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Ultimatives Wundermittel: Açaí - eine Superfrucht rettet den Regenwald

Die Amazonasfrucht Açaí gilt als Superfood. Doch nicht die angebliche Wunderwirkung auf den Körper macht sie zu einer Superfrucht, sondern eine viel größere Leistung: Sie rettet gerade den brasilianischen Regenwald. Nur wie lange noch?

Von Andrzej Rybak

Amazonasfrucht Açaí

Für die Bewohner des Amazonasdeltas ist Açaí das Hauptnahrungsmittel

Die Hoffnung hängt in zwölf Meter Höhe, im Schatten einer Palmenkrone, kaum auszumachen von hier unten, wo der Bauer Jorge Rodrigues da Costa steht. Kleiner als eine Kirsche ist sie, mit Hunderten anderen reiht sie sich zu Rispen auf, Açaí, die Wunderfrucht.

Um zu da Costa zu gelangen, muss man von der Stadt aus stundenlang mit einem alten Amazonasdampfer durch ein Labyrinth an Kanälen und Seitenflüssen fahren. An den Ufern zieht der Regenwald vorbei, in dem Affen, Faultiere und Wasserschweine leben. Irgendwann wird der Fluss enger, und inmitten der üppigen Vegetation tauchen bunte Holzhäuser auf, zum Schutz gegen Überschwemmungen auf Pfählen gebaut. In den Gärten wuchert eine verschwenderische Blütenpracht, dazwischen wachsen, tausendfach, Açaí-Palmen.

Açaí: Rund um die Welt eine Glückszutat

Viele sehen in der Palmenfrucht einen Heilsbringer: Falten lindern soll sie, beim Abnehmen helfen, Entzündungen hemmen. Sie soll die Konzentration schärfen und die Potenz steigern. Dazu das Immunsystem stärken und, selbst das behaupten manche, Krebs bekämpfen.

So ist Açaí (gesprochen: A-sa-i, Betonung auf i) rund um die Welt zu einer Glückszutat geworden. Millionen Mal gepostetes Instagram-Motiv, foodblogfüllend, die schöne Unbekannte in der Müsli-Bowl. Eine Spur Exotik auf dem Küchentisch in Berlin-Kreuzberg oder Brooklyn.

Während die Healthfood-Anhänger in den Metropolen noch darauf hoffen, dass Açaí sie gesund und schön macht, freut sich der Bauer Jorge Rodrigues da Costa über eine Wunderwirkung der Frucht, die bereits eingetreten ist: In seiner Hütte steht ein Fernseher. Weil er Açaí erntet, kann er sich das Gerät leisten. Wie sehr der Hype um die Frucht sein Leben verändert hat, begreift man, wenn man mit ihm auf seiner Veranda im Urwald sitzt.

Es ist früh an diesem Tag, ein Nebelschleier liegt noch über dem Pracuúba-Fluss, doch die Luft ist schon drückend heiß, hier auf der Insel Marajó, brasilianisches Amazonasdelta. Urwaldgrünes Niemandsland. Belém, die Hauptstadt des Bundesstaats Pará, liegt nur 150 Kilometer entfernt, doch hier tut sich eine andere Welt auf.
Da Costa blickt auf den Fluss. Vereinzelt fahren Motorboote vorbei, das metallische Knattern der Außenbordmotoren zerreißt die Stille. Das, sagt er, habe es vor einigen Jahren nicht gegeben. "Außenbordmotoren! Das war Luxus! Gepaddelt sind wir, mit dem Kanu. Doch heute muss sich das keiner mehr antun. " Er zeigt in sein Haus. "Schau, was wir uns heute leisten können. Einen Kühlschrank, zwei Tiefkühltruhen, einen Gasherd. Und einen Fernseher, mit Parabolantenne. Wir haben unsere Goldader gefunden: Açaí. " Für die Bewohner des Amazonasdeltas ist Açaí das Hauptnahrungsmittel. Sie essen den dunkelvioletten Brei bis zu dreimal täglich, gemischt mit Maniokkrümeln. Açaí wird als Beilage zu gebratenem Fisch oder Scampi serviert, ein regionales Sprichwort heißt "Sem açaí continuo con fome" , ohne Açaí bin ich immer noch hungrig. In der Hauptstadt Belém gibt es um die 5000 Läden, die frischen Açaí-Saft verkaufen.

Preis hat sich in zehn Jahren vervierfacht

Inzwischen leben nicht mehr nur die Bewohner im Norden Brasiliens von der Frucht, inzwischen will die ganze Welt sie. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Preis vervierfacht, und die Händler können gar nicht genug von ihr bekommen.
Der globale Siegeszug der Açaí-Beere hat mit einer Wortschöpfung zu tun, die ziemlich ungenau und doch so heilversprechend klingt: Superfood. Immer neue Früchte, Beeren, Samen oder Wurzeln werden als besonders gesund verkauft. Chia-Samen etwa, Matcha-Tee, Quinoa oder Amaranth. Der Umsatz mit diesen vermeintlichen Wundermitteln ist in den vergangenen Jahren explodiert, der Verkauf hat sich teils verdreifacht. Peru plant inzwischen sogar, zum "Superfood-Exporteur" Nummer eins zu werden, eine eigene Marke wurde eigens dafür entworfen.

