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Meinung

Chartstürmer: Capital Bra erfolgreicher als die Beatles? Bitte hört auf, die Erfolge zu vergleichen

Ist Capital Bra erfolgreicher als die Beatles? Mit seinem Song "Cherry Lady" schaffte er es zum zwölften Mal auf Platz eins der deutschen Single-Charts – und knackte damit einen Rekord der Band aus Liverpool. Trotzdem lassen sich die Erfolge nicht miteinander vergleichen, findet unser Autor.

Capital Bra erfolgreicher als die Beatles?

Mit seinem Song "Cherry Lady" holte Capital Bra seine insgesamt zwölfte Nummer-eins-Platzierung in den deutschen Single-Charts – und stellte damit einen Rekord der Beatles ein. Die liegen bei elf Nummer-eins-Hits. 

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Die Aufregung im Netz ist groß. Mal wieder. Viele Nutzer sind fassungslos. Sie können und wollen es nicht akzeptieren. In den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke lassen sie ihren Frust darüber raus. Sie schreiben Sätze wie "Ein ganz trauriger Tag für die Musikwelt", "Ob Schüler in 20 Jahren seine 'Songs' im Musikunterricht lernen?" und "Das ist übrigens auch ein Grund, warum Außerirdische keinen Kontakt mit uns aufnehmen wollen".

Der Grund dafür ist Vladislav Balovatsky, besser bekannt als Capital Bra. Der Rapper ist seit vergangenem Freitag der Künstler mit den meisten Nummer-eins-Hits in Deutschland. Mit seiner Coverversion des Modern-Talking-Hits "Cherry Lady" hat er seine insgesamt zwölfte Nummer-eins-Platzierung in den deutschen Single-Charts eingefahren. Damit übertrifft er die ehemalige Bestmarke der Beatles, die elfmal auf Platz eins standen. Mit anderen Worten: Capital Bra ist erfolgreicher als die Beatles.

Diese Meldung verstört nun viele Menschen nicht nur, sie kommt für sie einem Weltuntergang gleich. Der Vorwurf lautet: Was der mache, sei keine Musik. Und nun soll ausgerechnet DER auch noch erfolgreicher sein als die größte Band aller Zeiten. Das kann nicht wahr sein. Doch ist Capital Bra wirklich erfolgreicher? Und: Was steckt hinter seinem Erfolg?

Streaming – die Zeitenwende des Musikmarktes

Die Suche nach Antworten beginnt im Jahr 2013. Damals feiert das Musik-Streaming seinen endgültigen Durchbruch. Immer mehr Menschen fangen an, ihre Musik über Plattformen wie Spotify zu hören. Dieser Trend entgeht auch der Musikindustrie nicht. Im März desselben Jahres entscheiden sich die USA, die Streaming-Daten erstmals in die Charts-Wertung miteinfließen zu lassen. Fast ein Jahr später folgt auch Deutschland.

Seitdem werden alle Premium-Streams – das sind die Streams der Nutzer, die auch ein Abonnement bei Spotify und Co. abgeschlossen haben – ab einer Länge von 31 Sekunden gezählt. Allerdings werden diese anders bewertet als beispielsweise ein Download oder eine verkaufte CD. Denn die Charts werden nicht nach der Anzahl der Verkäufe ermittelt, sondern nach den getätigten Umsätzen. Also: Eine verkaufte CD-Single ist deutlich mehr wert als ein Stream.

Da die physischen Verkäufe (CD und Vinyl) auf dem deutschen Musikmarkt immer noch größer waren als die digitalen, hat man zu Beginn noch nicht viel von der Änderung in den Charts gemerkt. Doch im vergangenen Jahr hat eine Zeitenwende in Deutschland stattgefunden. Erstmals lag der Marktanteil des Musik-Streamings über den CD-Verkäufen. Für Künstler und Bands bedeutet das: Wer oft gestreamt wird, ist weit vorne in den Charts. Das sind momentan vor allem Rapper. Zufall?

