HOME

Codein-Rausch: Deutschlands neue Droge? Warum so viele Rapper plötzlich auf Hustensaft sind

Im ersten Moment klingt es wie ein Scherz, nur ist es nicht witzig: Hustensaft ist die neue Droge in Deutschlands Hip-Hop-Szene – zumindest, wenn man sich die Songs der Rapper genauer anhört. Doch was steckt dahinter? Und wie groß ist die Gefahr, dass sich die Fans von dem irritierenden Trend anstecken lassen?

Vier Rapper aus Deutschland, die allesamt Codein in ihren Texten zum Thema machen

Hustensaft Jüngling (u.l.), Haiyti, Bonez MC und Ufo361 gehören allesamt zu den Rappern aus Deutschland, die Codein in ihren Texten zum Thema machen  

Die Hamburger Rapper Bonez MC und Gzuz von der 187 Straßenbande tun es. Der Berliner Rapper Ufo361 auch. Selbst die von vielen Medien derzeit gefeierte Rapperin Haiyti: Sie alle machen Codein zum Thema ihrer Songs.

Codein ist ein Opiat, das der Ottonormalverbraucher als Mittel gegen Reizhusten kennt. Das ist es laut Ärzten und Apothekern primär auch. "Es wird dagegen oder gegen mittelstarke Schmerzen verschrieben", sagt Ursula Sellerberg, Pressesprecherin der Bundesapothekerkammer. Im Deutschrap ist aus dem Arzneistoff allerdings ein Rauschmittel geworden, daraus machen Künstler wie Bonez MC oder Ufo361 auf ihren Instagram-Profilen keinen Hehl. Regelmäßig zeigen sie in ihren Storys, wie sie das Codein in Verbindung mit Sprite zu sich nehmen.

Neu ist die Glorifizierung von Rauschmitteln im Hip Hop nicht. Speziell Straßenrap hatte schon immer einen Hang dazu, den Konsum von Drogen in Texten zu dokumentieren: ob Anfang der 1990er-Jahre Cypress Hill mit "Hits from the bong" oder im vergangenen Jahr Miami Yacine mit "Kokaina". Dennoch stellt sich die Frage, wieso Rapper auf einmal Limonade mit trinken. Woher kommt dieser Trend? Wie gefährlich ist er? Und wie sehr kann er die größtenteils junge Hörerschaft beeinflussen?

Wie der Hustensaft zum Partygetränk wurde

Jeder, der das Gründungsland des Hip Hop kennt, kann sich denken, wo auch der Trend, Hustensaft mit Limonade zu trinken, herkommt: aus den . Dort wird Codein bereits in den 1960er-Jahren in Texas als preiswertes Partygetränk entdeckt. Soul- und Bluesmusiker missbrauchen das Opiat. Sie mischen den Hustensaft zunächst mit Bier. Ein neues Rauschmittel ist geboren – immer mehr Musiker konsumieren es. Ende der 1990er und Anfang der 2000er macht die Gruppe Three 6 Mafia das Rauschmittel mit ihrem Song "Sippin on some Syrup" landesweit bekannt.

Codein wird zur neuen Inspirationsquelle des Hip Hop. Lediglich die Zubereitung verändert sich über die Jahre etwas. Statt mit Bier wird der rezeptpflichtige Hustensaft nun mit Limonade (in den meisten Fällen Sprite) und zerkrümelten Bonbons konsumiert. Dabei wird es lila, was dem Getränk auch einen seiner vielen Namen gibt: Purple Drank (andere Namen sind Lean, Sizzurp, Syrup, Texas Tea).

Am Rausch ändert sich durch die Zugabe von Limonade nichts. Der sei trotzdem stark, erklärt uns , der ärztliche Leiter des Suchtbereichs Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: "Durch das Opiat wird ganz viel Dopamin (ein Wohlfühltransmitter, Anm. d. Red) im sogenannten Suchtgedächtnis ausgeschüttet. Das sorgt für starke Euphorie. Gleichzeitig findet aber auch eine Sedierung, also Beruhigung statt."

Genau das sei die gewünschte Wirkung des Codein-Rausches. Der Konsum könne aber gravierende Folgen haben, warnt Thomasius. "Das größte Problem bei Codein ist, dass es auf das zentrale Nervensystem einwirkt", sagt der Mediziner. "Das führt zu einer zentralen Atemdepression. Normalerweise würde in so einem Fall ein Schmerzreflex entstehen, der die Atmung wieder stimuliert. Weil die Schmerzrezeptoren durch das Opiat belegt sind und beeinflusst werden, kommt es aber nicht zur reflexartigen Stimulation. Dadurch kann bei einer Überdosis ein Atemstillstand eintreten."