Was alle Superfoods gemeinsam haben: Ihre Namen klingen exotisch, ihr Marketing basiert auf einer Legende ("Schon die Azteken aßen … ") und kaum eine medizinische Studie belegt die Wunderwirkung.

Doch zieht man mit da Costa durch die Urwälder Brasiliens, fragt man sich irgendwann, ob Açaí das nicht wirklich ist: eine Superfrucht. Nicht unbedingt eine, die den Körper heilt, sondern eine, die den Urwald und seine Bewohner rettet.

Während für die Avocado (auch ein angebliches Superfood) hektarweise Plantagen in Südafrika entstehen, endlose Monokultur-Wälder, werden die Açaí-Palmen im Amazonasbecken von einheimischen Kleinbauern nachhaltig angepflanzt. Das nutze dem Regenwald, sagen einige Forscher.

Açaí-Palmen wachsen auf den schlammigen Várzea-Böden des ufernahen Regenwaldes. Während der Regenzeit werden sie regelmäßig vom Amazonas und seinen Nebenflüssen überflutet. Für andere Nutzpflanzen ist der Grundwasserspiegel zu hoch die ursprüngliche Natur bleibt somit erhalten.

Rund zwei Millionen Ribeirinhos, wie die Uferbewohner genannt werden, leben heute in 30 000 Dörfern und Gemeinden an den Flussläufen des Amazonasbeckens auf einem Gebiet so groß wie ganz Europa. Die Nachkommen der Indios, portugiesischen Kolonisten und afrikanischen Sklaven sind Selbstversorger, auf kleinen Feldern im Urwald bauen sie seit Jahrhunderten Maniok und Bananen an, ohne die Natur zu zerstören. "Sie sind die wahren Wächter des Urwalds" , schwärmt João Meirelles Filho, Direktor des Instituto Peabiru in Belém, das sich der sozio-ökologischen Entwicklung des Amazonasdeltas widmet.

Sie braucht keinen Dünger, keine Pestizide

Bei den traditionellen Açaí-Pflanzungen nutzen die Ribeirinhos lichte Stellen für die Setzlinge. Dabei erhalten sie die meisten Bäume, denn diese ziehen Insekten an, die für die Bestäubung der Açaí-Palme notwendig sind. Mit ihren langen Wurzeln holen die Bäume Nährstoffe aus den tiefen Bodenschichten hoch, von denen auch die Palme profitiert. Weil Açaí unter Bedingungen wächst, die dem natürlichen Wald ähnlich sind, braucht sie keinen Dünger, keine Pestizide. Ein Naturprodukt.

"Die Frucht beschert den Menschen der Region ein anständiges Einkommen, vielleicht zum ersten Mal überhaupt" , sagt João Meirelles Filho. "Nun lohnt es sich für sie, den Wald zu erhalten, statt ihn zu fällen und das Holz zu verkaufen. " Auf der Veranda, am Ufer des Pracuúba-Flusses, tritt da Costa aus dem Haus, hinter ihm sein Sohn Ossi. Der Sohn lädt Körbe in ein Boot und beginnt, eine Machete zu schleifen. Die Açaí-Früchte müssen gepflückt werden. Erntezeit.

Nach einer kurzen Kanufahrt folgt Ossi einem kaum sichtbaren Pfad, überquert zwei kleine Bäche und bleibt nach einem kurzen Marsch an einer Lichtung stehen. Açaí-Palmen umgeben Ossi und seinen Vater, die Früchte hängen schwer unter den Blättern. Ossi legt sich eine Peconha um die Füße, ein etwa 40 Zentimeter langes Band, und beginnt zu klettern. Die Peconha schmiegt sich um den Stamm, Ossi steigt immer höher. Oben angekommen, schneidet er die Rispen mit einem Messer ab und rutscht am Stamm hi nunter. Fünf bis sechs Dolden braucht er, um einen Korb mit Açaí-Früchten zu füllen.

Kurz vor Mittag wird die Hitze im Wald unerträglich, die hohe Luftfeuchtigkeit treibt Ossi Schweißperlen auf die Stirn. Er schleppt die Körbe zu einem Kanal, packt sie in sein Kanu und fährt nach Hause. Dort dümpelt bereits ein Frachtboot an dem hölzernen Anleger. Es gehört Klebson, einem Cousin, der die Früchte in die zwei Stunden entfernte Stadt São Sebastião da Boa Vista bringt. In der örtlichen Fabrik werden sie zu einem Püree verarbeitet und vakuumverpackt. Das muss schnell gehen, denn die Frucht vertrocknet rasch. Ossi hebt seine Açaí-Körbe auf das Boot des Cousins. Für jeden Korb, rund 14 Kilo schwer, bekommt er je nach Saison bis zu 30 Real, etwa zehn Euro.

