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Serie "Landsleute" "Kneipen-Jule" in der Zwangspause – im Keller werden die Bierfässer schal

Renate Schimm - die "Kneipen-Jule"
Renate Schimm - die "Kneipen-Jule"
© Philipp Wente/stern
Keine Gespräche am Tresen, keine geteilten Sorgen. Nur Josef, 92, klopft einmal die Woche ans Fenster – vergeblich. Die Pandemie hat Renate Schimms "Palette" in Dortmund in die Pause geschickt. Kneipe, sagt sie, ist Familie. Gerade jetzt fehlt sie besonders.
Von Lucas Vogelsang

Wenn sie jetzt zum Putzen in die Kneipe fährt, am Dienstag zum Beispiel, dauert es nicht lang, bis es klopft. Weil der Rollladen oben ist, drinnen plötzlich das Licht wieder brennt. Hoffnungsschimmern.

Draußen hinter dem Milchglas der Tür dann ein verschwommener Schatten, eine schon ungeduldige Faust an der Scheibe. Meist ist es der Josef, das kann sie an der Zipfelmütze schon sehen.

Ein Klopfen, das keine Antwort findet

Josef, der im Sommer 92 Jahre alt wird, der allein lebt und nur noch schwer hört. Er ist ihr ältester Gast, sie kennen sich seit über 20 Jahren. Renate Schimm, die Wirtin, sitzt dann hinten in der Küche, schon müde vom Schrubben, von den Wochen ohne Kontakt. Und würde so gern. Nach vorn, als wäre alles beim Alten. Am Ende aber geht sie nicht hin, am Ende wartet sie, bis das Klopfen verstummt.

Weil sie den Josef nicht enttäuschen möchte. An anderen Tagen klingelt das Telefon, daheim bei ihr in der Wohnung. Dortmunder Norden, Borsigplatz. Dann melden sich die bekannten Stimmen. Wollen wissen, wie es ist. Wann machste denn? Wann darfste wieder?

Die große Sehnsucht. Es zerreißt ihr das Herz. Weil sie doch nur wieder sagen kann, was sie seit Wochen schon sagt. Die "Palette" bleibt zu. Dann kommt das alles wieder hoch. Kneipe, sagt Renate Schimm, ist Familie.

Und natürlich spürt sie die Abwesenheit, hinten allein in der Küche. Natürlich fehlt ihr die Kneipe. Das Leben da­rin. Während unten im Keller die letzten Fässer schal werden, das Bier langsam verrottet.

Ein Kind der Gaststätten

Renate Schimm war schon immer in Gaststätten zu Hause. Hier in Dortmund. Und vorher auch in Berlin, wo sie geboren wurde. Ich bin eben die Kneipen-Jule, sagt sie. Wer nichts wird, das weiß man ja, wird Wirt. Dabei wollte sie eigentlich was ganz anderes machen.

Landschaftsgärtnerin, hatte es immer schon mit der Natur. Aber das ging nicht. Meine Mama, sagt sie, war lieb. Mein Stiefvater nicht. Deshalb brauchte ich eine Stelle, wo ich auch schlafen konnte. Da bot sich die Kneipe an, ein Bett über der Gaststätte, das gab es meist. So wurde sie Serviererin, dieses immer wieder starke Wort Tresenkraft.

Renate Schimm hat dann früh geheiratet. Eine Kinderehe, sagt sie. Als die zerbrach, war ihr die Stadt bald zu klein. So zog sie in den Dortmunder Norden, von Berlin aus gesehen der überhaupt tiefste Westen.

Erinnerung an bessere Zeiten: die bekannten Gesichter, diese über Jahre ­gelernten ­Gespräche
Erinnerung an bessere Zeiten: die bekannten Gesichter, diese über Jahre ­gelernten ­Gespräche
© Philipp Wente/stern

Dort bekam sie ihr zweites Kind, war erst mal Mutter vor allem und kehrte schließlich doch hinter die Theke zurück. So hat sie, 70er Jahre, erst in der Axtmann-Stube gearbeitet, die ihren Namen dem Verpächter verdankte, der Axt hieß und Boxer war. Dann in der Thierkate, die nach dem Bier benannt war, das dort floss.

