HOME

Gemeinsam stark

"Es war Wahnsinn!": Leukämie. Mit 16. Doch Tausende wollten Paula von einem Tag auf den anderen helfen

Es gibt Momente, die einem den Glauben an den Menschlichkeit zurückbringen. Paula Rüpcke war an Leukämie erkrankt und wäre wohl innerhalb weniger Wochen gestorben, hätten ihre Familie und Freunde nicht ein ganz bestimmtes Video auf Facebook gepostet.

Von Ann-Christin Bassin

Der Kampf einer 16-Jährigen gegen Leukämie

Gemeinsam im Kampf gegen Leukämie: Paula Rüpcke und ihre Mutter Cathrin auf der Kinderkrebsstation in der Hamburger Uniklinik Eppendorf 

Blass und noch recht schlapp schaut Paula aus der weißen Krankenhaus-Bettwäsche. Ihr kahler Schädel wird von einer dünnen Mütze bedeckt. Die Füße schmerzen. Die 16-Jährige hat bereits viel mitgemacht und ist unendlich dankbar, noch am Leben zu sein.

Im Februar 2017 erhielt sie die niederschmetternde Diagnose: akute myeloische Leukämie (ALM), eine besonders aggressive Form von Blutkrebs. Ein Befund, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte – und das ihrer Familie. Nur eine Stammzellen-Spende konnte die Gymnasiastin aus Schenefeld in Schleswig-Holstein retten. Doch Stammzelle ist nicht gleich Stammzelle, es musste ein Spender mit den für Paula passenden Stammzellen sein. Aus ihrer Familie kam leider niemand in Frage.

Paula wurde täglich schwächer und ein Wettlauf gegen die Zeit begann. Ihre Familie und Freunde nahmen den Kampf auf. Doch in der Datenbank der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) war kein passender Spender zu finden. Man organisierte eine große Typisierungsaktion. Auch ohne Erfolg.

Bis jemand auf die Idee kam, mit einem Video auf Facebook auf Paula aufmerksam zu machen. Was dann passierte, war unglaublich. Das Video verbreitete sich tausendfach durch die sozialen Netzwerke. Darauf berichteten Zeitungen von Paulas Schicksal. Und die Welle der Solidarität im Netz schwappte mitten ins reale Leben der Rüpckes. Praktisch von einem Tag auf den anderen standen 3070 Menschen vor der Tür, um sich testen zu lassen. Alle bewegte nur ein Herzenswunsch: der 16-Jährigen zu helfen. 

Die Solidaritätswelle aus dem Netz schwappt in die Realität

Paula: "Es war Wahnsinn, wie viele Menschen zur Typisierung gekommen waren! Davon profitieren übrigens auch viele andere Leukämie-Patienten. Schade, dass ich selbst nicht vor Ort sein konnte, weil ich von den Chemos noch zu schlapp war. Aber ich hab’s mir erzählen lassen und die Fotos gesehen. Bereits um 9 Uhr, zwei Stunden vor Beginn der Aktion, standen die ersten Menschen an, wenig später ging die Schlange einmal rund ums ganze Feuerwehrhaus." Paula erhielt viel Zuspruch von Leuten, die sie noch nie im Leben gesehen hatte. Sie bekam Schmuck, Kuscheltiere und ein tragbares Radio von Wildfremden zugeschickt.

Auch ihre Mutter Cathrin Rüpcke (51) ist tief bewegt: "Wir waren überwältigt von den Reaktionen und unfassbar dankbar. Wir erhielten Geldspenden von Menschen, die schrieben, sie seien zu alt für eine Knochenmarkspende, aber würden trotzdem gern helfen. Das Stadtzentrum Schenefeld hatte die Parkmöglichkeiten für so viele Menschen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Es ist erstaunlich, wie sehr diese Aktion unseren Ort zusammengebracht hat. Dieser Tag gehörte zu den großartigsten in meinem Leben."

Die schönste Nachricht überhaupt im Kampf gegen Leukämie

Dann folgte am 9. Mai die schönste Nachricht, die Familie Rüpcke erreichen konnte: Für Paula wurden gleich drei mögliche Stammzellen-Spender gefunden. Seit der OP kämpft die Gymnasiastin weiter tapfer im Universitäts-Krankenhaus Hamburg-Eppendorf gegen die Krankheit. Ihre Mutter weicht nicht von ihrer Seite, übernachtet meist im selben Zimmer. 

Auch Vater Jörn (55) und die Geschwister Svenja (28), Hans-Jörn (22) und Tom (19) verbringen jede freie Minute an Paulas Krankenbett. Als Paula ihre geliebten langen Haare verlor, ließen sich ihr Vater und ihre Brüder ebenfalls eine Glatze schneiden. "Meine Familie nimmt mir die Angst und gibt mir Normalität. Ohne sie würde ich das nicht durchstehen", sagt das Mädchen.

Transplantation erfolgreich, ab jetzt heilt die Zeit

Paula hat dem Krebs den Kampf angesagt, sich von der Schockdiagnose nicht unterkriegen lassen und die Transplantation von Stammzellen gut überstanden. Heute geht es ihr den Umständen entsprechend gut. Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis die neuen Zellen das Immunsystem wieder aufgebaut haben. Die Chancen stehen gut. Doch ihren Spender oder ihre Spenderin darf Paula erst kennenlernen, wenn alles gut gegangen ist und beide es wollen.

"Ich würde meinem Spender oder meiner Spenderin natürlich gern persönlich danken", sagt sie mit leiser Stimme. "Schließlich möchte ich das Abitur machen und danach Polizistin werden. Mein Vater hat mir versprochen, dass wir nach Mallorca oder auf die Kanaren reisen, wenn alles überstanden ist." Der Gedanke daran gibt ihr Kraft.

Themen in diesem Artikel