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Wiederholung im Fernsehen: Ihr habt genug über den Holocaust gehört? Diese 40 Jahre alte Serie solltet ihr dennoch sehen

Als die US-Serie "Holocaust" 1979 in Deutschland gezeigt wurde, sorgte sie für große Diskussionen. Jetzt wird sie wiederholt – und lohnt sich auch für die Nachnachkriegsgeneration. Gerade für die.

Serie Holocaust

Die US-Serie "Holocaust" aus dem Jahr 1978 zeigt die Geschichte einer jüdischen Familie in Nazi-Deutschland

Picture Alliance

Wer heute mit Menschen zwischen 20 und 30 über den Holocaust spricht, der schaut oft in verdrehte Augen. "Nicht schon wieder", sagen diese Augen und manchmal auch der Mund. Junge, auch gebildete Menschen in Deutschland möchten sich nicht mehr als unbedingt notwendig mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte ihres Volkes befassen. Die einen haben in ihrer Schulzeit, in der der Holocaust ausgiebig im Geschichtsunterricht behandelt wird, zu viel von dem Thema gekriegt. Andere fühlen sich mit der Grausamkeit der Judenvernichtung überfordert, all das geht ihnen zu nahe. Wieder andere fragen sich, was die Verbrechen der Nazis vor mehr als 70 Jahren mit uns zu tun haben und ob wir uns nicht endlich davon lösen sollten.

Ähnlich kann man über die Serie "Holocaust" denken, die gerade in den dritten Programmen der ARD wiederholt wird. Bei ihrer Erstausstrahlung in Deutschland 1979 sorgte die US-Produktion für riesige gesellschaftliche Debatten. Aber was kann uns eine 40 Jahre alte Serie, der man ihr Alter auch ansieht, heute noch sagen? Die Antwort ist: eine Menge. Denn die Parallelen zu unserer Gegenwart im 21. Jahrhundert sind mitunter so verblüffend, dass es sich lohnt, dafür mal auf einen Netflix-Marathon zu verzichten und tatsächlich mal wieder den guten alten Fernseher anzuschalten (oder die Mediathek aufzusuchen).

"Holocaust": eine jüdische Familie in Nazi-Deutschland

Die Serie erzählt in vier Folgen die Geschichte der Judenverfolgung und -vernichtung durch die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler. Erzählt wird die Geschichte der jüdischen Familie Weiss. Der Opa ist Weltkriegsveteran, der Vater renommierter Arzt, der Sohn heiratet in eine angesehene Familie. Sie alle fühlen sich als Deutsche, doch im Laufe der Jahre werden sie von den Nazis zunächst immer mehr aus der Gesellschaft gedrängt und schließlich ins KZ deportiert werden. Parallel dazu gerät der arbeitslose Jurist Erik Dorf, ein Patient von Dr. Weiss, eher zufällig in den Nazi-Apparat, steigt dort aber schnell auf und identifiziert sich auch zunehmend mit der nationalsozialistischen Ideologie.

Man kennt solche Geschichten aus Hollywood, sowohl von Täter- als auch von Opferseite. Das Besondere an der "Holocaust"-Serie ist der lange Zeitraum, den sie abdeckt: von 1935 bis zum Kriegsende. Denn bei all den bewegenden Filmen, im Geschichtsunterricht, in der Uni und bei den Auschwitz-Besuchen bleibt doch immer die Frage: Wie konnte das passieren? Eine Antwort kann natürlich auch die Serie des Regisseurs Marvin J. Chomsky nicht geben, damals ebensowenig wie heute. Aber sie kann unserer Generation ein Gefühl für die Geschehnisse jener Zeit vermitteln – und uns warnen.