Hinzu kommt, dass jeder Mensch anders auf Opiate reagiert. Beispielsweise sind laut dem Arzt fünf Prozent aller Menschen sogenannte Fast-Metabolizer. Bei ihnen wird das Morphin, das die Leber aus dem Codein herausfiltert, schneller und intensiver freigesetzt. Es kann bei ihnen also viel rascher und bei viel geringeren Mengen zu einem Atemstillstand kommen. Das Gegenteil davon sind die sogenannten Slow-Metabolizer. Bei ihnen wird das Morphin viel langsamer freigesetzt. Das heißt: Sie reagieren kaum oder erst bei viel größeren Mengen. 

Hustensaft Jüngling: "Das ist so die nice amerikanische Droge"

Gering ist das Risiko also nicht, am Codein-Missbrauch zu sterben – und es gibt bereits prominente Opfer. A$AP Yams ist eines davon. Der Gründer des Hip-Hop-Kollektivs A$AP Mob, zu dem auch der bekannte Rapper A$AP Rocky gehört, starb 2015 im Alter von gerade einmal 26 Jahren. Wie später durch einen Sprecher der ärztlichen Leichenbeschauer bekannt wurde, war eine Codein-Überdosis der Grund für seinen Tod.

Auch der Rapper Lil Wayne ist stark abhängig. Das gab er bereits 2008 in einem Interview offen zu. Der 35-Jährige musste deshalb sogar bereits mehrere Tage in Krankenhäusern verbringen. 

Eine abschreckende Wirkung haben diese Fälle aber offenbar nicht. Durch Künstler wie Moneyboy, Bonez MC oder Hustensaft Jüngling ist der Codein-Trend mittlerweile auch in der deutschen Rapszene etabliert. Schüchtern gehen die Musiker mit ihrer Zuneigung zum Hustensaft in der Öffentlichkeit nicht um. Vor allem der Jüngling erwähnt das Opiat regelmäßig in seinen Songs: "Ich brauch Codein, denn ich bin süchtig nach der gottverdammten Medizin" rappt er in seinem gleichnamigen Song "Codein".

Auch am Telefon spricht er mit uns völlig unverkrampft über seinen Konsum – als ob es das Normalste der Welt wäre: "Ich trinke das, weil das so die nice amerikanische Droge ist", sagt der Musiker. "Lil Wayne ist hauptschuldig daran." Über die Risiken wisse er aber durchaus Bescheid, beteuert er: "Man soll das Zeug nicht zu oft nehmen. Es ist schließlich ein Opiat. Das ist gefährlich."

Doch wie kommt er überhaupt an den Hustensaft ran? Schließlich ist der in Deutschland rezeptpflichtig. Das sei ganz unterschiedlich, sagt der Rapper: "Es gibt in der EU in den Ländern verschiedene Regelungen. In der Schweiz ist es beispielsweise rezeptfrei. Außerdem kann man das auch aus Frankreich bestellen – in Online-Apotheken", so der 20-Jährige. Als wir der Pressesprecherin der Bundesapothekerkammer, Ursula Sellerberg, davon erzählen, wird sie sofort skeptisch. "Wenn Sie irgendwas im Internet bestellen, ist die Gefahr groß, dass es ein gefälschtes Arzneimittel ist", sagt sie. "Rezeptpflichtige Medikamente bekommt man legal nur, wenn man auch ein Rezept hat. Wenn man das irgendwo bestellt in Hong Kong, Dubai oder Frankreich und da kein Rezept vorlegen muss, ist nicht garantiert, was drin ist."

Eigentlich gibt es kein Codein-Problem in Deutschland – oder doch?

Wenn der Konsum also nicht ohne Risiko ist – warum greifen Rapper dann so unbekümmert zu dem Opiat? "Weil es für meine Musik eine wichtige Inspirationsquelle ist", sagt Hustensaft Jüngling. "Die Eindrücke sind viel stärker. Das heißt, man fühlt alles viel intensiver. Ich kann dadurch viel melodischere und harmonischere Songs machen. Das hört man auch in meinem neuen Album 'Der erste Rapper mit Abitur'." Dennoch: Allein das Beschaffen des codeinhaltigen Hustensaftes scheint eine echte Herausforderung zu sein.

Youtube-Kanal "Drugslab": Niederländerin testet Drogen vor laufender Kamera


Doch wie hoch ist die Zahl der Konsumenten tatsächlich? Als wir bei der Pressestelle der Drogenbeauftragten der Bundesregierung nachfragen, ob es in den vergangenen Monaten einen auffällig hohen Opiat-Missbrauch gegeben hat, ist man überrascht: Von solchen Fällen wisse man nichts, heißt es. Das Einzige, was man uns schickt, sind Zahlen aus dem "Jahrbuch Sucht 2017". Denen zufolge gibt es schätzungsweise 1,9 Millionen medikamentenabhängige Menschen in Deutschland. Wie viele davon codeinabhängig sind, sei nicht bekannt, heißt es von Seiten der Behörde.

