. "In der Qualität stehen viele chinesische Hersteller den Europäern in nichts mehr nach, im Preis aber sind sie deutlich günstiger."

Vom Glanz und Glitter

internationaler Designerauftritte ist bei dieser Messe nichts zu spüren. Die Besucher der Modenschau treten einander im Kampf um bessere Sicht auf die Füße. Sie tragen einfache Hemden und Anoraks, in der einen Hand die Plastiktüte und in der anderen das Handy, mit dem sie ihre Freunde fotografieren, Model und Laufsteg im Hintergrund. "Der Schein trügt manchmal", warnt Böse. "Manche Chinesen hier, die gar nicht danach aussehen, besitzen 40 oder 50 Läden und sind nebenbei als Agenten für den internationalen Handel tätig."

Die Models ziehen sich in den Garderobenraum zurück und schlafen dort auf dem Boden, bis sie für die nächste Show geweckt werden. Währenddessen schließen Geschäftsleute draußen Verträge mit ihren westlichen Partnern ab - und für ihre Deals gibt es jetzt keine Grenzen mehr. Das internationale Quotensystem für den Textilhandel, das bisher jedes Land auf eine bestimmte Höchstausfuhr begrenzte, ist Anfang dieses Jahres gefallen. Darauf stieg der Import von chinesischen Textilien und Bekleidung in die EU um 47 Prozent (Januar 2005 verglichen mit Januar 2004), in manchen Bereichen astronomisch: Bei Frauenhemden und -blusen um 244 Prozent, bei Büstenhaltern um 493 Prozent und bei Pullovern sogar um 625 Prozent.

Eine gute Nachricht für den Verbraucher, meint Böse. Er erwartet, dass die Preise sinken. Von der "gelben Gefahr" spricht hingegen Heinz Dressler, Geschäftsführer der Dressler Bekleidungswerke Brinkmann in Großostheim, der auf der Messe in Shanghai versucht, in einer Gegenoffensive seine Herrenanzüge zu verkaufen. Mit chinesischen Preisen können die deutschen Unternehmen nicht mithalten. Ein deutscher Textilarbeiter verdient das Zwölffache seines chinesischen Kollegen. Die EU-Kommission verkündete im April eine Schutzklausel gegen die chinesische Kleiderflut, bei "Marktstörungen" soll es wieder Einfuhrbeschränkungen geben - worin China wiederum einen Verstoß gegen die Grundsätze der Welthandelsorganisation sieht.

Die niedrigen Löhne in China sind nicht der einzige Faktor. Der Stundenlohn eines indischen Textilarbeiters liegt geringfügig unter dem chinesischen Niveau, der in Indonesien oder Kambodscha deutlich darunter. Aber China liefert nicht nur höhere Qualität als diese Länder, sondern ist im Endeffekt sogar günstiger, da es den gesamten Produktionsprozess beherrscht - vom Anbau der Baumwolle, China ist hier weltweit führend, bis zum Verpacken und Verschicken der Kleider. Was den Chinesen noch fehlt, sind westliche Markennamen und Vertriebsnetze in Europa - und die werden sie sich kaufen, sagt Gerald Böse voraus. "Derzeit gibt es viele Sondierungsgespräche von Chinesen mit deutschen Unternehmen, die finanzielle Probleme haben oder denen ein Nachfolger fehlt", weiß Böse. "Die deutsche Marke Seeler zum Beispiel haben die Chinesen bereits gekauft." Hinter dem Mode Contor Hamburg verbirgt sich der chinesische Staatskonzern Chinatex.

Ein gefragter Mann auf der Fashion China ist David Wang, 36, Chef der Neuen Seidenstraße, der ältesten und größten Modelagentur in der Volksrepublik. Chinesische und ausländische Textilunternehmer stehen bei ihm Schlange, während er ins Handy spricht. Der ehemalige Buchhalter mit Brille und Meckischnitt stand nicht immer in so hohem Ansehen. Über Jahrzehnte galt in China der Modelberuf als eine etwas andere Form von Prostitution. "Noch im Jahr 2001 musste ich für drei Monate untertauchen", erinnert sich Wang. "Wir schickten Miss China zum Miss World Wettbewerb - die Regierung war nicht einverstanden." Sie witterte Subversives: eine Repräsentantin Chinas, aber nicht von der Kommunistischen Partei ausgewählt! Wenn die etwas Falsches sagt?

Mittlerweile veranstaltet

die Agentur Neue Seidenstraße Schönheitswettbewerbe auf Provinz-, Stadt- und Stadtteilebene, um die gestiegene Nachfrage nach Models erfüllen zu können. Andere sind auch auf die Idee gekommen. Wer heute durch das chinesische Fernsehprogramm zappt, findet an manchen Abenden bis zu zehn verschiedene Misswahlen. Im Dezember wurde in Peking sogar eine Miss Künstliche Schönheit gewählt. Zugelassen waren nur Frauen, die vorher ihre Augen oder Brüste vergrößern oder Nase und Mund zurechtschneiden ließen. Sie mussten dies mit dem Attest eines Schönheitschirurgen nachweisen.