Damals nämlich, das muss man wissen, war Dortmund noch Bierhauptstadt, mit acht eigenen Brauereien. Und am Ende, nach einer langen Pause, die 90er Jahre gerade vorüber, ist sie in der "Palette" gelandet. Alsenstraße 79. Kneipen-­Jule, watt willste machen. Drei Jahre später übernahm sie den Laden. Seitdem steht sie hier, in Eigenregie. Von früh bis Mittag, außer Montag und Freitag. Unaufgeregt und verlässlich.

Kneipe, da teilt man die Sorgen

Dabei war gerade der Anfang nicht leicht. Weil sie sich gleich nach der Schicht auch zu Hause kümmern musste. Erst um die Mutter, die einen Schlaganfall hatte und nie wegziehen wollte. Dann um den Mann, es war ihr zweiter, der es mit der Lunge bekam.

So machte sie Frühstück, lief dann rüber zur Kneipe. Stand hinterm Tresen, immer wieder frühe Biere, und nachmittags am Krankenbett. Ging einkaufen später, trug schwer bis nach oben. Zehn Jahre lang.

Ihre Gäste, logisch, wussten davon. Familie, da tauscht man sich aus, da teilt man die Sorgen. Und zum Siebzigsten dann, als Dankeschön auch, gab es die große Überraschung.

Da hatten sie zusammengelegt und ihr eine Reise nach Berlin geschenkt. Mit Zug und Hotel und dem ganzen Pipapo. Und Renate Schimm stand in der Mitte der Kneipe, auf einem wackligen Stuhl, und wusste gar nicht, wohin mit sich. Ich habe, sagt sie, Rotz und Wasser geheult.

Die über Jahre gelernten Gespräche

Sie ist dann im Mai gefahren. Berlin, immer noch Heimat. Da war die Mutter gerade gestorben. Ihr Mann ging im Winter danach. Geblieben sind ihr die Kinder und Enkel. Aber die, sagt sie, wohnen ja auch nicht um die Ecke. Umso wichtiger ­waren die Gäste, die andere Familie. Die immer schon durstige Verwandtschaft.

Renate Schimm erzählt gern davon. Kneipe, das ist ja vor allem ein Gefühl. In der Kneipe, da ist sie unter Menschen, da wird sie gebraucht. Macht noch ein Maria, setzt die Hausordnung durch, hört die Nöte und schreibt die Schulden auf den Deckel.

Routine, das gehörte doch immer dazu. Geblieben sind ihr die Erinnerungen, an die normalen Tage, das eigentliche Leben. Die Rollläden oben, das Blinken der Automaten. Draußen schon wieder Wetter, eine noch mal andere Nachbarschaft. Drinnen die wohlbekannten Gesichter, dieses Stelldichein, diese über Jahre gelernten Gespräche.

Ihre Stammgäste liegen ihr am Herzen

Die meisten sind Stammgäste, sagt sie jetzt. Die kennen sich, leben Tür an Tür. Und natürlich kann sie jeden hier am Getränk schon erkennen. Oder umgekehrt. Die zeigen, sagt sie, und ich weiß, was die wollen. Und natürlich weiß sie von jedem Gast, wie er heißt und wo er wohnt. Das schreibt sie sich auf, in ihr sogenanntes Gästebuch. Der alte Josef, der Harald mit den Krücken.

Oder der Blonde in der Ecke, den sie Locke nennt oder Finanzminister, weil er die Einkäufe erledigt. Und wenn einer Theater macht, dann kriegt er eine, und manchmal auch zwei. Weil ich nicht geizig bin, sagt sie und lacht. Man darf ja den Spaß nicht vergessen. Dann lässt sie die ­Muskeln spielen, Tresenkraft.