Parallelen zur heutigen Zeit

Vor allem in der ersten Folge nämlich fühlt man sich bei einigen Szenen und Charakteren auch an unsere Zeit erinnert. Da sind Menschen, die mitgeholfen haben, ein Land aufzubauen, sich ganz selbstverständlich als Teil dessen verstehen und trotzdem nie dazugehören, bis sie schließlich sogar offen angefeindet werden. Immer wieder sagen die Juden Sätze wie "Schlimmer kann es nicht mehr werden". Da ist der Judenhass im Deutschen Reich schon lange gang und gäbe – und es sollte erst der Anfang sein. Andere Nationen lehnen flüchtende, hilfesuchende Juden ab und überlassen sie ihrem Schicksal unter Hitler.

Die meisten Deutschen in der Serie haben zunächst gar nichts gegen Juden, sie stehen auch Hitler eher neutral – man könnte sagen: gleichgültig – gegenüber. Sie lassen sich von einem gesellschaftlichen Klima aus Angst und Hetze radikalisieren. Nazis werden viele von ihnen nur als Mitläufer, so wie Erik Dorf, der nach langer erfolgloser Jobsuche einfach froh ist, eine Anstellung bei SS-Chef Heydrich zu finden. Aus ihm wird ein glühender Nazi, der eine wichtige Rolle in der Todesmaschinerie Auschwitz spielt.

Diskussionen bei der Erstausstrahlung

Bei der deutschen Erstausstrahlung vor 40 Jahren sorgte "Holocaust" für einen gesellschaftlichen Aufschrei. Viele Deutsche verstanden durch die Serie zum ersten Mal die Tragweite der Shoa. Nicht umsonst erzählen einige Zuschauer von damals anlässlich der aktuellen Wiederholung der Serie, dass sie sich noch an jede Szene und jede Figur erinnern könnten. Rechtsextreme verübten damals sogar einen Anschlag auf Funkmasten, um die Ausstrahlung im Fernsehen zu verhindern. Vergebens: Zwischen 10 und 15 Millionen Zuschauer sahen die Sendung.

Heute ist die Situation natürlich anders: Deutschland hat die Nazi-Vergangenheit weitgehend aufgearbeitet, unsere Generation hat einigen Abstand zu den Ereignissen und auch von einer Diktatur oder gar einem weiteren Völkermord ist Deutschland – Gott sei Dank – weit entfernt. Und "Holocaust" ist auch keine Serie, die heute Millionen fesseln würde, sie entspricht nicht den Sehgewohnheiten der Generation Netflix, ist langsam erzählt, ohne Cliffhanger wie bei "Breaking Bad" oder Gags wie bei den "Simpsons".

Ein Thema, mit dem man sich nicht oft genug beschäftigen kann

Und trotzdem lohnt es, sich die Serie auch heute noch zu Gemüte zu führen. Schließlich macht sich auch im Deutschland von 2019 wieder Antisemitismus breit, Fremdenhass greift um sich und mit der AfD sitzt eine Partei im Deutschen Bundestag sowie mittlerweile in allen Landesparlamenten, deren Vorsitzender Alexander Gauland die Nazi-Herrschaft und mit ihr auch den Holocaust als einen "Fliegenschiss der Geschichte" abtun möchte.

"Wehret den Anfängen" ist die Botschaft, die die Nachnachkriegsgeneration aus der Serie "Holocaust" mitnehmen kann. Noch gibt es einige wenige KZ-Überlebende wie Esther Bejarano, Mitbegründerin und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees. Sie sagt: "Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah."  Bald wird es Menschen wie Bejarano nicht mehr geben. Mit ihrem Schicksal kann man sich trotzdem nicht oft genug beschäftigen – damit es nie wieder passiert.

Die ersten beiden Folge von "Holocaust" stehen bereits in der WDR-Mediathek zur Verfügung (bis zum 24. Januar). Die Folgen drei und vier laufen am Montag, 14. Januar (22.55 Uhr) und Dienstag, 15. Januar (22.10 Uhr) im WDR sowie an weiteren Terminen bei NDR und SWR. Im Anschluss sind auch diese Folgen in den Mediatheken der Sender abrufbar.

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