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Gemeinsam stark

Musik als Therapie: Ein Konzert in der Kinderklinik? Kein Problem für Jupiter Jones!

"Station to Station" hieß es bei David Bowie - es könnte das Motto von Nicole und Nadja sein. Sie bringen Revolverheld, Silbermond und Co. dorthin, wo die Kraft der Musik ganz besonders gebraucht wird: in die Kinderkliniken.

Von Ingo Scheel

Kinder im Krankenhaus brauchen coole Musik! Die Idee zu den Kinderklinikkonzerten hatten Nicole John (l.) und Nadja Benndorf

Kinder im Krankenhaus brauchen coole Musik! Die Idee zu den Kinderklinikkonzerten hatten Nicole John (l.) und Nadja Benndorf

Was der Lieblingssong mit dir anstellen kann, ist bekannt: Er kann dem Liebeskummer den richtigen Soundtrack verpassen, er kann trösten oder dich erst so richtig in die Misere schieben. Dieses eine Riff gefällt dir so gut - du musst es einfach immer und immer wieder hören. Und jener Hip-Hop-Track, den ihr auf dem Festival so abgefeiert habt ... nochmal einlegen, anklicken, auflegen, und es fühlt sich fast so an wie damals, als würde sich das Sonnenlicht im Bierbecher brechen, du die Stimmen deiner Freunde hören, das Lachen, genau wie letztes Jahr im Sommer. Manchmal aber kommt einem Song eine Aufgabe zu, die ist schlichtweg überlebenswichtig: Er soll das Licht hereinlassen, das Dunkel beiseite schieben, die schlimmen Dinge, den Schmerz, das Leid, die Angst vergessen machen. Und sei es nur für eine halbe Stunde.

Genau diese Idee hatten Nicole John und Nadja Benndorf vor einigen Jahren. Nicole ist Rettungsassistentin und so schon von Berufs wegen täglich mit dem Leid auch der jüngsten Patienten konfrontiert. Auf einem Konzert der Band medlz ("Ich bin morgens immer müde") hatte sie Nadja, deren Fanclub-Vorsitzende, kennengelernt. Die beiden kommen ins Gespräch, freunden sich schnell an. Von Nadja erfährt Nicole, dass die Band bereits auf einigen Krebs-Stationen in Kinderkrankenhäusern gespielt hat. Nimmt man es genau, dann ist dies die Geburtsstunde der Kinderklinikkonzerte. Im Jahre 2011 findet das erste Konzert statt, binnen kürzester Zeit wird auf allen Stationen der Dresdner Kinderklinik gerockt, geklampft, gesungen. Zwei Jahre später zieht es Nicole berufsbedingt nach Magdeburg, Nadja pendelt - die Kinderklinikkonzerte bestehen weiter.

Musik als Therapie, als wirksames Mittel, um geistige, seelische oder körperliche Heilung zu beschleunigen oder zu unterstützen, hat eine lange Geschichte. Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurde sie praktiziert. Musiktherapie kann dialogisch, im gemeinsamen Musizieren, ihren Ausdruck finden, im Anthroposophischen ist die Rede davon, dass sich in der Musik die "Ordnung des Kosmos widerspiegele". Die "Insight Music Therapy" beschreibt einen Prozess, bei dem Patienten in Kontakt mit ihren Emotionen kommen sollen und so Spannungen, Ängste und Probleme nicht nur identifizieren, sondern vor allem auch lösen sollen.

Mit Jupiter Jones und Silbermond gegen den Krankenhauskoller

Für die jungen Zuschauer bietet die Musik, wie sie Nadja und Nicole in die Krankenhäuser bringen, vor allem eines: Abwechslung vom Klinik-Alltag. Langwierige Behandlungen zehren die Jüngsten aus, die Abläufe auf den Fluren sind gleichförmig, für die Kinder und ihre Familien sind ist diese Zeit unvorstellbar fordernd, das Leben oft bedrückend. Wer aber in die Gesichter schaut, wenn plötzlich Künstler wie Jupiter Jones oder 3Berlin, Max Giesinger oder Silbermond im Krankenzimmer, im Tagesraum oder auf dem Stationsgang ihre Hits zum Besten geben, der erkennt sofort, wie effektiv diese Idee der Klinikkonzerte letztlich ist.

Wenn Kinder zu schwach für den Konzertbesuch sind, dann kommt die Musik auch zu ihnen ans Bett. Max Giesinger spielt hier ganz allein für ein Kind im UKE Hamburg.

Wenn Kinder zu schwach für den Konzertbesuch sind, dann kommt die Musik auch zu ihnen ans Bett. Max Giesinger spielt hier ganz allein für ein Kind im UKE Hamburg.


Dass es sich hier durchaus um Big Names handelt, wirft logistische Probleme auf: Wie bekommt man es hin, dass Größen wie Revolverheld oder Silbermond undercover spielen, ihre Shows tatsächlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit und exklusiv für die kleinen Patienten stattfinden? Nadja und Nicole lösen auch diese Aufgabe und lassen deren Konzerte ganz geheim im Hangar des Magdeburger Rettungshubschraubers Christoph 36 im Olvenstedter Klinikum stattfinden.

"Es war ein Konzert, das ich mit keinem anderen in meiner bisherigen Karriere vergleichen kann", resümiert ein sichtlich bewegter Max Giesinger unmittelbar nach seinem Auftritt im Universitätsklinikum Eppendorf im vergangenen November. Es ist das 13. Konzert der Reihe, das erste in Hamburg überhaupt, und um die 100 jungen Zuschauer erfreuen sich an Hits wie "80 Millionen".

Gute Aussichten: Konzerte das ganze Jahr in ganz Deutschland

Anfang 2017 wurden die beiden "Magdeburgerinnen des Jahres", zu den Gratulanten zählten natürlich auch all die Stars, die sich bisher in den Dienst der guten Sache gestellt haben. Ein Ende der Initiative ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil. Weitere Konzerte sind längst in Planung, die Euphorie und die Bestätigung in ihrem Tun hat einen simplen Grund, der von 2011 an bis heute und darüber hinaus besteht. Nadja bringt es im Interview mit dem "Magdeburger Lokalanzeiger" auf den Punkt: "Das Leuchten in den Augen der Kinder, die Freude und die vielen positiven Reaktionen haben uns darin bestärkt, dass das, was wir tun, gut ist."

Visionen gibt es natürlich auch, und darauf können sich kleine Patienten landauf, landab freuen, denn mittelfristig sollen die Konzerte übers ganze Jahr verteilt, in ganz Deutschland stattfinden. Und wenn wir am Ende noch einmal auf David Bowie zurückkommen, landet man unweigerlich bei seinem legendärsten Song: "Dann sind wir Helden" heißt es da - und auch damit könnten ganz sicher Nadja und Nicole gemeint sein.

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