Wohl kaum. Tatsächlich liegt es an den jungen Nutzern von Streaming-Dienst-Anbietern. Wie eine Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) im Auftrag von ARD und ZDF herausfand, sind 79 Prozent der Streaming-Nutzer zwischen 14-29 Jahren. Jene Altersgruppe hört eben besonders häufig Hip-Hop/Rap. Das heißt: Rapper haben am meisten von der Änderung profitiert, dass Streaming in die Berechnung der Charts miteinbezogen wird.

Social Media und der technische Fortschritt

Streaming ist also ein Teil der Antwort auf die Frage, was hinter dem Erfolg von Capital Bra steckt. Ein weiterer Teil ist der Aufwand der Produktionen. Durch den technischen Fortschritt kann sich inzwischen jeder zu Hause für wenig Geld sein eigenes Studio bauen. Die Folge davon ist, dass die Produktionskosten gesunken sind und der Aufwand, Musik aufzunehmen, nicht mehr so hoch ist. Daraus resultiert wiederum ein Anstieg des musikalischen Outputs. Capital Bra veröffentlicht beispielsweise fast jede Woche einen neuen Song und ein neues Musikvideo.

Hinzu kommt ein monströses Social-Media-Marketing. Allein auf Instagram folgen ihm über 2,9 Millionen. Sein Youtube-Kanal "Joker Bra" hat weitere 1,2 Millionen Abonnenten. Denen gibt er durch neue Postings, Videos und Stories ständig neues Futter. Die wiederum reagieren darauf, indem sie seine Veröffentlichungen tausendfach kommentieren. Die Folge: eine noch größere Reichweite. Denn die Algorithmen der sozialen Netzwerke funktionieren so, dass sie besonders die Inhalte mit einer hohen Interaktion noch öfter verbreiten.

Beispielsweise wurde das Video, in dem Dieter Bohlen und Capital Bra die Single "Cherry Lady" ankündigen, fast 2,8 Millionen Mal aufgerufen. Wohl bemerkt: Ein völlig inhaltsloser einmütiger Clip, worin die beiden nur sagen, dass sie in Deutschland alles damit rasieren werden. Diese Reichweite konnte man in den 70er-Jahren lediglich durch Interviews im Radio, Fernsehen oder Zeitungen bekommen. Heutzutage reicht ein Posting bei Instagram.

Capital Bra und die Beatles unterscheiden Welten

Fassen wir also noch einmal zusammen: Streaming hat den Musikmarkt und die Charts verändert, der technische Fortschritt senkt die Produktionskosten und ermöglicht einen höheren Output, die sozialen Netzwerke sorgen für eine unvergleichbare Reichweite und die jüngere Generation hört vor allem viel Rap. All diese Faktoren zeigen, warum Capital Bra so erfolgreich ist. Sie zeigen aber auch, dass man seinen Rekord nicht mit dem der Beatles vergleichen kann.

Dabei geht es noch nicht einmal darum, ob seine Musik nun schlechter oder besser ist. Es soll auch nicht den Erfolg des Rappers schmälern. Ganz im Gegenteil: Der Musikmarkt hat sich nur in den vergangenen Jahren so stark verändert, dass sich Beatles und Capital Bra niemals vergleichen lassen. Die Erfolgsfaktoren sind ganz andere geworden. Während früher Massentauglichkeit eine große Rolle gespielt hat (Radioplays, Zeitungsinterviews und Fernsehauftritte), reicht heute eine große stabile Fanbase (Youtube-Abonnenten oder Instagram-Follower). Aus diesem Grund hinkt fast jeder Vergleich – auch ob Capital Bra wegen seiner zwölf Nummer-eins-Hits erfolgreicher als die Beatles ist.

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Quellen: Charts / Dance-Charts / Statista / Bundesverband Musikindustrie / Tagesschau