Surfer brachten die Frucht nach Rio de Janeiro

Noch vor 20 Jahren war Açaí abseits des Amazonas so gut wie unbekannt. In den Neunzigerjahren brachten Surfer die Frucht nach Rio de Janeiro, innerhalb kurzer Zeit wurde sie dort populär, in den Fitnessstudios und Healthfood-Bars an der Copacabana und in Ipanema. Der Geschmack purer Açaís ist anfangs ungewohnt, für manche gewöhnungsbedürftig. Die Pulpe schmeckt etwas herb, ein wenig nach frischem Kakao, ein wenig nach Avocado. Feine Stückchen der Fruchthaut knirschen zwischen den Zähnen. Doch gemixt mit Bananen oder Joghurt wird der Brei genießbar, die Sportler hatten die perfekte Mahlzeit gefunden.

Wieder war es ein Surfer, der den Zaubersaft weiterverbreitete: Ryan Black machte nach seinem Uni-Abschluss Urlaub mit zwei Surfkumpeln in Rio. Zurück in Kalifornien gründeten die Freunde 1999 eine Firma, Sambazon, mit der sie Açaí importierten. Zunächst erreichten sie die junge, maskuline Extremsport-Gemeinde; Surfer, Skater, Snowboarder. Als die Unternehmer 2003 zum Sundance Film Festival eingeladen wurden, gelang ihnen der Durchbruch: Black mixte Açaí-Smoothies für Stars wie Jodie Foster und Mel Gibson, Hochglanzmagazine druckten die Bilder. Açaí stieg über Nacht auf zur Celebrity-Frucht. Als kurze Zeit später Oprah Winfrey in ihrer Talkshow Açaílobte, gab es kein Halten mehr: Noch 2004 hatten die US-Amerikaner Açaí-Produkte für 3,8 Millionen Dollar gekauft, nur sechs Jahre später gaben sie mehr als 122 Millionen Dollar dafür aus.

Das Marketing wurde immer kreativer: Açaí wurde als ultimatives Schlankheitsmittel beworben, "The Miracle Diet" . In nur 60 Tagen sollte die "Anti-Aging-Berry" die Haut glätten. Da die Marketing-Leute den Namen von Oprah Winfrey als Gütesiegel benutzten, ging die Talkmasterin 2009 gegen 40 Firmen gerichtlich vor. Sie gewann.

In den Jahren darauf schwand der Glaube an die Heilsversprechen. Healthfood-Anhänger fühlten sich betrogen, Käufer verlangten ihr Geld zurück. Der Markt brach ein, der Ruf von Açaí galt als schwer beschädigt.

Natürlichkeit und Authentizität: Açaí erfüllt Sehnsüchte

Doch der Traum von der ewigen Jugend ist so groß, dass viele doch wieder auf Açaí hoffen. Und so bekam in den vergangenen Jahren der Siegeszug der Amazonasfrucht einen neuen Schub am Ende vielleicht einen stärkeren als jemals zuvor. Gerade in den Großstädten sehnen sich die Menschen nicht nur nach Gesundheitswundern, sondern auch nach Natürlichkeit. Nach Authentizität. Açaí erfüllt diese Sehnsüchte.

Inzwischen ist die Nachfrage allerdings so groß, dass sich die Wunderwirkung der Frucht für den Regenwald und seine Bewohner ins Gegenteil verkehren könnte. In der Amazonasregion wird die Frucht immer teurer. Der Preis für einen Liter Saft ist in Belém seit 2006 von fünf auf 20 Real gestiegen. Die Regierung von Pará will die Produktion weiter steigern. Im Rahmen des staatlichen Programms Pro-Açaí soll die Anbaufläche der Açaí-Palme bis 2020 um 50 000 Hektar erweitert werden heute wird sie auf etwa 150 000 Hektar angebaut. Dazu sollen auch große Plantagen angelegt werden. Das brasilianische Forschungsinstitut Embrapa experimentiert seit Jahren mit neuen Samen, die sich für eine Monokultur eignen. "Bei richtiger Bewässerung und Düngung könnten wir Erträge von zehn bis zwölf Tonnen pro Hektar erzielen, doppelt so viel wie im Urwald", sagt der Agronom Jose Leite. Schon jetzt wird Açaí auch in Bahia und Maranhão gepflanzt, weit weg von dem ursprünglichen Verbreitungsgebiet. Für die Kleinbauern wären solche Monokulturen eine harte Konkurrenz.

Im Moment aber ist noch alles offen. Noch gibt es die geplante Massenproduktion nicht, noch freut sich Jorge Rodrigues da Costa über seinen Außenbordmotor und den Fernseher. Açaí sichert den Armen das Einkommen und hilft dem Regenwald. Açaí, das Superfood.

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