Opioide größeres Problem als Opiate

Rainer Thomasius schätzt die Zahl aus seiner täglichen Arbeit im Suchtbereich aber als eher gering ein. Bei den Jugendlichen sieht er vielmehr ein Problem mit Opioiden als mit Opiaten. "Die haben eine höhere Potenz und können dadurch auch stärkere Effekte setzen", sagt der Arzt. Der größte Unterschied zwischen den beiden Substanzen, die in der Medizin größtenteils als Schmerzmittel eingesetzt werden, ist die Herstellung. Während Opiate aus Schlafmohn gewonnen werden, sind Opioide entweder voll oder halb synthetisch hergestellt.

In den USA ist der Purple Drank dagegen bereits ein ernstes Problem unter Jugendlichen, wie jüngst eine Umfrage, aus der der BR zitiert, unter Teenagern in North Carolina ergab. Demnach haben bereits ein Drittel der Befragten schon Erfahrungen mit Codein gemacht. Allerdings könne man die Länder nicht miteinander vergleichen, sagt Thomasius. "Deutsche Ärzte handeln im Gegensatz zu den amerikanischen leitliniengerechter. Hier werden Medikamente nur sehr selten verschrieben, was wiederum zu weniger Abhängigkeit führt."

Die Zahlen geben dem Experten Recht. Zwar stieg in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) im Jahr 2016 die Anzahl der Drogentoten im Vergleich zum Vorjahr von 1200 auf mehr als 1300 an. Dazu zählen auch alle, die an psychoaktiven Stoffen wie Opioiden und Opiaten gestorben sind. Das steht aber in keinem Verhältnis zu den USA. Dort starben laut Daten der "New York Times" im gleichen Zeitraum mehr als 65.000 US-Bürger. Natürlich muss man dabei beachten, dass Amerika ungefähr viermal so viele Einwohner wie Deutschland hat. Nichtsdestotrotz sind die Todeszahlen in den Vereinigten Staaten 40 Mal so hoch. Nicht umsonst rief US-Präsident Donald Trump im August des vergangenen Jahres deswegen den nationalen Notstand aus.

Haben Musiker einen Einfluss auf die Zahl der Toten?

Eine große Mitschuld daran haben die Pharmaunternehmen, die diese Medikamente in den neunziger Jahren als neue Allzweckwaffe gegen chronische Schmerzen bewarben und Ärzte dazu brachten, sie häufiger zu verschreiben. Das heißt: Der Einfluss von Pharmaindustrie und Ärzten ist immens und wahrscheinlich um einiges höher als der von Musikern.

Doch auch deren Rolle dürfe man nicht unterschätzen, sagt Thomasius: "Musiker haben eine wichtige Vorbildfunktion und wirken ganz stark als Mediatoren auf jugendtypische Szenen ein. Insofern ist das eine Gruppe, an der sich Jugendliche orientieren. Deshalb ist es meiner Meinung nach ein nicht zu unterschätzendes Problem, wenn Musiker nach außen offerieren, dass Codein in Verbindung mit Brause gute Gefühle erzeugt."

Hustensaft Jüngling sieht das etwas anders als der Suchtexperte  - er weist eine Mitschuld von sich. "Ich würde die Leute auch nicht unterschätzen", sagt er. "Ich glaube nicht, dass meine Fans so naiv sind und alles machen, was ich auch mache. Die klären sich schon selbst auf. Das ist ja das Gleiche wie zu behaupten, alle Alkoholiker seien nur Alkoholiker, weil sie in Filmen gesehen haben, dass dort Alkohol getrunken wurde. Ich lass mir dafür nicht die Schuld in die Schuhe schieben."

Am Ende scheint der Missbrauch von Hustensaft hier in Deutschland aber eher ein Szene-Ding von Rappern zu sein, die sich von ihren Vorbildern und Einflüssen aus den USA haben inspirieren lassen. Dafür sprechen zum einen die Aussagen von Drogenbeauftragten und Experten, die von Codein-Missbräuchen nichts wissen, und zum anderen, dass das Beschaffen des Opiats hierzulande noch immer eine echte Herausforderung darstellt. Vermutlich wird sich daran auch erst einmal nichts ändern – zumindest solange sich andere legale und illegale Rauschmittel leichter beschaffen lassen. Noch sind also "nur" oder sagen wir vor allem die Rapper auf Hustensaft.

Crowdfunding-Aktion : Schutz beim Feiern: Diese Serviette soll vor K.-o.-Tropfen im Glas warnen