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Vintage: Des Kaisers alte Kleider

Kaufen Sie noch secondhand, oder tragen Sie schon Vintage? Bei Angelo Caroli in Mailand findet man die neuen Gebrauchten der Saison: Retro-Stücke mit Geschichte.

Der Vintage-König von Mailand könnte selbst sein bester Kunde sein. Die Nadelstreifenweste ist aus den 70er Jahren, das schwarze Pierre-Cardin-Hemd aus den Sechzigern, die "Chucks"-Turnschuhe aus den frühen Achtzigern. "Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein neues Kleidungsstück getragen habe", sagt Angelo Caroli, "die Unterwäsche natürlich ausgenommen." Der 46-Jährige sitzt im Untergeschoss des "Vintage Spirit Multistore", einer Boutique, in der Raritäten aus einem halben Jahrhundert Modegeschichte angeboten werden. Mit herkömmlichen Secondhand-Läden hat dieses Shop-in-Shop-Konzept wenig gemein: Auf drei Ebenen sind die Kleider, sorgsam sortiert nach Jahrzehnten und Themen, angenehm übersichtlich drapiert. Hier mufft nichts, hier fällt nichts auseinander - und: Hier gibt es kein einziges Stück zweimal.

Während der Mailänder Modewoche herrscht am Piazza G. Cantore 3 reger Betrieb. Redakteure und Stylisten suchen, inspiriert von den gerade auf den Laufstegen präsentierten Trends, nach den Originalen, den Vorbildern, welche die Designer für die kommenden Kollektionen zitieren. Eine Bluse mit dem typischen Pucci-Print, ein Kleid von Courrèges in A-Linien-Form - bevor die Sechziger in den Läden ihr Comeback feiern, sichern sich die Trendjäger hier ihre einzigartige Beute.

Vintage-Kleidung boomt, denn in Zeiten globalisierter Mode wächst der Wunsch nach dem außergewöhnlichen Stil. Die großen Marken gibt es von Paris über Mailand bis Shanghai, in die Provinz bringt sie das Internet. Nichts also zählt in der Mode derzeit mehr als Individualität. Und was kann man tun, wenn alle das Gleiche tragen? Ein Stück suchen, das es nur noch einmal gibt. "Der Einheitslook ist out", sagt Caroli. Niemand geht mehr von Kopf bis Fuß in einen Designer gekleidet. Man trägt einen Mix aus High Fashion und Modeketten, aus Alt und Neu. Schließlich blicken auch die Designer immer öfter zurück in die eigene Vergangenheit. Traditionsfirmen wie Gucci holen alte Muster aus den Archiven und verwandeln sie in aktuelle Entwürfe.

Nicht selten wenden die Unternehmen sich dabei an Caroli, der in seinem Hauptquartier, dem "Angelo Vintage Palace" bei Lugo nahe Bologna, nicht nur rare Kleider verkauft, sondern auch eines der größten Modearchive Italiens unterhält. 60 000 unverkäufliche Stücke, davon 1800 Paar Jeans, umfasst das Archiv, das Caroli seit 1978 aus aller Welt zusammenträgt. Manch großes Modehaus hat hier schon die eigene, lückenhaft dokumentierte Firmenvergangenheit rekonstruiert. Richard Gere zählt ebenso zu Carolis Kunden wie die italienische Sängerin Anna Oxa.

Wie schafft es denn ein Kleidungsstück in Ihre Sammlung, Herr Caroli? Ist alles, was alt ist und einen Designernamen trägt, automatisch Vintage? Caroli fällt die Definition des Modewortes (selbst bei H&M gibt es neuerdings "Vintage"-Ecken) leicht. "Das Wort Vintage ist eine Ableitung des französi-schen "vendange" - der Weinlese. Dort bezeichnet es einen besonders guten Jahrgang." In der Mode, sagt Caroli, bedeutet Vintage ei-ne besondere Auswahl von Kleidungsstücken, die mindestens 20 Jahre alt sind. Der Designername zähle dabei weniger als die Qualität und Verarbeitung. Grundsätzlich gelte: je älter, desto wertvoller.

In 30 Jahren hat Angelo Caroli gelernt, anhand von Material, Nähten, Futter und Verarbeitung das Entstehungsdatum eines Stücks bis auf vier bis fünf Jahre zielsicher einzuordnen: "Im Innenleben sind die meisten Informationen über ein Kleidungsstück versteckt." Für den Laien seien die echten Perlen jedoch kaum zu erkennen. Jahrelang hat Caroli sich durch Kleiderberge von Haushaltsauflösungen, Flohmärkten oder Altkleidersammlungen gewühlt, jetzt würden ihm die Stücke meist direkt zum Kauf angeboten, sagt er.

Auch der Pariser Vintage-Experte Didier Ludot ersteht die Highlights seines Bestandes meist bei privaten Kleiderverkäufen. Er gerät ins Schwärmen, wenn er von dem Moment berichtet, als er im Schrank einer alten Dame "Salade" entdeckte, ein Kleid von Yves Saint Laurent für Dior von 1960. Allerdings, fügt Ludot zerknirscht hinzu, habe auch die Dame um den Wert des Kleides gewusst. Mittlerweile sei hochwertige Vintage-Ware auch im Ankauf schon sehr kostspielig geworden. Didier Ludot verkauft seit 32 Jahren im Garten des Pariser Palais Royal. Miuccia Prada und Karl Lagerfeld gehören zu seinen Kunden. Im Ladenfenster stehen Schuhe von Roger Vivier für Christian Dior, umrahmt von unzäh-ligen Hermès-Taschen aus den 60er Jahren. Preis: 1000 bis 4000 Euro. Nebenan hängen die Roben von Madame Grès neben Entwürfen des New Yorker Modemachers Zac Posen, Jahrgang: 2003. Nanu, ist auch das Vintage, Monsieur Ludot? Unbedingt: "Für mich ist Vintage Kleidung, die für den Look einer Epoche steht, für den Stil eines Designers."

So liegt gerade bei dieser Mode das Empfinden für Schönheit und Wert ganz stark im Auge des Betrachters. Caroli gesteht eine besondere Vorliebe für die 60er Jahre, Ludot kann nichts widerstehen, was zuvor in berühmten Händen war. Wenn ein Balenciaga-Kostüm einmal von Barbara Hutton getragen wurde, "dann hat das einfach etwas Magisches!", findet er.

Das teuerste Kleid, das Didier Ludot je verkauft hat, war von Dior, Jahrgang 1955, Preis: 40 000 Euro. Reese Witherspoon trug es bei der Oscar-Verleihung. Für Ludot nicht überraschend: Sie nahm darin die begehrte Trophäe entgegen.

Mareile Grimm, Katrin Kruse / print