Aber, sagt sie, ich muss mir nie Sorgen machen, dass einer seine Schulden nicht bezahlt. Außer, er ist am Ersten gestorben. Solche Leute sind das. Lieb und gefällig. Schon steht die Wehmut am Tresen. Denn die Tage sind lang ohne Kneipe. Und leise, ohne Gespräche. Renate Schimm, zu Hause lässt sie jetzt immer den Fernseher laufen, nebenher. Damit sie überhaupt irgendwas hört. Und ich mache, sagt sie, jeden Tag zehn Kreuzworträtsel. Damit der Kopf helle bleibt.

Der Samstag macht ihr am meisten zu schaffen

Am Samstag dröhnt die Stille besonders. Denn am Samstag, da spielt die Borussia. Und wäre alles, wie es sein sollte, dann würde Renate Schimm länger bleiben und mit den Gästen zusammensitzen, während hinten das Radio läuft.

Die Kneipe kann sich die Spiele im Fernsehen nicht leisten, deshalb gab es hier schon immer WDR 2, Konferenz. Heileweltempfänger, als wäre die Zeit stehen geblieben. Viel eher aber hat sich die Zeit irgendwann einfach in eine der Ecken gesetzt, noch ein Pils bestellt und ist von da an einfach geblieben. Ein Stammgast mittlerweile, wie die anderen.

Die größte Veränderung in all den Jahren? Früher, sagt Renate Schimm, durfte man rauchen. Und wenn die Borussia trifft, Tor in Dortmund, dann steht die Kneipe und singt. Sie können das Stadion hören von hier, sie sind alle am Borsigplatz geboren. Nur sind die Ränge jetzt leer und die Kneipen geschlossen.

Alter ist nur eine Zahl für Renate Schimm

Wir können’s nicht ändern, sagt sie und lacht. Trotz allem. Renate Schimm ist 77 Jahre alt, sie ist seit zwölf Jahren Rentnerin. Aber sie wird die "Palette" wieder aufmachen, sobald sie darf. Das hat sie den Gästen versprochen. Alter, sagt sie, ist nur eine Zahl. Hätte meine Mutter länger gewartet, wäre ich jünger.

Und trotzdem, an Tagen wie diesen allein in der Küche, beschleicht es sie. Dann merkt sie wieder, wie schwer es ihr fällt. Der Lappen in der Hand, die Fässer im Keller. Der Kopp ist noch in Ordnung, sagt sie, nur die Beene sind schwer.

Dann, unweigerlich, sitzt auch die Frage mit am Tisch. Wie lange, Renate, willst du das noch machen? Die Kneipe. ­ Dieses Hobby, wie es die Tochter seit Jahren schon nennt. Es bleibt ja am Ende nichts übrig. In Zahlen: nüscht. Dazu 596 Euro Rente. Nur zum Sterben zu viel. Wenn ich die Kinder nicht hätte, sagt sie, wäre es schwierig gerade. Die Hilfen, die Pacht, eine traurige Rechnung.

Eine Frau mit Herz

Die Gäste allerdings brauchen sie noch. Die, sagt sie, wissen nicht, wo sie sonst hinsollen. Und wenn sie zumacht, dann ist auch die "­Palette" vorbei. Dann würde dieser Ort verschwinden. Zwei Jahre, sagt sie, mache ich das noch.

Eine letzte Runde also, und dann noch eine. Und danach? Vielleicht, sagt sie, werde ich Trauerrednerin. Renate Schimm, sie hat das schon öfter gemacht. Am Grab eines ­Gastes gestanden. Die letzte Ehre, weil dort sonst niemand sprechen würde.

Viele, sagt sie, haben nicht viel. Keinen Redner, keine Familie, da wird nichts gemacht. Deshalb geht sie dann mit, findet noch Worte. So nimmt auch die Kneipe Abschied.

Erschienen in stern 12/2021

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