Ist angesichts einer solchen Export- und Schönheitsoffensive aus Fernost das modische Abendland noch zu retten? "Die Chinesen tun sich schwer, an hochwertige Luxusproduktionen europäischen Stils heranzukommen", sagt Böse. Während Otto-Versand und H&M in der Volksrepublik Massenware kaufen, wird die chinesische Edelboutique in der Fußgängerzone noch auf sich warten lassen. Kreativität ist nicht die Stärke eines Landes, das Bücher und Filme zensiert und Schulkinder jeden Morgen im Pionierhalstuch vor der roten Fahne strammstehen lässt. Welche Designer sind im Moment angesagt? "Die haben alle so unaussprechliche Namen", weicht Böse aus und bittet seine Mitarbeiterin, eine Liste aufzustellen. "Wir haben keinen international anerkannten Designer", gibt Wang Qing zu, und er muss es wissen: Er ist Präsident der chinesischen Modedesigner-Vereinigung, die 25 000 Mitglieder zählt - immerhin ein deutlicher Anstieg seit 1993, als es nur 64 waren.

Manche chinesische Designer

haben lokale Bekanntheit erreicht wie Chen Yifei in Shanghai oder Bo Tao in Peking. Der kleine, rundliche Bo Tao hat bei Maos persönlichem Schneider gelernt. Er kreiert Blusen, geschlossen bis zum Hals, mit traditionellen chinesische Blumenmustern und Tierzeichen ebenso wie sexy Outfits mit Reißverschluss, aus Jeansstoff und Leder. In einem Industrierevier beim Pekinger Flughafen lässt er sie von seinen 800 Arbeiterinnen produzieren. Der 37-Jährige sagt: "Bisher sind wir nur eine Fabrik der Erde - es fehlt uns an Ideen und der Fähigkeit, Marken mit eigener Handschrift zu entwickeln."

Auch Lothar Reiff, 51, Kreativ-Direktor von Hugo Boss, kennt keinen chinesischen Designer. Bekleidet wie fast immer mit schwarzer Hose und weißem Hemd, blickt er am Shanghaier Huangpu-Fluss fasziniert auf die Prachtpromenade Bund am anderen Ufer und auf die Wolkenkratzer dahinter. "Die Energie hier ist stark, das spürt man förmlich", sagt er. "Wir lassen uns hier inspirieren, übernehmen Details in unsere Kollektionen wie die wunderschöne Seide, die aus China kommt, oder chinesische Stickereien, die sehr feminin und sensitiv sind." Vor allem aber verkauft Hugo Boss seine europäischen Kreationen in China - und das mit Erfolg. Denn bei den großen Marken orientiert man sich auch in China nach Westen. "Vor einigen Wochen wurden hier die elf berühmtesten ausländischen Marken gewählt", sagt der Vorstandsvorsitzende der Hugo Boss AG, Bruno Sälzer, 47. "Wir waren als einzige deutsche dabei, sind hier bekannter als Mercedes." Hugo Boss ist bereits seit zehn Jahren in der Volksrepublik, feiert heute in Shanghai dieses Jubiläum mit Feuerwerk und Open-Air-Modenschau am Huangpu-Ufer. Hugo Boss hat in China 60 Läden, allein in Shanghai acht, "mehr als in München", wie Sälzer lachend bemerkt. Neben dem frühen Einstieg hier ist der Erfolg des schwäbischen Modeunternehmens vor allem auf die Landeskenntnis zurückzuführen. "Ich bin jedes Jahr zweimal in China, um zu spüren, wie sich das Land verändert", sagt der Boss von Hugo Boss. "Fernbedienung über Telefon und E-Mail bringen hier gar nichts."

Nur wenige deutsche Firmen engagierten sich hier so früh und so stark. Prokurist Klaus-Jürgen Möller von Bugatti aus Herford sitzt etwas verloren am Stand seines Unternehmens bei der Fashion China. Welchen Eindruck hat er davon, wie sich Chinesen kleiden? "Keinen, ich bin gestern vom Flughafen hierher gehetzt, es war Chaos, jetzt sitze ich seit einer Stunde hier und sammle Visitenkarten."

Auf der Straße hätte ihm auffallen können: Leute in Shanghai ziehen sich schicker an als die in Herford oder Berlin, obwohl das monatliche Durchschnittseinkommen in der Metropole umgerechnet nur 139 Euro beträgt. Chinesen, wenn zu etwas Geld gekommen, legen mehr Wert auf Äußeres als Deutsche. "Die Verbraucher hier geben 20 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Textilien und Bekleidung aus", weiß Böse. "In Deutschland stagniert das bei drei bis fünf Prozent."

Viele chinesische Reporter und Partygirls tragen bei der Boss-Show Jacketts mit Etikett von Hugo Boss oder Handtaschen mit Gucci-Logo, die aber nicht unbedingt von diesen Firmen hergestellt worden sind. Die Chinesen sind nicht nur die neuen Export-Sieger, sondern auch Weltmeister im Fälschen. "Wir kooperieren mit Regierung und Rechtsanwälten, um dem Missbrauch entgegenzuwirken", sagt Vorstandsvorsitzender Bruno Sälzer. "Aber auf der anderen Seite wären wir auch ein bisschen beleidigt, wenn wir nicht kopiert würden."

Adrian Geiges / print